Der Krieg im Nahen Osten hat die Wunschziele für Ad-Hoc-Trips und vor allem den Sommerurlaub deutlich verändert. Viele Reisen wurden oder werden verschoben. Einige Veranstalter sagten aus Sicherheitsgründen ganz ab.
UrlaubszeitIrankrieg und Spritpreis ändern Reisepläne der Deutschen

Da die Flüge über Arabien in den Pazifikraum ungewiss sind, weichen viele Reisende auf Warmwasserziele in der Karibik aus, wie hier Tobago
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Der Krieg im Nahen Osten und die Folgen daraus - etwa der hohe Benzin- oder Dieselpreis haben messbare Auswirkungen auf die Urlaubspläne der Deutschen in dieser Saison. Der internationale Airline-Verband Iata warnt wegen des Kerosinmangels infolge des Iran-Kriegs vor ersten Flugausfällen Ende Mai in Europa. Die Einschätzung der Internationalen Energieagentur mit Blick auf mögliche Engpässe bei Flugbenzin „gibt Anlass zur Besorgnis“, erklärte die Iata am Freitag. Iata-Chef Willie Walsh verwies auf die Lage in Asien: Dort komme es bereits zu Flugausfällen wegen Kerosinmangels. Asien ist sehr viel stärker als Europa von Kerosin-Lieferungen aus den Golfstaaten angewiesen. Der BDL in Berlin erklärte, Kerosinmangel werde „in einem ersten Schritt“ dazu führen, dass weniger ausgelastete Kurzstrecken temporär ausgesetzt werden und älteres Fluggerät mit höherem Kerosinverbrauch schneller außer Betrieb genommen wird.
Von denjenigen, die einen Langstreckenflug geplant haben, würden knapp 50 Prozent bei einer weiteren Zuspitzung der Lage auf ein Reiseziel in Deutschland oder anderswo in Europa ausweichen. 15 Prozent würden an ihrem Reiseziel festhalten, aber gegebenenfalls eine andere Route oder eine andere Fluglinie wählen.
Das ist eines der Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die der Online-Broker XTB mit Unterstützung des Marktforschungsinstituts TGM für unsere Redaktion kürzlich durchgeführt hat.
Die Reise verschieben oder absagen wäre demnach für 14 Prozent der Befragten eine Option. Lediglich 22 Prozent gaben an, dass sich ihre Pläne nicht verändern würden. „Die hohe Quote derer, die angesichts der Entwicklungen im Nahen Osten in Deutschland ihre Pläne ändern oder zumindest darüber nachdenken, führt uns das Ausmaß an Folgen vor Augen, die solche Konflikte für die Weltwirtschaft mit sich bringen“, sagt XTB-Deutschland-Chef Jens Chrzanowski.
15 Prozent verzichten aufs Reisen
Auch spielen demnach für viele Deutsche bei der Entscheidung über ihren Urlaub die gestiegenen Benzin- und Flugpreise eine Rolle. So geben 35 Prozent der Befragten an, dass sie entweder überlegen günstiger (20 Prozent), also etwa an ein näheres Ziel als ursprünglich geplant zu verreisen, oder mit dem Gedanken spielen, wegen der hohen Transportkosten komplett auf ihre Reise zu verzichten (15 Prozent).
Zudem gaben 17 Prozent an, dass sie die Entwicklung noch abwarten wollen, bevor sie eine Entscheidung treffen. 28 Prozent antworteten, dass sie ohnehin keine Reise mit dem Flugzeug oder dem Auto geplant hatten. Nur 20 Prozent gaben an, dass sie unabhängig von den hohen Preisen an ihren Reiseplänen festhalten würden. „Die durch den Iran-Krieg verursachte Ölknappheit hat direkten Einfluss auf den Ölpreis – und mit dessen rasanter Erhöhung der vergangenen Wochen ist Urlaub noch einmal um einiges teurer geworden als vor zwei Monaten gedacht“, so Kapitalmarktexperte Chrzanowski.
Dass die Überlegungen, Urlaub wegen Krieg und Preisen zu verändern, tatsächlich greifen, zeigen Beobachtungen bei den zurückliegenden Osterferien in Deutschland. Für ein Viertel der Deutschen hatte der Iran-Krieg laut der XTB-Umfrage Auswirkungen auf ihre Urlaubsplanung zu Ostern. Zehn Prozent der insgesamt mehr als 1000 Befragten haben ihre ursprünglich geplante Reise bereits angepasst, also Reiseziel oder -route geändert.
Viele ändern ihre Reisepläne
Vier Prozent hatten ihren Oster-Urlaub sogar abgesagt. „Der Konflikt im Nahen Osten ist nicht nur unter geopolitischen und militärischen Aspekten ein Thema. Er betrifft auch die Wirtschaft, und dabei nicht nur die Börse, sondern auch den Alltag der Menschen – in diesem Fall die Kosten für den Osterurlaub“, so Jens Chrzanowski weiter.
Die gegenwärtige globale politische Situation habe zumindest kurzfristig einen deutlichen Einfluss auf die Reiseplanung der Deutschen, sagte der Präsident des Deutschen Tourismus-Verbandes (DTV) Reinhard Meyer kurz vor Ostern. Dass so viele ihre Reisepläne änderten, sei aufgrund bisheriger Erfahrungen nicht zu erwarten gewesen. „Umfragen belegen deutlich die Verunsicherung, die derzeit bei deutschen Urlaubern aufgrund der Krisen in der Welt und der damit einhergehenden Preissteigerungen herrscht“, sagte Meyer.
Die Reisekonzerne spüren aktuell und auch bei der Planung für Sommer und Herbst, dass die Kunden andere Präferenzen bei den Destinationen haben. „Für die Türkei, eines der traditionell beliebtesten Ziele der deutschen Urlauber, sahen wir insbesondere zu Beginn des Irankrieges eine abgeschwächte Nachfrage und einzelne Umbuchungs- und Stornierungsanfragen“, sagte ein Sprecherin des in Köln ansässigen Touristikers Dertrour unserer Redaktion. Inzwischen habe die Erholung der Nachfrage begonnen.
Thailand und Vietnam wenig gefragt
Die „klassischen“ Sommerziele in Asien, wie Indonesien, Zentral-Vietnam oder Koh Samui in Thailand würden aktuell zurückhaltender gebucht. Sie werden klassischerweise durch Flüge mit einem Zwischenstopp im Golfraum, etwa in Dubai, Katar oder Abu Dhabi angesteuert. Dertour beobachtet, dass die Reisenden verstärkt auf andere Ziele mit ähnlichen klimatischen Bedinungen ausweichen.
„Entsprechend sehen wir derzeit eine starke Nachfrage nach Karibik-Destinationen, insbesondere die Dominikanische Republik und Mexiko, sowie Ziele im Südlichen und Östlichen Afrika sowie im Indischen Ozean“, so die Dertour-Sprecherin. Positiv wirke sich aus, dass Fluggesellschaften ihr Angebot ausgeweitet und zusätzliche Verbindungen aufgelegt haben, beispielsweise für Ziele wie die Dominikanische Republik, Mexiko, Sansibar oder Mauritius. Das sorge für bessere Verfügbarkeiten, mehr Flexibilität und stabilere Preise als noch vor einigen Wochen.
Auch Branchenprimus Tui, das größte Touristikunternehmen der Welt, sieht eine Verschiebung der Reisenachfrage. „Insgesamt verschiebt sich die Nachfrage in westliche Mittelmeer, mit Zielen wie West-Griechenland, Spanien, Portugal und darüber hinaus auf die Kapverden“, so ein Sprecher der Tui auf Anfrage. Auch Tui spürte ein Nachlassen der Türkeireisen. „Wir gehen aber davon aus, dass diese, sobald der Konflikt befriedet ist, zurückkommt“, sagte der Sprecher weiter.
Ausweichen aufs westliche Mittelmeer
Auf Urlaub in den Golfstaaten wie Dubai oder Abu Dhabi habe der Konflikt übrigens kaum einen Einfluss, weil diese Destinationen in den arabischen Sommerzeiten mit Temperaturen über 45 Grad Celsius ohnehin kaum nachgefragt würden. Aktuell gebe es günstige Angebote für Fernreisen etwa auf die Meldediven, weil die Branche davon ausgeht, dass der Konflikt dann beendet sei und Golfcarrier wie Emirates oder Etihad dann wieder regulär flögen.
Trotzdem bleibt die Reiselust hoch. Rund 72 Prozent der Deutschen planen laut einer Umfrage des DTV von April bis Juni mindestens eine Urlaubsreise im In- oder Ausland. 41 Prozent wollen im Inland verreisen. Besonders gefragt ist Bayern mit 28 Prozent der geplanten Inlandsreisen. Es folgen Baden-Württemberg (zwölf Prozent) und Nordrhein-Westfalen (zehn Prozent). Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein erreichen jeweils neun Prozent. Im Ausland liegen Spanien (15 Prozent) und Italien (14 Prozent) vorn.