Christian Solmecke war am Vortag auf dem World Trade Center. Tim Stinauer stand direkt vor dem Gebäude, als die Katastrophe ihren Lauf nahm.
Augenzeugen des TerrorsWie drei Kölner den Untergang der Twin Towers erlebten

Der Kölner Anwalt Christan Solmecke und seine Freundin waren am 10. September 2001 auf dem World Trade Center. Eigentlich wollten die beiden 9/11 auf die Plattform der Twin Towers, haben aber kurzfristig umgeplant.
Copyright: Christian Sölmecke
Um 8.46 Uhr Ortszeit zerreißt ein Einschlag die Routine des warmen und wolkenlosen Spätsommermorgens in New York. American-Airlines-Flug 11 trifft den Nordturm des World Trade Center. In einem Café an der First Avenue verstummen die Gespräche. Auf einem Fernseher ist zu sehen, wie schwarzer Rauch aus dem Gebäude quillt. Wenige Minuten später schlagen Flammen heraus.
Walther von Donat sitzt im Madison, seinem Stammcafé. Zunächst denkt er an einen Unfall oder einen Brand. Dann berichtet CNN von einem Flugzeug im Turm. Von Donat verlässt das Café. Er sieht Rettungswagen nach Süden rasen, Menschen lauschen an parkenden Autos den Radios. Die Feuerwache ist leer, die Löschzüge sind im Einsatz.
„Es schneit“
Zur selben Zeit fährt Tim Stinauer mit seinem Freund Eric mit der U-Bahn bis zur Wall Street. Als sie aussteigen, regnet es Staub und Papier. „Es schneit“, sagt Stinauer aus Spaß. Dann sehen die beiden die Rauchsäule und laufen in Richtung World Trade Center. „Ein Flugzeug! Ein Flugzeug! Das gibt es ja gar nicht!“, ruft sein Freund. Stinauer sieht Trümmer vom Gebäude abbröckeln und kann kaum glauben was noch: Sind das Menschen, die die Fassade entlang in Richtung Boden fallen?

Rauch steigt aus den brennenden Zwillingstürmen des World Trade Center auf, nachdem entführte Flugzeuge in die Türme in Manhattan geflogen sind.
Copyright: Richard Drew/AP/dpa
Christian Solmecke ist zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg nach Boston. Am Vortag hat er auf dem World Trade Center gestanden. Hat Fotos gemacht und die Aussicht genossen. Für den 27-Jährigen ist New York der Höhepunkt einer Reise an die Ostküste der USA. Seine damalige Freundin und heutige Ehefrau hat dem Juristen den Trip zum bestandenen Ersten Staatsexamen geschenkt. Auf dem Reiseplan stehen Boston, die Niagara-Fälle und das World Trade Center.
Ursprünglich wollte Solmecke am 11. September zum WTC
Ursprünglich wollten sie die Türme am 11. September besuchen, ändern den Plan aber spontan und fahren bereits am Vortag hinauf. Seine Frau habe anschließend oft über Schicksal und Fügung nachgedacht, sagt Solmecke, heute Honorar-Professor etwa für IT-Recht.
Er sei da rationaler, „der Typ Mensch mit Mathematik und Physik als Leistungskurs“ in der Schule. „Überall auf der Welt passieren Dinge“, habe er damals lapidar gedacht, „mehr nicht“, erinnert sich Solmecke. Und ergänzt: „Na ja, womöglich war das auch meine Art, das Unvorstellbare zu verstehen.“
9.03 Uhr: Das zweite Flugzeug schlägt ein
Als Stinauer noch etwa 300 Meter entfernt vom World-Trade-Center in die fassungslosen Gesichter der Passanten blickt, erschüttert ein lauter Knall die Umgebung, Flammen schlagen auch aus dem zweiten Turm. Der Kölner will wegrennen, wie Hunderte andere auch. Neben ihm stolpern drei oder vier Menschen, purzeln übereinander zu Boden. Eine Massenpanik.

Passanten starren fassungslos auf die rauchenden Türme des World Trade Center
Copyright: Tim Stinauer
„Gleich fallen dir Trümmer vor die Füße, treffen dich am Rücken, am Kopf. So schnell kann man doch gar nicht wegrennen!“, schreibt Stinauer in sein Tagebuch, das der ehemalige Reporter des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in den Tagen des Anschlages geschrieben und der Redaktion vor Jahren zur Verfügung gestellt hat.
Um 9:59 Uhr kollabiert der Südturm
Walther von Donat, mittlerweile in seiner Hotellobby angekommen, ist auf dem Weg zu einem Geschäftstreffen. Eine Rauchwalze erfasst die Straßen. Menschen umarmen sich und weinen, schilderte der 85-jährige Geschäftsmann aus Odenthal bei Köln die damaligen Ereignisse vor einigen Jahren dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, kurz bevor er starb.
„Merkwürdigerweise verspürte ich überhaupt keine Angst“, sagte er. Um 9.37 Uhr trifft Flug 77 das Pentagon, um 9.59 Uhr stürzt der Südturm ein. In der Fifth Avenue begegnet von Donat Menschen, die aus Downtown nach Norden strömen. Sie laufen schweigend und geordnet. Hinter ihnen versinkt Lower Manhattan in Staub und Rauch.

Walther von Donat, der mittlerweile leider gestorben ist, hat den 11.September in Manhatten miterlebt.
Copyright: Christopher Arlinghaus
Auf dem Asphalt liegen Staub, Asche, Papier und Schuhe. Der Journalist Stinauer läuft zum Hudson River, binnen Sekunden holt ihn eine gigantische Staubwolke ein. Die Menschen um ihn herum wissen nicht, ob sie vor- oder zurücklaufen sollen. Ohne nachzudenken, springt Stinauer auf ein kleines Boot. Er presst sein T-Shirt vor Mund und Nase und kauert sich in eine Ecke. „In diesem Moment stand ich die größte Angst meines Lebens aus“, heißt es in seinem Tagebuch. Eine Polizistin fragt, ob er vielleicht wisse, wie man das Boot fährt. Und Stinauer überlegt, ob er ins Wasser springen sollte, um zu versuchen, über den Fluss zu schwimmen.
Als das Schiff loslegt, ist ein lautes Krachen zu hören
Während Stinauer im Staub hockt und von Donat durch Manhattan geht, fährt Solmecke bereits Richtung Boston. Die Radiomoderatoren sprechen aufgeregt und schnell. „Oh my God, they collapsed“, hören er und seine Frau. Die Meldung ist so unfassbar, dass sie an ein Missverständnis glauben. „Wir dachten, das haben wir bestimmt falsch verstanden, weil wir noch nicht so gut Englisch gesprochen haben - die Türme können ja schließlich nicht zusammengebrochen sein.“
Das Schiff, auf das Tim Stinauer sich gerettet hat, hat sich mittlerweile in Bewegung gesetzt. Raus aus der Gefahrenzone. „Du hast es geschafft. Du lebst noch, du bist in Sicherheit“, denkt der Kölner. Noch nicht in Jersey City angekommen, ist ein lautes Krachen zu hören. „Ein Turm des WTC (der erste? der zweite?) fiel in sich zusammen“, heißt es im Tagebuch .

Staubbedeckte Menschen auf der Uferpromenade des Hudson River
Copyright: Tim Stinauer
Am Tag nach den Anschlägen sitzt Stinauer in Morningside Heights auf einer Parkbank. Jetzt fliegen Hubschrauber und Militärjets über die Stadt. Jedes dieser Geräusche löst für einen kurzen Moment Panik aus, selbst das Grollen der U-Bahn beunruhigt den jungen Mann. Aber Stinauer will noch bleiben in der angegriffenen Stadt, die ursprünglich geplanten zehn Tage. Zumal er etwas Angst vor dem Rückflug habe, schreibt er.
Noch zwei Wochen später qualmt es an Ground Zero
Solmecke und seine Freundin touren zunächst weiter durch ein Amerika, das sich verändert hat. Überall sieht das Paar Zeichen des Zusammenhalts. Auf den weit verbreiteten Buchstabenschildern, auf denen die Geschäfte, Schulen, Kinos oder Behörden normalerweise Neuigkeiten ankündigen, steht überall das Gleiche: „In God We Trust“.
Etwa zwei Wochen später kehren die beiden nach New York zurück. Der Holland Tunnel ist gesperrt, das junge Paar übernachtet in New Jersey, in einem Hotel voller Feuerwehrleute. Abends sind von ihrem Zimmer aus die beleuchteten Rauchwolken über Ground Zero zu sehen, die letzten Überreste der Twin Towers. „Das war schon gespenstisch“, sagt Solmecke: „Etwas, das mich sprachlos gemacht hat“.
Am nächsten Tag fährt das Paar nach Manhattan, der Tunnel ist wieder geöffnet. In den Geschäften und Straßen liegt immer noch der Staub, vieles ist nur zu Fuß erreichbar. Wo zuvor Trubel und Hektik herrschte, liegt jetzt bedrückende Stille. Ein Stadt in schmutziger Watte. Zugleich erlebt Solmecke die Solidarität der Amerikaner.

Zurück an den Ort des Terrors: Der Kölner Rechtsanwalt Christian Solmecke ist 2022 noch einmal in New York gewesen und auf das One World Trade Center gestiegen.
Copyright: Christian Solmecke
„Das hat mich bis heute nachhaltig beeindruckt“, sagt er. Die Menschen hätten erschüttert, aber gleichzeitig auch entschlossen und wehrhaft gewirkt. Am Times Square stehen die Menschen zusammen und hören George W. Bush zu, der im Fernsehen spricht. Auch Solmecke will wissen, was der US-Präsident sagt, stellt sich dazu: „Und dann war mir klar: Wir befinden uns im Krieg.“
