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Jörg Immendorff Retrospektive„Lass es so Jörg, Spitzenbild!“

5 min
Eine Besucherin steht in der Ausstellung "Immendorff" im Kunstpalast vor dem Gemälde "Gyntiana".

Eine Besucherin steht bei der Vorbesichtigung der Ausstellung "Immendorff" im Kunstpalast vor dem Gemälde "Gyntiana". 

Eine große Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast erinnert an Jörg Immendorff, den wilden Maler und Bürgerschreck.

„Hört auf zu malen“, der groß auf das durchgeixte Bild geschriebene Appell des frustrierten jungen Künstlers weckte offenbar das Interesse seines Lehrers, der nämlich ermutigte den Schüler, gerade dies nicht zu tun, sondern weiterzumalen: „Lass es so Jörg, Spitzenbild!“ Jörg Immendorff erfüllte damals den Wunsch seines Professors Joseph Beuys… und hörte mit dem Malen und Kunstmachen nie wieder auf.

Das Ergebnis ist jetzt im Kunstpalast zu besichtigen. Gut 120 Werke aus fünf Jahrzehnten erzählen in der Ausstellung „Immendorff“ die Geschichte eines Künstlers, der wie wenige andere die deutsche Nachkriegskunst und ihren rebellischen Aus- und Aufbruch seit den 1960er Jahren prägte. Umstritten und gefeiert gleichermaßen, empört, voller Einfälle, sozial und politisch engagiert – und immer nah am Gegenstand.

Ein Besucher steht bei einer Vorbesichtigung der Ausstellung "Immendorff" im Kunstpalast vor dem Gemälde "Hört auf zu malen".

"Hört auf zu malen".

Gegen die deutsche Spießigkeit anmalen

In Opposition zur reduzierten Formensprache des abstrakten Expressionismus und der konkreten, minimalistischen Kunst der unmittelbaren Nachkriegszeit, hatte sich seit den 1970er und 80er Jahren eine ganze Generation deutscher Künstler wieder der figurativen Kunst zugewandt, hatte die Themen der deutschen Geschichte durchbuchstabiert und vehement gegen die vermeintlich coole Avantgarde ebenso wie gegen die bürgerliche Spießigkeit angemalt. Die sogenannten Jungen Wilden (oder Neuen Wilden, Neuen Heftigen) versuchten, den damals spürbaren Hunger nach eindringlichen und verständlichen Bildern zu füttern, und waren mit ihrem neoexpressionistischen Gestus eine Zeit lang sehr erfolgreich.

Obschon einige ihrer Protagonisten es bis heute sind, gehören sie inzwischen zur Geschichte. Umso mehr Grund für die beiden jungen Kuratorinnen Felicity Korn und Westrey Page, den Künstler Jörg Immendorff nun auch einem Publikum „unter 35“ nahezubringen – als einen lautstarken Teil des damals breit und vielfältig aufgestellten Kunstgeschehens. Zero und Minimal Art gab es nach wie vor, die Fotoklasse unter Leitung von Bernd und Hilla Becher, Punk, New Wave, Disco, Kraftwerk, Neue Deutsche Welle. Vieles funktionierte nebeneinander.

Wie manche seiner Künstlerkollegen auch fand Jörg Immendorff (1945 – 2007) seine Kunst in Auseinandersetzung speziell mit der jüngeren deutschen Vergangenheit. Anhand der chronologisch präsentierten Kunst – mit großformatigen Gemäldeserien und Fotografien, mit Holz- und Bronzeskulpturen, Grafiken, Zeichnungen und allerhand Archivmaterial – geht es in der Schau also am Leben des Künstlers entlang durch die deutsche Geschichte und die Befindlichkeiten jener Zeit. Seine kritischen Stellungnahmen zu Gesellschaft und Politik haben Eingang gefunden in seine Kunst. Schon in den Papierarbeiten finden sich in expressivem Gestus all jene Figurationen und Symbole wieder, die in seinen großen, Gemälden und Bilderzyklen vom neuen Selbstbewusstsein oder den alten Zweifeln der Nachkriegsgeneration in Deutschland künden. So wird anhand der zahllosen unterschiedlichen Arbeiten nicht nur seine ungestüme Kreativität erkennbar, sondern ebenso die dem Künstler stets fragwürdige eigene Rolle in Gesellschaft und Kunstbetrieb.

Pöbelnder Provokateur

Jörg Immendorff  war einer jener jungen Rebellen, die das Bild des malenden Berserkers, des selbstgefälligen Lebemanns und pöbelnden Provokateurs, des breitbeinig auftretenden Machos liebten und bedienten. Diese Marke gehörte zweifellos von Anfang an auch zu seinem Erfolgsrezept. Etwas verspätet und scheinheilig schien daher die Empörung über den Düsseldorfer Sex- und Drogenskandal, mit dem er 2003 in die Schlagzeilen geriet.

Als Beuys-Schüler an der Düsseldorfer Kunstakademie – vorher war er drei Semester in der Bühnenbildklasse von Teo Otto – verstand sich Immendorff zunächst als Agitationskünstler, mit seiner damaligen Frau, der Künstlerin Chris Reinecke (*1936), entwickelte er Aktionen für die von ihnen in DADA-Manier erfundene „Lidl-Akademie“; sie richteten sich gegen alles Uninspirierte, die geistlose deutsche Politik, gegen den Vietnamkrieg. Er steht der KPD nahe, ist in den 1960er Jahren Maoist, arbeitet als Real- und Hauptschullehrer und entwickelt eine Bildsprache, in der Wort und Bild gleichwertig nebeneinanderstehen, die Gemälde eindeutige Botschaften formulieren.

Eindeutige Botschaften

1982, eingeladen zur documenta 7, stellte er ein riesiges bemaltes bronzenes Tor („Naht Brandenburger Tor – Weltfrage“) auf den Kasseler Friedrichsplatz. Schon seine wohl bekannteste Serie, der düstere Gemäldezyklus „Café Deutschland“ (1978 ff.), enthält und behandelt die zentralen Themen, die Konfrontation Ost – West, den Kalten Krieg. Man sieht viel Jeans, Lederjacken, Unterhemden, eine nackte weibliche Brust, Kollegen und historische Personen versammeln sich in der finsteren Kneipe, tanzen, trinken, A.R. Penck, der Malerkumpel aus der DDR, schaut zu, ein Adler mit Hakenkreuz bricht durch die Decke, eine Hand streckt sich durch die Mauer mir entgegen. Ja klar, wir sind im Deutschland der 70er Jahre.

Auch auf den anderen Gemälden tauchen sie auf: die Kollegen und Kameraden, Personen und Motive aus Kunst und Geschichte, seltsame Kreaturen und Fantasietiere, bronzene Affen mit und ohne Pistole, Fetische, ein verletzter Riesen-Seestern („Naht“, 1981), pausbäckige bunte Babys, ein Eisbär, ein Kanzler. Er selbst posiert mit dicken Ringen an den Fingern, Armschmuck und protzigen Uhren, mit Schnauzbart oder ohne, Baseballkappe, Lederjacke und manchmal mit seinem kleinen Hund. Die Selbstdarstellung war Teil der Provokation und eines neuen Künstlerbildes: Der Dandy-Künstler ist zugleich Rocker und Prolet, nah an den Menschen dran, ob sie wollen oder nicht. Auf einem Foto trägt er Ballettschuhe. Das Konzept der Bühne und ihrer Möglichkeiten hat ihn offensichtlich nie ganz verlassen.

Jorg Immendorf

Jörg Immendorff in Auckland, Neuseeland, 1987

Es endete mit dem Kanzlerporträt

Eine seiner letzten Ausstellungen, inzwischen schwer krank und unfähig, noch selbst den Pinsel zu halten, hatte er 2006 in Aachen: „Immendorff – das graphische Werk 1968–2006“. Denn, trotz seiner Krankheit hielt der Künstler immer noch oder vielleicht jetzt besonders das Künstlertum wie einen Schild vor sich. Der damals 61-Jährige hatte auch seit seiner Erkrankung an der Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) nicht aufgehört zu arbeiten, schuf mithilfe seiner Assistenten zahllose Werke, die nun collagenhaft Vorlagen zusammenstellen.

Ihnen gegenüber hängt im letzten Raum der Vorentwurf für sein Kanzlerporträt, Gerhard Schröder in Gold. Das Gemälde selbst konnte nicht ausgeliehen werden, aber man bekommt eine ziemlich gute Idee. Ein Jahr später, im Mai 2007, verstarb Jörg Immendorff dann tatsächlich. Jetzt, 21 Jahre später, zeigt der Kunstpalast die erste umfassende Retrospektive des Künstlers in Düsseldorf, der Stadt, in der er studierte, lehrte und arbeitete. Wo er feierte und liebte.


„Immendorff“, Kunstpalast Düsseldorf, bis 10. Januar 2027, Dienstag bis Sonntag, 11–18 Uhr, Donnerstag 11–21 Uhr, www.kunstpalast.de