Brauchen wir wirklich eine Volksabstimmung über die deutsche Nationalfahne und die Nationalhymne, weil so viele Ostdeutsche sich zu wenig mit der BRD identifizieren? Das hat der thüringische Politiker und heutige Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow vorgeschlagen, und es klingt erst einmal nach einem schlichten PR-Manöver: Ramelow hat gerade ein neues Buch herausgebracht, und auch ein Politiker der kapitalismuskritischen Linkspartei hätte eben gegen einen erfolgreichen Markteinstieg seines Produktes nichts einzuwenden.
Und doch: Den Impuls Ramelows, der als kluger Kopf gilt und sich lange glaubwürdig für den bundesdeutschen Zusammenhalt eingesetzt hat, nur als ostalgischen Gag abzutun, wäre auch wieder zu bequem.
Versprechen von „Einigkeit und Recht und Freiheit“
Denn er hat ja Recht: Für immer mehr Deutsche, übrigens nicht nur im Osten, sind die Versprechen von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ hohl geworden. Und Schwarz-Rot-Gold weht für sie nicht mehr über einem Land der Zuversicht und des Wohlstandes, sondern über einer müden, engstirnigen, vielfach überforderten Nation.
Natürlich kämen nicht plötzlich die Züge wieder pünktlich an, lösten sich die Krisen am Bau oder bei den Autozulieferern in Luft auf und würden überhaupt alle sofort reich und schön, wenn Deutschland nur mal eine neue Nationalhymne hätte.
Die Frage, die Ramelows Vorstoß aufwirft, muss eher umgekehrt lauten: Was für ein Land ist das denn eigentlich, das Deutschlands hehre Nationalsymbole verheißen, und was muss passieren, damit das real existierende Deutschland diesen Idealen zumindest wieder näher kommt? Je besser die Antworten ausfallen, die die Gesellschaft darauf findet, desto mehr Enttäuschte werden eines Tages vielleicht doch wieder mitsingen.