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Statt WerkstattEin zweiter Anlauf auf dem Arbeitsmarkt

7 min
Zwei Menschen stehen hinter der Backtheke.

Daniel Hauser und Christiane Niemeyer im Naturhof Wolfsberg. Hinter der Backtheke fühlt sich Daniel Hauser wohl.

Für Menschen mit Behinderung ist der Weg aus der Werkstatt oft schwierig. Daniel Hauser ist ihn gegangen und arbeitet jetzt in einem Hofladen in Alfter.

Daniel Hauser weiß an der Backtheke, welches Brot welches ist, wie man es einräumt und wo die süßen Teilchen hingehören. Für die Namen der Brötchen braucht er kein Schild, die erkennt er so. Montags, dienstags, mittwochs und freitags arbeitet er an der Backtheke des Naturhofs Wolfsberg in Alfter, donnerstags an der Kasse der Cafeteria in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) der Lebenshilfe Bonn. Es ist Hausers zweiter Versuch, außerhalb der Werkstatt auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Auch diesmal stand zwischenzeitlich auf der Kippe, ob er es schaffen würde. Doch er hat sich zurückgekämpft.

Für viele Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist der Weg vorgezeichnet: Behinderung, Förderschule, Werkstatt. Hauser ist 48 und arbeitet seit den 1990er-Jahren in unterschiedlichen WfbM. Er hat mit Paletten aus Holz, in der Küche an der Spülmaschine gearbeitet und an der Essensausgabe geholfen. Zuletzt saß er an der Kasse. Dann wollte er etwas Neues probieren: „Weil ich Lust hatte, noch mal rauszukommen aus der Werkstatt. Und ich wollte auch mehr Geld verdienen.“ Er machte ein Praktikum bei einer Bäckerei und Konditorei, doch es lief einfach nicht. Er hatte Probleme mit den Abstimmungen und dem Team. Er brach ab.

Doch seine Gruppenleitung in der Werkstatt bekräftigte ihn, doch noch einmal den Schritt zu versuchen. Julia Schell ist Inklusionsmanagerin und Leiterin des Teams Überleitung bei den Bonner Werkstätten. Auch sie motivierte ihn, noch einmal einen zweite Chance zu nutzen. Schließlich sagte er: „Ja“, und Schell suchte für ihn ein neues Praktikum. Im Bioladen des Naturhofs Wolfsberg.

Zwei Frauen stehen vor dem Eingang des Naturhofs.

Julia Schell und Andrea Reis unterstützen Menschen aus den Werkstätten beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Damit das klappen konnte, musste Schell bei der Leiterin Christiane Niemeyer noch ein wenig Überzeugungsarbeit leisten: „Wir sind kein großer Konzern, das muss alles ineinandergreifen. Deshalb haben wir lange überlegt: Machen wir das jetzt oder nicht?“ Niemeyers Hof ist ein Familienbetrieb. Ihr Bruder kümmert sich um den Obst- und Betriebsbereich, sie selbst um den Hofladen. 2024 haben sie renoviert und dafür viele neue Teilzeitkräfte eingestellt. Währenddessen haben sie mit Schell über die Mitarbeitersuche gesprochen. „Es war letztlich Frau Schell, die so hartnäckig drangeblieben ist.“

Für drei Monate sollte Hauser den Betrieb zuerst kennenlernen. Er rutschte während der ersten Monate immer mehr in die Gemüseabteilung, und das habe ihn überfordert, sagt Hauser. Die große Vielfalt stresste ihn, außerdem fehlten ihm die Ansprache in der Werkstatt und eine Hauptbezugsperson. Mit Anfang der Spargelsaison sei er an seinen Tiefpunkt geraten.

Der Weg aus der Werkstatt bleibt schwierig

Für viele Menschen mit Behinderungen bleibt der Zugang zu regulärer Beschäftigung schwierig. Das zeigt sich auch an den Arbeitslosenzahlen. In der Wirtschaftskrise ist die Arbeitslosigkeit bei schwerbehinderten Menschen stärker gestiegen als bei anderen Gruppen. Das zeigt eine Auswertung des Deutschen Gewerkschaftsbunds: 2025 lag ihre Arbeitslosenquote bei zwölf Prozent – fast doppelt so hoch wie die allgemeine Quote. Im Juli 2026 waren 192.000 Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet, 3,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die allgemeine Arbeitslosigkeit stieg im selben Zeitraum um 0,9 Prozent.

Dabei garantiert die UN-Behindertenrechtskonvention Menschen mit Behinderungen das Recht auf frei gewählte Arbeit. Die Zahl der Werkstätten ist seit den 1990er-Jahren gestiegen. Deutschland ist verpflichtet, Sonderstrukturen abzubauen, und steht regelmäßig dafür in der Kritik. Beschäftigte in WfbM stehen meist in einem arbeitnehmerähnlichen Rechtsverhältnis und gelten rechtlich nicht als Arbeitnehmer im Sinne des Mindestlohngesetzes. Deshalb greift der gesetzliche Mindestlohn für sie bislang nicht und Beschäftigte verdienen im Schnitt 224 Euro im Monat. Kritiker fordern, dass die Menschen in den Werkstätten für ihre Arbeit auch angemessen entlohnt werden sollen, besonders im Hinblick darauf, dass sie besonders häufig von Armut betroffen sind.

Die Bonner Werkstätten sagen selbst, dass das Entgeltsystem der Werkstätten reformbedürftig sei. Änderungen an der Vergütung könnten aber nur durch politische und gesetzliche Reformen erfolgen. Im bestehenden System sei die Zahlung eines gesetzlichen Mindestlohns nicht finanzierbar. In einem Factsheet zur Bezahlung in Werkstätten für Menschen mit Behinderung der Bonner Werkstätten heißt es: „Werkstätten sind keine gewöhnlichen Unternehmen, sondern Rehabilitationseinrichtungen, das heißt, sie ermöglichen Teilhabe am Arbeitsleben und fördern die berufliche Entwicklung.“

Im Rheinland arbeiteten Ende 2024 rund 34.500 Menschen in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. In den Werkstätten der Lebenshilfe Bonn sind 1100 von ihnen beschäftigt. „Natürlich soll jeder, der es braucht, in der Werkstatt Beschäftigung finden. Aber ich glaube, in unseren Werkstätten ist die Überleitung seit vielen Jahren sehr wichtig. Deshalb wird das Thema bei allen Fachkräften stark in den Mittelpunkt gerückt“, sagt Andrea Reis. Sie leitet das Jobster-Team der Rheinarbeit, ein Tochterunternehmen der Werkstätten, das sich um die Überleitung in den ersten Arbeitsmarkt kümmert.

Menschen mit Behinderung sitzen an Tischen.

Einblick in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung (Archivbild).

Der Kostenträger gibt vor, dass 0,5 Prozent von ihnen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln sollen. „Im vergangenen Jahr haben wir sechs Menschen in Arbeit vermittelt. Das ist sehr viel für die Werkstatt für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Die Quote haben wir übertroffen“, sagt Reis.

Die Werkstätten versuchen, so viel Teilhabe wie möglich umzusetzen. Manchmal sei ein betriebsintegrierter Arbeitsplatz (BIAP) genau das Richtige, eine Art Außenarbeitsplatz der Werkstätten. Die Werkstätten übernehmen weiterhin die Entlohnung. Entscheidend sei, dass der Mensch diesen Weg selbst gehen wolle. Es gebe viele Gründe, warum Menschen lieber in der Werkstatt bleiben möchten. Auch das soziale Netz spiele eine Rolle. „Herr Hauser hat es selbst gesagt. Er wollte nicht nur in der Werkstatt sein, er wollte raus. Gleichzeitig ist das das beste Beispiel dafür, dass er den Halt und die Ansprechperson in der Werkstatt weiterhin braucht. Vielleicht ist das irgendwann nicht mehr so, daran arbeiten wir natürlich.“ Derzeit arbeiten 59 Menschen auf einem BIAP. In der Regel wechseln pro Jahr zwischen einem und fünf von ihnen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Im Prinzip läuft die Integration auf den ersten Arbeitsmarkt immer gleich ab: Praktikum, betriebsintegrierter Arbeitsplatz und danach die sozialversicherungspflichtige Übernahme. In der Regel ist der betriebsintegrierte Arbeitsplatz auch auf ein Jahr befristet. Der Mensch mit Beeinträchtigung kann aber auch für immer im BIAP bleiben oder durch ein Rückkehrrecht auch wieder in die Werkstatt zurückkehren. 

In ihrer Arbeit habe Reis immer wieder Abbrüche vermerkt. Mit ihrem Team hat sie deshalb den Fokus darauf gelegt, die betriebsintegrierten Arbeitsplätze zu erhalten. „Aber wir sehen schon auch deutlich ein wachsendes herausforderndes Verhalten bei uns. Und da wird eine Vermittlung einfach noch schwerer. Und da versuchen wir einfach, die Resilienz zu stärken.“

Ein Arbeitsplatz mit Rückhalt

Als Daniel Hauser an seinem Tiefpunkt war, hat er selbst entschieden, dass er gerne den Arbeitsbereich wechseln wolle, erzählt Julia Schell: „Er wollte lieber mit Trockenprodukten arbeiten. Und das war genau das, was wir uns einen Tag vorher überlegt hatten. Dann haben wir diesen Wechsel vollzogen, und ab da ging es für ihn bergauf.“ Für ihn sei es wichtig, in Ruhe anzukommen und eine kurze Ansprache zu haben, worum es an dem Tag geht, und jemanden zu haben, mit dem er Probleme besprechen kann. In der Gruppe sei ihm das dann oft zu viel. Der Umgang mit den Kunden macht ihm Spaß, und er bleibt immer ruhig.

Gemeinsam haben sie seine Arbeitstage von fünf auf zwei Tage reduziert und das Praktikum verlängert. „Daniel ist richtig aufgegangen im Bäckerei-Thema, mit den Backwaren, dem Einräumen der Milchprodukte und Tortenprodukte und dabei darauf zu achten, dass nichts abläuft und alles ordentlich aufgestellt ist. Dann kam von Daniel relativ schnell der Wunsch, einen dritten Tag zu machen“, sagt seine Chefin. Seit dem ersten Juni arbeitet er im BIAP.

Am Nachmittag hat Daniel Hauser nun ein wenig mehr Zeit für sich und muss nicht so früh raus wie zur Werkstatt. Von acht bis 15 Uhr ist er im Laden. Dann hat er genügend Zeit für seine Hausarbeit oder einen Spaziergang mit seinem Hund. Seine Familie habe sich sehr gefreut, wie gut es momentan läuft.

Sich Zeit zu nehmen, ist ein wichtiger Gelingensfaktor, sagt Schell: „Viele Betriebe sagen, ich habe diese Zeit nicht, mich darum zu kümmern, das ist so viel Aufwand. Aber ich höre immer wieder, dass es sich lohnt.“ Das versuche sie dann auch den anderen Betrieben zu vermitteln: Es sei ein Mehrwert, einen Menschen aus der Werkstatt zu inkludieren.

Für die Mitarbeiter in den Werkstätten versuchen sie, einen finanziellen Anreiz zu setzen, eine finanzielle Zulage für einen BIAP zum Werkstattgehalt, sagt Schell: „Bei manchen ist das der Grund, aber bei vielen ist es eher der Wunsch, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in einem normalen Betrieb zu arbeiten, dort Anerkennung zu bekommen und die Flexibilität zu haben, die wir bieten können.“ Bei einer vollen Stelle beträgt die Zulage 120 Euro im Monat.

An der Backtheke hat sich Hauser das Ziel gesetzt, noch selbstbewusster und selbstständiger zu werden. Ob er dann in einen sozialversicherungspflichtigen Job wechseln kann oder möchte, das weiß er noch nicht.