In Zeiten von Hass und Hetze zeigt der Kölner Karneval seine wahre Stärke: Lachen als politisches Instrument gegen Menschenfeindlichkeit.
Wort zum SonntagWarum wir trotz allem Lachen sollten

Köln: Jecken feiern den Auftakt der Karnevalssession auf dem Heumarkt.
Copyright: Rolf Vennenbernd/dpa
In diesen Wochen wird wieder viel gelacht. Auf Bühnen, in Sälen, auf der Straße. Die Session ist im Endspurt, und mit ihr diese besondere kölsche Disziplin: das Lachen. Ein Lachen, das mehr kann als nur ablenken. Kein Weglachen der Wirklichkeit, sondern ein Blick auf sie – schräg, klar, manchmal gnadenlos ehrlich. Lachen ist kein Luxus. Es ist ein Überlebensmittel. Wer lacht, richtet sich innerlich auf. Der Atem wird freier, der Körper leichter, die Gedanken beweglicher. Lachen heilt nicht die Welt, aber es heilt etwas in uns, das wir dringend brauchen, um dieser Welt standzuhalten.
Und ja: Die Welt ist schwer gerade. Rassismus äußert sich laut, Antisemitismus zeigt sich schamlos, Hass und Hetze werden zur Normalität, auch dort, wo man es vor wenigen Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte. All das ist keine Pointe. Das ist bitterer Ernst. Gerade deshalb ist ein Lachen notwendig, das nicht wegschaut, das die Realität nicht normalisiert. Im Karneval gelingt das: Er hält den Mächtigen den Spiegel vor, er entlarvt Parolen, er macht Überheblichkeit lächerlich und Menschenfeindlichkeit klein. Nicht, um sie zu verharmlosen, sondern um ihnen die Autorität zu nehmen, die sie für sich beanspruchen. Wer ausgelacht wird, verliert Macht. Das ist ein politischer Akt. Es ist Widerstand gegen menschenverachtende Haltungen und Handlungen.
Gleichzeitig kennt diese Lachen Grenzen. Es tritt nicht nach unten, es verspottet keine Opfer. Es zeigt Solidarität mit denen, deren Lachen verstummt, weil ihre Not, ihre Angst oder die erlebte Gewalt zu groß sind. Ich glaube, gerade jetzt ist es wichtig, sich dieses Lachen nicht nehmen zu lassen: eines, das entlastet, ohne zu verdrängen, das wärmt, ohne zu verbrennen. Inmitten von Lautstärke, Zuspitzung und Verhärtung kann es ein Anfang sein – für ein offenes Hören und ein zugewandtes Gespräch, für ein Miteinander in bunter Vielfalt.

