Silke Thoss tourt mit ihrer Installation „Silky Späti“: An der Venloer Straße hat sie ein Ladenlokal in einen Pop-Art-Kiosk verwandelt.
AusstellungseröffnungBerliner „Kunst-Späti“ hat in Ehrenfeld geöffnet

Silke Thoss in ihrem Kunst-Späti in Ehrenfeld.
Copyright: Susanne Esch
Knallbunte Tüten, Packungen, Tuben und Flaschen stehen in den Regalen und Schränken in dem kleinen Laden an der Venloer Straße 392 und locken sogleich zahlreiche Menschen an: „Eine Frau wollte hier einen Lottoschein abgeben“, erzählt Silke Thoss, die dort hinter der Ladentheke steht. „Schon wieder ein Büdchen“, hätten andere kommentiert. Aber um genau das handelt es sich nicht. Zum einen heißt das „Silky Späti“ eben Späti, weil es mit seiner Schöpferin, der Künstlerin Thoss aus Berlin, angereist ist, wo Kioske diesen Namen tragen, und zum anderen, ist es gar keine Verkaufsstelle für Lebens- und Genussmittel, sondern eine Installation.
Fett-Ecken und Punk-Zwieback
Das wird Besucherinnen und Besuchern klar, sobald sie die angebotenen Produkte betrachten: „Joseph Beuys Fettecken“ steht auf einer Tüte, auf der eckiges Gebäck zu sehen ist. Es handelt sich um eine humorvolle Anspielung auf die berühmt-berüchtigte Installation des Künstlers. Einen Inhalt hat die Verpackung nicht. Tatsächlich ist sie aus Pappmaschee und eines von vielen verschiedenen Pop-Art-Kunstwerken, aus denen sich die Späti-Installation zusammensetzt. „Punk-Zwieback“ steht ebenfalls in den Regalen, der typischen Verpackung der bekannten Marke „Brandt“ nachempfunden, von der ein Kindergesicht herunterlächelt. In diesem Fall steckt es allerdings die Zunge heraus.
Ein anderes Päckchen trägt die Aufschrift „Freudscher Verbrecher“. Es könnte sich um Kaffee handeln oder Ähnliches. „Oh my Got another Warhol-Soup“ steht auf einer typischen Campbell-Suppen-Dose aus Pappmaschee, ein Kommentar zu dem bis zur Überdrüssigkeit gezeigten Kunstwerk von Andy Warhol. Eine Flasche namens „Nackter Matrose“ beinhaltet angeblich „arschkalten Korn“.
Tante-Emma-Kunstverkauf und Stadtkultur
Die Pop-Art-Objekte der Installation greifen Slogans der Werbung auf, verdrehen sie humorvoll ins Absurde, verweisen auf ihre Inhaltsleere, sind aber gleichzeitig auch eine Ode an die knallbunte Werbe- und heimelige Büdchenwelt. Mit seinen Holzregalen und schwarzlackierten Holzvitrinen, deren Innenbeleuchtung aus Neonlicht sie wie echte Kühlschränke leuchten lässt, sowie den beleuchteten Werbetafeln im Retrostil erinnert der „Kunst-Späti“ an einen Tante-Emma-Laden.
Die Idee für die Installation, kam Thoss, während der Corona-Krise, als im Lockdown Galerien nicht mehr geöffnet sein durften, Kioske als Versorgungsstelle für Lebensmittel aber schon. Und so gestaltete sie unter dem Titel „Never mind the Gallery“ – in Anspielung auf das bekannte Album der Sex Pistols – in Berlin ihren eigenen Späti, mit dem sie nun auf Tour durch die Republik ist. Sie füllte dafür die Regale Stück für Stück mit liebevoll gefertigten Einzelwerken und griff so auch ein Stück Berliner Stadtkultur künstlerisch auf.
Die „Spätverkaufsstellen“ gab es zuerst in der DDR. „Nach der Wende schossen sie in Berlin wie Pilze aus dem Boden“, erzählt Thoss. Heute sind die Berliner Spätis wie die Kölner Büdchen beliebte Treffpunkte und rettende Anlaufstellen, wenn alle anderen Läden geschlossen sind. Einkaufen können Besucherinnen und Besucher im Silky Späti auch. Einzelwerke sind für 30 und 150 Euro, Werbetafeln für 400 Euro zu haben.
Der Kunst-Späti ist bis zum 14. November, Dienstag bis Samstag von 15 bis 20 Uhr, geöffnet. www.silke-thoss.com
