Abo

„Fast schon toxisch“Warum der Glasfaser-Ausbau trotz Rekordzahlen kriselt

5 min
Glasfaserausbau

Glasfaser-Kabel an einem Schaltschrank.

Der Glasfaser-Ausbau ist auf Rekordkurs, doch die Branche steckt wegen hoher Kosten und geringer Nachfrage in der Krise.

Glasfaser-Ausbau auf Rekordkurs, doch die Branche ist in der Krise. Obwohl die Verlegung von Glasfaser in Deutschland nie schneller war, herrscht Ernüchterung. Hohe Kosten und geringe Kundennachfrage belasten die Unternehmen. Eine gegensätzliche Entwicklung zeichnet sich ab: Die Verlegung von Glasfaserleitungen in Deutschland schreitet in einem beispiellosen Tempo voran. Die Leitungen für eine schnelle und stabile Internetverbindung sollen zum Ende des Jahres für 32 Millionen Haushalte und Unternehmen verfügbar sein, wie eine Untersuchung des Branchenverbands VATM belegt. Innerhalb von zwölf Monaten entspricht dies einem Zuwachs von 5,4 Millionen, was eine neue Bestmarke darstellt. Anstatt Feierlaune ist die Stimmung im Sektor jedoch gedämpft.

Das liegt an kostspieligen Bauarbeiten, erhöhten Zinssätzen sowie niedrigen Erträgen. Obwohl die Leitungen bereits vor der Tür verfügbar sind, unterzeichnet nur rund ein Viertel der Haushalte einen entsprechenden Vertrag für Glasfaser. Die Übrigen verwenden stattdessen weiterhin DSL über die Telefonleitung oder Internet via Fernsehkabel. Diese beiden Methoden nutzen Kupfer und werden als zunehmend überholt angesehen. Bei der Glasfasertechnologie werden Lichtimpulse anstelle von Daten übermittelt, was höhere Geschwindigkeiten ermöglicht.

Die Marktlage für Glasfaser sei angespannt, erklärt VATM-Geschäftsführer Frederic Ufer. «Man muss Geld verdienen können, um die hohen Ausbaukosten zurückzuverdienen - das aber ist derzeit verdammt schwer.» Von Seiten des Breitbandverbands Anga bemängelt Sascha Brok regulatorische Unklarheiten, welche nicht zu einer größeren Investitionssicherheit beitragen würden.

Einige Glasfaser-Firmen sind in Schwierigkeiten, was ein Fall aus NRW illustriert: Das Firmenkonglomerat Ruhrfibre und Metrofibre durchläuft ein vorläufiges Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, weil Finanzierungspartner ihre Zusagen widerrufen haben. Aktuell wird nach neuen Geldgebern gesucht. In Essen ist Glasfaser von Ruhrfibre für 100.000 Haushalte erreichbar, das Ziel liegt bei 137.000. Derzeit ist der Ausbau gestoppt. Auch für Herne, Bottrop, Mönchengladbach und Düsseldorf verfolgt die Firma ehrgeizige Pläne – deren Umsetzung ist jedoch ungewiss.

Deutsche Glasfaser-Chef Andreas Pfisterer

Deutsche-Glasfaser-Chef Andreas Pfisterer hat Investorengeld gesucht und gefunden.

Branche kämpft mit Finanzierungslücken

Anderen Betriebe konnten den Gang zum Amtsgericht zwar umgehen, waren aber ebenfalls intensiv auf der Suche nach frischen Finanzmitteln. Hierzu zählt das Düsseldorfer Unternehmen Deutsche Glasfaser, das vor Kurzem erfolgreich war und die Einwerbung von 1,2 Milliarden Euro meldete. Die Hamburger Firma Deutsche Giganetz stand ebenfalls unter Druck, konnte sich im Vorjahr jedoch eine Finanzspritze von 0,3 Milliarden Euro sichern. Im Februar verkündete die Kieler GVG Glasfaser eine zusätzliche Finanzierung in Höhe von 0,135 Milliarden Euro. Andere Wettbewerber hatten weniger Glück und sind nicht mehr am Markt aktiv.

Auf der Fachmesse Anga Com gab Andreas Pfisterer, der Chef von Deutsche Glasfaser, eine Reduzierung der firmeneigenen Expansionsziele bekannt. Die Akquise von neuem Kapital gestalte sich schwierig. «Das Thema Glasfaser-Ausbau in Deutschland ist für Finanzierende fast schon toxisch geworden.»

Deutsche Giganetz

Auch die Deutsche Giganetz hat frisches Kapital eintreiben können.

Verhaltene Kundennachfrage bei Glasfaser

Trotzdem die Tarife für Glasfaser-Internet nicht mehr so kostspielig sind wie in der Vergangenheit, bleibt die Resonanz der Kunden verhalten. Drei von vier Verbrauchern, für die ein Anschluss bereitsteht, lehnen ab oder erhalten keinen Zugang, beispielsweise weil Vermieter die erforderliche hausinterne Verkabelung blockieren. Manchmal reagieren potenzielle Neukunden auch einfach nicht auf Werbepost. Um dies zu verändern, greift die Industrie auf Vertriebsmitarbeiter an der Haustür zurück. Deren Auftreten wird jedoch bisweilen als derart aufdringlich wahrgenommen, dass sich Betroffene bei Verbraucherschutzorganisationen beschweren.

In Deutschland existieren etwa 300 Glasfaser-Firmen, von denen ungefähr zwei Drittel jeweils unter 10.000 Haushalte beliefern. Der Markt ist somit stark fragmentiert, doch mit der Deutschen Telekom gibt es einen dominanten Akteur. Verbandsvertreter Ufer macht dem Konzern den Vorwurf, seine überlegene Marktstellung zu missbrauchen und kleineren Wettbewerbern die Geschäftstätigkeit zu erschweren.

Glasfaserausbau in Erfurt

Ein Glasfaser-Schild der Vodafone-Tochter OXG an einer Baustelle.

Dominanz der etablierten Kupfernetze

Die Telekom weist diese Anschuldigung zurück und hebt hervor, dass ihre milliardenschweren Investitionen den Glasfaserausbau in Deutschland entscheidend beschleunigt hätten. An dieser Darstellung ist etwas Wahres: Laut der VATM-Studie wird fast die Hälfte der Haushalte und Firmen mit Glasfaserverfügbarkeit von der Telekom versorgt (Prognose zum Jahresende: 15,1 Millionen). Der Hauptkonkurrent Vodafone hatte im Glasfaserbereich einen missglückten Start und erreichte mit seiner Tochtergesellschaft OXG bislang nur 0,6 Millionen „Homes Passed“ – also Haushalte in Reichweite einer Glasfaserleitung.

Es ist bemerkenswert, dass die Telekom und Vodafone sowohl zur Lösung als auch zum Problem beitragen. Auf der einen Seite tätigen sie Investitionen in Glasfaser, auf der anderen Seite erhalten und pflegen sie ihre bestehenden Netze – bei der Telekom die DSL-Telefonleitungen und bei Vodafone die Fernsehkabel für die Internetübertragung. DSL wird aktuell von 21,8 Millionen Haushalten beansprucht und die TV-Kabel von 8,5 Millionen. Die Verbraucher bleiben bei diesen älteren Techniken, obgleich viele Glasfaser-Tarife zum identischen Preis oder mit nur geringem Aufpreis verfügbar wären.

DSL Anschluß

Router mit DSL-Kabel: DSL ist zwar eine alte, aber noch immer dominante Technologie am deutschen Internetmarkt.

Kupfernetze als Hindernis für den Wandel

«DSL ist für viele Menschen in Deutschland aktuell noch zufriedenstellend», fasst Verbandsvertreter Ufer zusammen. Während in anderen großen Mitgliedsstaaten der EU mit DSL lediglich Bandbreiten von 50 Megabit erzielt werden, sind es in der Bundesrepublik bis zu 250 Megabit pro Sekunde. Mit Internet über das Fernsehkabel – der Koax-Technologie – sind sogar 1000 Megabit möglich. Weshalb sollte man also umsteigen, wenn die vorhandenen Technologien genügen?

VATM-Geschäftsführer Ufer betrachtet die weite Verbreitung von DSL als ein Hemmnis für den Glasfasermarkt. Er hofft, dass der Bund mittels einer Gesetzesänderung Druck erzeugt, sodass die Telekom ihr DSL-Netz stufenweise deaktivieren und den Weg für „Fiber to the Home“ (FTTH) freigeben muss.

Die Telekom strebt ebenfalls an, dass ihre DSL-Nutzer zu Glasfaser wechseln, jedoch vorzugsweise zur Telekom-eigenen Glasfaser – und nicht zu der eines Konkurrenten. Das Unternehmen möchte seine Kunden keinesfalls zu einem Wechsel drängen, da diese verärgert reagieren und den Magenta-Konzern zukünftig meiden könnten. Nach der für 2026 geplanten deutschen Gesetzesnovelle könnte ein umfassenderes EU-Regelwerk ab 2028 den Druck weiter erhöhen.

Experte Ufer ist zuversichtlich. «Die Nachfrage nach Glasfaser-Internet wird deutlich steigen, denn Deutschland wird immer digitaler - und Glasfaser bietet die bestmögliche Übertragung der schier unendlichen Datenmassen.» Allein die zunehmende Nutzung von Künstliche-Intelligenz-Anwendungen mache deutlich, wie wichtig gutes Internet sei. Aber: «Um die Früchte des Glasfaser-Ausbaus zu ernten, brauchen die Marktteilnehmer einen langen Atem.» (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.