Der Airbus-Konzern muss sich mit einem kleinen Auftrag zufrieden geben. Dafür kommt ein anderes deutsches Unternehmen beim Projekt IRIS² zum Zuge.
RaumfahrtBelgisches Start-up baut Großteil des europäischen Satelliten-Netzwerks

Das Satellitennetz der Europäer wird Milliarden kosten. 264 der 348 Satelliten liefert ein belgisches Start-up. Ein Novum für die Industrie.
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Das belgische Start-up Aerospacelab hat sich den Löwenanteil des Großauftrags für den Aufbau des europäischen Satellitennetzwerks IRIS² gesichert. Laut einem Bericht des „Handelsblatts“ ist es das erste große Weltraumprojekt der EU, bei dem die Schlüsseltechnologie einem Start-up anvertraut wird. Die Belgier sollen bis zu 264 der insgesamt 348 jetzt von der EU geplanten Satelliten aus dem sogenannten LEO-Segment, der niedrigen Erdumlaufbahn (Englisch: „low earth orbit“), bauen. Der Auftragswert beträgt laut „Handelsblatt“ 1,8 Milliarden Euro.
Neben Aerospacelab und Thales Alenia Space aus Frankreich werden auch deutsche Hersteller bedacht. Allerdings ging der Hauptkonkurrent der Belgier, die Satellitensparte von Airbus, beim Zuschlag für das größte Paket des LEO-Auftrags leer aus. Die Münchener sollen nun 66 Satelliten zusteuern. Größer noch dürfte der Auftrag für das börsennotierte Familienunternehmen OHB werden. Die Spezialisten aus Bremen sollen 18 größere Einheiten herstellen, die aus der höhergelegenen mittleren Erdumlaufbahn (MEO) in Höhe von mehr als 2000 Kilometern funken sollen. Auftragswert hier: geschätzt knapp eine Milliarde Euro.
„OHB soll eine sehr relevante Rolle für das MEO-Segment spielen – das ist durchaus als Erfolg zu werten“, sagte Björn Gütlich dieser Redaktion. Er leitet die Abteilung für Satellitenkommunikation der Deutschen Raumfahrtagentur am Standort in Bonn. Den Zuschlag für das belgische Start-up wertete der Experte als Überraschung, die den Markt in Bewegung bringe. „Deutschland hat sich von Beginn an für mehr Wettbewerb auf allen Ebenen eingesetzt, wenn es aus deutscher Perspektive auch bedauerlich ist, dass sich kein deutsches Unternehmen im Wettbewerb durchsetzen konnte.“
IRIS²: Chancen für deutsche Zulieferer
Für den deutschen Standort sieht er dennoch Möglichkeiten: „Es könnte sein, dass sich aus dem Zuschlag für Aerospacelab Chancen für die deutsche Industrie sowie kleine und mittelständische Unternehmen ergeben, etwa durch Zulieferaufträge. Wobei abzuwarten bleibt, wie viel sie extern vergeben oder selbst machen werden und vertikalisiert fertigen, ähnlich wie Starlink.“
Laut Angaben des „Handelsblatts“ zählt Aerospacelab 430 Mitarbeiter, hat bislang 150 Millionen Euro an Risikokapital eingesammelt, aber erst eine Handvoll Satelliten für Kunden wie das belgische Militär in den Orbit gebracht. In den nächsten Monaten solle eine Fabrik in Belgien fertiggestellt werden, die 2027 bis zu 500 Satelliten mit einem Gewicht von bis zu einer Tonne jährlich herstellen kann.

So könnte der Govsatcom-Hub, die Schaltzentrale auf dem Gelände des DLR in Köln, bald aussehen.
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Obwohl es sich bei Aerospacelab um ein junges Unternehmen handelt, schätzt Gütlich das Investitionsrisiko als beherrschbar ein. „Das Projekt wird von Raumfahrt-Experten durchgeführt. Die Auftraggeber des SpaceRise Konsortiums sind europäische Satellitenbetreiber und die ESA wird Bauaufsicht führen und das Projekt mitmanagen.“ Zumal: Raumfahrt ganz ohne Risiko, das gebe es ohnehin nicht.
Doch worum geht es bei dem Milliarden-Unterfangen überhaupt?
IRIS², ausgesprochen „Iris Square“, ist ein Schlüsselprojekt der europäischen Raumfahrtpolitik. Es soll die Europäer von Starlink, dem erfolgreichen und durchdringenden Netzwerk von Elon Musk, unabhängiger machen und Militärs und Geheimdiensten sicheres Internet aus dem Weltraum anbieten. IRIS² soll aus zwei EU-Knotenpunkten für die Satellitenkommunikation gesteuert werden. Neben einem Standort in der Nähe von Athen ist einer davon das Govsatcom-Zentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Köln-Porz. Erst vor wenigen Wochen war der Grundstein für die Steuerungszentrale in Köln gelegt worden, das Land NRW beteiligt sich mit 50 Millionen Euro an der Finanzierung.
Satellitenkommunikation als „letzte Verteidigungslinie“
Hintergrund ist Folgender: Wenn Kabel beschädigt werden, wie etwa bei der Ahrtalflut geschehen oder bei Waldbränden möglich, oder das Internet ausfällt, können Satelliten im Orbit aushelfen. Das gilt im Falle von Naturkatastrophen, aber auch bei Cyberangriffen oder geopolitischen Krisen. Als „last line of defence“ – eine Art letzte Verteidigungslinie – bezeichnet das deutsche Forschungsministerium die funktionsfähige Kommunikation über Satellitensysteme, die der Govasatcom-Hub und die neue Satelliteninfrastruktur durch IRIS² ermöglichen sollen.
Das System, das die europäischen Mitgliedsstaaten nutzen können, funktioniert durch den sogenannten „Pooling- und Sharing-Ansatz“. Einfach ausgedrückt werden die Satellitenkapazitäten der Länder gebündelt und bei Bedarf, also etwa im Katastrophenfall, verteilt.
IRIS² soll nach Planungen der EU in drei Jahren an den Start gehen. „Die Kommission hat sich dazu entschlossen, 66 Satelliten bis 2029 vorzuziehen und betriebsfertig zu machen, die alleine hoheitlichen Zwecken dienen sollen“, weiß Gütlich von der nationalen Raumfahrtagentur. Allem Anschein nach würden die ersten Trabanten zunächst wohl noch mit der Hilfe von externen Zulieferern gefertigt, bevor sie ausschließlich auf EU-Technologien beruhen. Ursprünglich war ein deutlich früherer Start im Jahr 2027 vorgesehen.
Auch die Kosten übersteigen die Pläne. Bei der Vorstellung des Projekts 2022 wurden noch sechs Milliarden Euro veranschlagt. Derzeit wird den Medienberichten zufolge mit 15,6 Milliarden Euro gerechnet. Hinzu kommen dürften Investitionen der beteiligten Mitgliedsländer in Milliardenhöhe. Die Mehrkosten tragen wohl die europäischen Steuerzahler.
