LieferengpässeWas die drohende Stagflation für Industrie und Verbraucher bedeutet

Die Industrie kann derzeit die Nachfrage nicht decken.
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Frankfurt – Die Inflation steigt. In Deutschland lag sie im Oktober bei 4,5 Prozent, Ökonomen rechnen für den November gar mit einer Preissteigerung um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig aber kommt die Wirtschaft nicht richtig in Gang, sie droht sogar zu stagnieren. Dieses Phänomen nennt man „Stagflation“. Geprägt wurde der Begriff in der Ölkrise der 70er Jahre, als sich die Ölpreise wegen der Drosselung der Ölproduktion durch die Opec innerhalb von zwei Jahren verdoppelten, die vorher schon bestehende Inflationsrate daraufhin in die Höhe schoss, während die Wirtschaft fast stillstand.
Im Winter droht uns die Stagflation
Droht aktuell eine solche Stagflation? Für das vierte Quartal, wahrscheinlich sogar das gesamte Winterhalbjahr müsse man davon ausgehen, glaubt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Denn die Industrieproduktion sei im dritten Quartal zurückgegangen, auch in den nächsten Monaten rechnet er nicht mit einer nennenswerten Erholung. Der Grund sind die Lieferengpässe: Die Auftragsbücher vieler Unternehmen sind voll, aber ihnen fehlt es an Halbleitern und anderen Vorprodukten. Gleichzeitig dürfte die Wirtschaft wieder leiden unter den Folgen einer sich beschleunigenden Corona-Infektionswelle. Beschränkungen für Dienstleister oder den Einzelhandel wären möglich, wenn das Infektionsgeschehen nicht eingedämmt wird. „Die Menschen sind zudem unsicher, haben Angst vor Ansteckungen“, fürchtet Krämer. Deshalb werde wohl auch der Einzelhandel wieder Einbußen hinnehmen müssen. Im kommenden Frühjahr oder Sommer aber dürfte sich die Wirtschaft dann wieder dynamischer entwickeln.
70 Prozent der Unternehmen klagen über Materialmangel
Eine Stagflation über längere Sicht drohe nicht, ist auch Krämers Kollege Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland von der Deutschen Bank überzeugt. Die Unternehmen dürften mit dem Ende der Lieferengpässe ihre Aufträge abarbeiten. Allerdings klagen gut 70 Prozent der Unternehmen noch über Materialmangel, wie das ifo-Institut Ende Oktober in einer Umfrage ermittelte. Sogar 90 Prozent der Hersteller elektrischer Ausrüstungen berichten von Problemen bei der Materialbeschaffung. Ähnlich schwierig ist die Lage in der Autoindustrie, dort fehlt es vor allem an Halbleitern, im Maschinenbau leiden gut vier Fünftel der Unternehmen unter der Knappheit bei Zulieferungen. „Die Wirtschaft leidet unter einem Angebotsschock“, meint Schneider, also nicht unter mangelnder Nachfrage. Der Boom ist somit nur aufgeschoben.
Zwei Treiber der Inflation
Dauerhaft aber könnten zwei Treiber die Inflationserwartungen verändern: der steigende CO2 -Preis sowie steigende Kosten der internationalen Arbeitsteilung durch Protektionismus, Lohndruck in Schwellenländern, trendmäßig steigende Rohstoffpreise und Investitionen in Cybersecurity“, sagte Michael Hüther, Präsident des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in der FAZ. Die Inflation dürfte sich nach Ansicht von Ökonomen wie auch der Europäischen Zentralbank zwar im kommenden Jahr etwas zurückbilden, denn dann läuft der „Mehrwertsteuereffekt“ aus. Von Mitte 2020 bis zum Beginn dieses Jahres war die Mehrwertsteuer in Deutschland vorübergehend gesenkt worden, um die Nachfrage zu stimulieren. Doch die CO2 -Bepreisung, die seit Jahresanfang gilt, könne bis 2025 die Inflationsrate in Deutschland um bis zu 0,5 Prozentpunkte jährlich erhöhen, fürchtet Hüther.
Dagegen kann die EZB wenig tun. Solange die Löhne nicht entsprechend erhöht werden, droht auch keine Lohn-Preisspirale, die die Preise über längere Zeit nach oben treibt. Die Wirtschaftsdynamik aber sollte, wenn die Lieferengpässe überwunden sind, schon wegen der Investitionen in den Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft profitieren, glaubt Stefan Schneider von der Deutschen Bank. Ob das Wachstum auch über 2025 anhalten werde, daran hat er jedoch Zweifel, denn dann werde der demographische Wandel die Dynamik bremsen.
