Obwohl so viel gegründet wird, wie nie zuvor, ist der Standort weit von internationalen Maßstäben entfernt. Das hat einen bestimmten Grund.
KI-BoomGründungsrekord bei deutschen Start-ups – auch in Köln

René Fergen ist Co-Gründer des Kölner KI-Start-ups Jupus
Copyright: Marcus Simaitis
Das junge Kölner KI-Unternehmen Jupus steht sinnbildlich für die aktuellen Entwicklungen der deutschen Start-up-Branche. Künstliche Intelligenz sei der zentrale Treiber, sagte Verena Pausder, Vorstandschefin des nationalen Startup-Verbands.
Und dieser Treiber lässt sich eben auch bei Jupus finden. 2022 haben René Fergen und Jannis Gebauer ihr Start-up gegründet: ein KI-Sekretariat für Anwaltskanzleien, das Aufgaben wie Mandantenanfragen, Terminbuchungen und Aktenanlage übernimmt. Mehr als 2000 Kunden zählen die Kölner inzwischen. Der Umsatz hat sich Unternehmensangaben zufolge von 2024 auf 2025 verfierfacht. Jupus beschäftigt demnach mittlerweile 70 Angestellte. Und: Mit 13 Millionen Euro verbuchte das LegalTech-Unternehmen im ersten Halbjahr 2026 die größte Finanzierungsrunde auf dem Kölner Markt. Auch auf Platz zwei findet sich ein KI-Unternehmen: Foodforecast. Mit einer Prognosesoftware mindern die Gründer Lebensmittelverschwendung. Sie sammelten acht Millionen Euro ein.
Mehr als ein Drittel der Start-ups mit KI-Bezug
Nicht nur die beiden Kölner Start-ups zeigen, dass KI eines der beherrschenden Themen der Szene ist. Branchenübergreifend wurden im ersten Halbjahr in Deutschland 3053 neue Firmen gegründet – eine Rekordzahl, die der Startup-Verband zwischen Januar und Juni verbuchte. Es seien 52 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025 und mehr als im ganzen Jahr 2024. Mehr als ein Drittel, 1038 Firmen, um genau zu sein, weisen einen klaren KI-Bezug auf. Das zeigt eine Studie, für die die Analysefirma Startupdetector Handelsregisterdaten ausgewertet hat. Der Software-Sektor bleibt demnach mit 844 Gründungen die mit Abstand stärkste Branche.
Die Sprachmodelle sind noch aus einem anderen Grund prägend: Sie ermöglichen es Gründern, schneller und einfacher mit weniger Kapital zu starten. „KI senkt die Hürden fürs Gründen deutlich und immer mehr Menschen nutzen diese Chance“, erklärte Pausder.
Aber auch die Situation am Arbeitsmarkt beschleunige den Trend. „Für viele Talente wird die eigene Gründung zur attraktiven Alternative, während etablierte Unternehmen bei Neueinstellungen deutlich zurückhaltender geworden sind“, so Pausder.
Reiche: Aus Gründungsboom Wachstumsschub machen
„Deutschland erlebt eine neue Gründerzeit“, sagte auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Jetzt komme es darauf an, aus diesem Gründungsboom einen Wachstumsschub zu machen. Dabei soll eine neue Strategie helfen. Ein Entwurf mit mehreren Maßnahmen, darunter bessere Finanzierungsbedingungen, Bürokratieabbau und leichtere Gründungsprozesse, befindet sich in Ressortabstimmung. Die Start-up-Branche hatte hier Verzögerungen kritisiert. „Eine Kabinettsbefassung der Strategie wird zeitnah angestrebt“, sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums. Der Anspruch sei, dass aus guten Ideen erfolgreiche Unternehmen würden – bis hin zu Weltmarktführern, so Reiche.
Da hängt Deutschland bislang allerdings noch hinterher. Seit Jahresbeginn sind laut Branchenverband zwar sechs Start-ups mit Milliardenbewertung hinzugekommen, sodass Deutschland nun 36 solcher „Unicorns“ zählt. Doch der Abstand zu den USA, wo viel mehr Wagniskapital an Gründer fließe, bleibe groß: Dort gebe es mehr als 900 Start-ups mit Milliardenbewertung. In Europa fehle ein starker Kapitalmarkt, sagte Pausder und sprach von steuerlichen und regulatorischen Hürden.
Die aktuellen Halbjahreszahlen zeigen, dass der Standort weiter gründungsstark ist, beim Zugang zu Kapital aber herausgefordert bleibt.
Dass bisher aber offenbar Anreize für Investoren fehlen, zeigt sich im Kleinen auch im Rheinland, wie Köln-Business-Geschäftsführer Manfred Janssen am Mittwochabend bei der Start-up-Summer-Night im Stadtgarten berichtete. Ein Blick auf die Kölner Gründerlandschaft zeigt demnach 894 aktive Start-ups, vorwiegend aus den Bereichen KI, Software, Werbung und Bildung, E-Commerce, Medizin und Rechtsberatung. Laut den Ergebnissen seiner Halbjahresbilanz stieg die Zahl der Neugründungen zwar erneut an: In den vergangenen sechs Monaten verbuchte die städtische Wirtschaftsförderung 76 neue Jungunternehmen. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2025 waren es nur 47.
Das große Manko aber: Die Investitionen gingen den Angaben zufolge stark zurück. Jupus, das Kölner Softwareunternehmen für Anwaltskanzleien, sticht als eine von wenigen Firmen hervor. Kapitalbeschaffung bleibt für viele Start-ups die große Herausforderung. Verzeichnete Köln Business im Vorjahreszeitraum noch 37 Finanzierungsrunden mit einem Volumen von 186 Millionen Euro, waren es von Januar bis Juni 2026 nur 28 Runden mit 47,3 Millionen Euro.
„Startups sind ein zentraler Motor für Innovation und wirtschaftliche Dynamik in Köln. Die aktuellen Halbjahreszahlen zeigen, dass der Standort weiter gründungsstark ist, beim Zugang zu Kapital aber herausgefordert bleibt. Unsere Aufgabe als Wirtschaftsförderung ist es, Gründerinnen und Gründer von der Idee bis zur Skalierung zu begleiten und ihnen Sichtbarkeit, Vernetzung und Kapitalzugang zu erleichtern“, so Janssen.
Trotz der verhaltenen Investmententwicklung im ersten Halbjahr 2026 gab es auch positive Signale. Der Kölner Frühphaseninvestor Neoteq Ventures hat im Mai das First Closing seines zweiten Fonds bekannt gegeben. Mehr als 25 Millionen Euro seien bereits eingeworben, die Zielgröße liegt bei 50 Mio. Euro.