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Gas zehnmal so teuer wie in den USAIneos muss weitere Anlagen in Köln stilllegen

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Luftaufnahme des Ineos-Gelädnes

Das Gelände von Ineos liegt in Worringen in direkter Nachbarschaft zum Chempark Dormagen.

Kölns größtes Chemieunternehmen gibt die Produktion an zwei weiteren Anlagen auf. Sie werden zunächst stillgelegt, die Belegschaft schrumpft weiter.

Wie soll eine Industrie überleben, wenn einer der wesentlichen Rohstoffe zwölfmal teurer ist als bei der Konkurrenz? Einen Teil der Antwort gab die britische Ineos Group am Anfang dieser Woche: gar nicht. „Wir können einfach nicht mehr mithalten“, bekannte Firmenchef Jim Ratcliff, als er am Dienstag die Schließung dreier Chemieanlagen im englischen Hull bekannt gab. 4000 zumeist hochqualifizierte Arbeitsplätze in den Anlagen und in der angeschlossenen Lieferkette sind bedroht.

Der Rohstoff, für den mittlerweile so unterschiedliche Preise in verschiedenen Weltregionen gezahlt werden, ist kein seltenes Industriemetall, keine austauschbare Komponente, sondern: Erdgas. Und damit die Basis für die chemische Produktion schlechthin, sowohl zur Energieerzeugung, wie auch als Ausgangsstoff für eine Vielzahl von Produkten.

50 Arbeitsplätze gehen verloren

„Wir können diese Zahlen bestätigten“, sagt Stephan Müller, Energy Commercial Manager bei Ineos in Köln. Zwar sei das Gefälle nicht ganz so hoch wie in Großbritannien, aber europäisches Gas sei derzeit in etwa um den Faktor zehn teurer als US-amerikanisches. Das hat auch in Köln Folgen. Zwei große Anlagen zur Produktion von Propylenoxid  und Propylenglykol mussten kürzlich stillgelegt werden. Die beiden Chemikalien kommen in zahllosen Alltagsanwendungen zum Einsatz. In Frostschutzmitteln genauso wie in Bremsflüssigkeit, Farben und Lacken, Matratzen oder Isolierschäumen. Auch Cremes, Salben oder Zahnpasta müssen nun ohne die beiden Zusätze aus Kölner Produktion auskommen.

30.05.2025, Köln: Stephan Müller ist Energy Commercial Manager bei Ineos Köln

Stephan Müller, Energy Commercial Manager bei Ineos Köln.

Ineos, Kölns größtes Chemieunternehmen und nach wie vor einer der größten industriellen Arbeitgeber der Stadt, verliert mit der Anlageschließung bis zu 50 Jobs. „Wie schon in der Vergangenheit, setzen wir auf sozialverträgliche Lösungen“, erklärt Patrik Giefers, Geschäftsführer von Ineos Köln. Die Betroffenen konnten auf andere Stellen gebracht oder früher in den Ruhestand verabschiedet werden.

Porträt Patrick Giefers

Ineos Köln-Geschäftsführer Patrick Giefers

Belegschaft auf 2100 geschrumpft

Es sind nicht die einzigen Stellen, die zuletzt weggefallen sind. „Ineos Köln hat derzeit rund 2100 Beschäftigte“, sagt Giefers. Vor einem Jahr waren es noch 2300, im Jahr zuvor noch an die 2500. Nicht immer stecken Anlageschließungen dahinter. „Es gibt weniger Projekte, weniger Erweiterungsbauten, Investitionen in Infrastruktur werden zurückgefahren“, beschreibt Giefers die Sparmaßnahmen.

Es ist die einzige Möglichkeit, kurzfristig auf die Lage zu reagieren. Denn Alternativen zum Gas, etwa durch Wasserstoff oder Elektrifizierung, sind nicht vorhanden. „Wir haben unseren Energieversorger gefragt, wie lange es dauern würde, die benötigten Kapazitäten bei uns zur Verfügung zu stellen. Die Antwort war: zehn bis zwölf Jahre“, sagt Müller. Ähnlich weit entfernt ist auch die Option, CO₂ in den Kölner Ineos-Anlagen abzuscheiden und einzulagern. Für entsprechende Lagerstätten etwa in der Nordsee gibt es erste Pilotprojekte, auch von Ineos. Die Pipelines, die über Ländergrenzen hinweg gebaut werden müssten, um relevante Mengen an CO₂ aus Köln an die Küste zu bringen, sind aber lange noch nicht geplant, geschweige denn gebaut.

80 Millionen Euro pro Jahr für Klimazertifikate

So lange muss Ineos immense Summen aufbringen, um die Emissionszertifikate für den eigenen CO2-Ausstoß zu kaufen. Müller spricht von rund 80 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Wenn die Zahl der Zertifikate weiter verknappt wird wie derzeit geplant, könnte der Kostenblock bald auf über 100 Millionen ansteigen, glaubt der Ineos-Manager. „Das sind zusätzliche Kosten, die in dieser Höhe in keinem anderen Land der Welt anfallen“, betont er.

Das führt zu einem Paradox. Während die hiesige Chemieindustrie zwischen hohen Energiekosten und der Belastung durch den Emissionshandel zerrieben wird, importiert Deutschland die nach wie vor benötigten Chemikalien aus anderen Weltregionen. Ineos spricht von einem achtmal so hohen CO₂-Abdruck für in China hergestellte Materialien, bei US-Produkten falle doppelt so viel klimaschädliches Kohlenstoffgas an.

Selbst das so teuer nach Deutschland eingeführte Flüssiggas werde letztlich durch Fracking gewonnen, so Müller. Eine Methode, die ebenso gut in der EU zur Gasgewinnung angewandt worden könne, aber nicht genutzt werde.

„Die Situation ist existenzbedrohend“

Einen Ausweg sehen die Ineos-Lenker in höheren Zöllen, um die Wirkung chinesischer Dumping-Ware zu dämpfen und in einer grundlegenden Reform des Zertifikatehandels. Der könnte zum Beispiel auf einzelne Industrien abgestimmt werden. „In der Zementbranche gibt es keinen internationalen Wettbewerb, da transportiert niemand ein Haus aus China hierher“, sagt Müller. Will sagen: Hier die Anforderungen an den Klimaschutz hochzuschrauben, verteuert zwar die Produkte, zerstört aber keinen ganzen Industriezweig.

Genau das droht der Basischemie in Deutschland nämlich. „Die Situation ist existenzbedrohend“, so Müller. 30 Prozent der Steamcracker, also der zentralen Anlagen in den großen Chemparks, seien europaweit bereits geschlossen worden. Weitere 20 Prozent stünden derzeit auf der Kippe. Mit möglicherweise fatalen Konsequenzen. „Wenn die Industrie weiter verschwindet, wird die Abhängigkeit etwa von China in allen Lebensbereichen wahnsinnig hoch sein“, führt Müller aus.  „Von Gütern aus der Verteidigungsindustrie über Arzneimittel bis hin zu Materialien für die energetische Transformation“, überall werde Deutschland auf Einfuhren angewiesen sein.

Iran-Krieg verschafft Branche eine Atempause

Der Iran-Krieg hat Ineos in Köln eine kurze Verschnaufpause verschafft. Die Konkurrenz in Asien war viel stärker von Lieferengpässen betroffen als die Kölner. „Unser Ergebnis ist dennoch weit entfernt von dem Niveau vor der Gaskrise 2022“, erklärt Geschäftsführer Giefers. 38 Auszubildende konnte er im jüngst gestarteten Jahrgang begrüßen. 60 sind es in der Vergangenheit gewesen. Ineos macht sich wetterfest. Mit kleinerer Mannschaft und geschrumpftem Geschäft will man dem Sturm trotzen. Der Ende 2027 auslaufende Kündigungsschutz soll dennoch verlängert werden. „Das ist unser erklärtes Ziel“, so Giefers. „Das bringt Ruhe ins Werk.“