- Das wachsende Angebot veganer und vegetarischer Fleischersatzprodukte löst bei den Wurst- und Schinkenproduzenten keine Existenzängste aus.
- Andere Faktoren bereiten der Branche weit größere Sorgen, sagt Sarah Dhem, Präsidentin des Bundesverbandes Deutscher Wurst- und Schinkenproduzenten im Interview mit Dirk Fisser.
Frau Dhem, die Regalmeter in Supermärkten mit Fleischersatzprodukten nehmen zu. Muss das den Wurst- und Schinkenproduzenten Sorgen machen?
Das finde ich schon bemerkenswert: Ihre erste Frage in unserem Interview dreht sich um ein Thema, das gar nichts mit dem Kerngeschäft meiner Branche zu tun hat. Größere Probleme bereitet uns der Wandel im Ernährungsverhalten: Statt Pausen- und Abendbrot gibt es heutzutage Fertigpizza und andere Convenience-Produkte. Aber vegane Produkte bereiten mir keine Sorgen. Da können wir doch auch gleich beispielsweise über Schnittblumen sprechen!
Schnittblumen-Verkäufer buhlen allerdings nicht um Fleischesser, sind folglich keine Konkurrenz. Oder sehen Sie das gelassen, weil neben den Neugründungen längst auch etablierte Fleischwarenhersteller ins Vegan-Geschäft eingestiegen sind?
Genau deswegen macht mir der Vegan-Trend keine Angst, weder als Verbandspräsidentin noch als Unternehmerin. Wir können aus einer Masse an Rohstoffen eine Wurstware machen. Ob da nun Fleisch oder Erbsen drin sind, ist zweitrangig. Wir wissen einfach, wie das geht, und können das dann auch bewerben. Mittlerweile hat jeder Betrieb für sich geprüft, ob der Fleischersatz ein Thema sein könnte. Für meinen eigenen Betrieb hier haben wir die Frage mit Nein beantwortet. Das Thema ist sehr laut, die Umsätze sind aber noch recht überschaubar. Und das trotz solcher Werbekampagnen wie des „Veganuary“, des fleischfreien Januar.
Der Fleischkonsum in Deutschland geht allerdings seit Jahren zurück. Das muss Fleischwarenproduzenten doch beunruhigen!
Die Branche reagiert. Wir sind mittendrin, uns neu aufzustellen. Die Produzenten gehen in Richtung Tierwohl-Produkte, reduzieren den Fleischanteil in der Wurst und so weiter. Da wird schon viel gemacht. Es macht uns nichts, dass weniger Fleisch gegessen wird. Die Zeit der Völlerei ist vorbei. Unsere Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren mehr Fleisch gegessen, als es gut für sie war. Wer nachhaltig leben will, muss seinen Fleischkonsum senken. Weniger heißt dabei aber nicht schlechter. Wenn ich etwas Gutes esse, bedeutet das auch mehr Wertschätzung gegenüber dem Lebensmittel. Das ist für meine Branche keine schlechte Entwicklung.
Zur Person
Sarah Dhem leitet zusammen mit ihrem Vater Werner Schulte das Familienunternehmen Schulte – Lastruper Wurstwaren im Oldenburger Münsterland. 2015 gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann Mirko die Kalieber GmbH. Dhem ist Präsidentin des Bundesverbandes Deutscher Wurst- und Schinkenproduzenten sowie Vorsitzende des Verbandes Niedersächsischer Fleischwarenfabriken e.V. (EB)
Akut reden wir darüber, dass Tierhalter nichts verdienen, weswegen reihenweise Betriebe dichtmachen. Entlang der Wertschöpfungskette verdienen also gerade andere
Herr Özdemir sagte kürzlich mal: Früher landeten 50 Prozent der Einnahmen aus dem Fleischverkauf beim Landwirt, heute seien es nur noch wenige Cent. Ja, das mag so wohl stimmen, aber es wird dabei vergessen, dass wir mittlerweile deutlich arbeitsteiliger unterwegs sind. Heute wollen am Tier die Besamungsstation, der Sauenhalter, der Aufzüchter, der Mäster, der Viehtransporteur, der Schlachthof, der Verarbeiter, der Großhandel und der Handel verdienen. Es kann prozentual nicht mehr die Hälfte beim Landwirt bleiben, weil die Arbeit auf viele Schultern verteilt ist.
Ohne Tierhalter haben alle entlang der Kette ein Problem.
Das ist richtig. Derzeit geben besonders die Betriebe auf, die wir uns alle wünschen: familiengeführte Höfe, auf denen mit viel Herzblut gearbeitet wird. Umso dringender ist es ja, die offenen Fragen etwa beim Umbau der Tierhaltung endlich zu beantworten. Die Landwirte, aber auch wir Verarbeiter müssen wissen, wie es weitergehen soll. Mein Appell an die Politik ist daher: Macht endlich. Es wurde jetzt genug gestritten und diskutiert. Aber in einem Punkt dürfen wir uns alle nichts vormachen.
Nämlich?
Der Strukturwandel in der Landwirtschaft und der Lebensmittelwirtschaft wird insgesamt weitergehen. Das lässt sich nicht aufhalten. Wir haben ein Produktionsniveau erreicht, wo man sagen muss: Es ist zu viel.

