Bonn – Es gibt Kinder in Bonn, die eine hohe Anzahl an Fehlstunden auf ihrem Zeugnis stehen haben, obwohl sie selbst kaum krank waren. Es gibt Kinder in Bonn, die nur auf einer sehr eingeschränkten Zahl an weiterführenden Schulen angemeldet werden können. Ein Sachstandsbericht zum Thema Inklusion aus Elternperspektive.
Wenn morgens gegen 6.50 Uhr Summen eine eingehende SMS ankündigt, ist der Tag oft nicht mehr in Ordnung. "Es tut mir leid, ich kann heute nicht kommen, habe eine starke Erkältung." Die Schulbegleiterin meines Sohnes hat sich krank gemeldet. Und plötzlich fehlt ein wichtiges Puzzlestück für den Schulalltag. Jetzt heißt es, schnell zu sein und den Tag umzuorganisieren.
Schulbegleiter, in anderen Städten auch Inklusionshelfer, Schulassistenten oder Individualbegleiter genannt, unterstützen Kinder mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung im schulischen Alltag. Sie sind in den allermeisten Fällen konkret einem Kind zugeordnet. Was sie zu tun haben, richtet sich nach den Belangen des Kindes. Ist es motorisch eingeschränkt, geht es um die Hilfe beim Umziehen für den Sportunterricht oder beim Toilettengang. Hat das Kind Probleme beim Lernen oder Hören, ist es wichtig, dass der Schulbegleiter daneben sitzt und die Aufgaben noch mal erklärt.
In der Klasse meines Sohnes gibt es noch einen anderen Schulbegleiter. Es hat uns schon oft aus der Patsche geholfen. Denn die bisherige Schulbegleiterin meines Sohnes war im vergangenen Jahr sehr oft verhindert. Mein Sohn ist bislang jeden Tag zur Schule gegangen, auch wenn seine Betreuerin krank oder verhindert war. Das ist weit mehr, als viele andere Eltern sagen können. Deren Kinder mit Handicap müssen in solchen Fällen nämlich zu Hause bleiben, wenn es keine Vertretungslösung gibt. Und so sammeln sich dann auf den Schulzeugnissen die Fehlstunden an, obwohl das Kind kerngesund ist. "Was soll die weiterführende Schule nur denken, auf der ich meine Tochter jetzt anmelde", sagt eine befreundete Mutter. "Die müssen ja glauben, dass es meinem Kind gesundheitlich sehr schlecht geht." Dabei ist die Schulpflicht eigentlich nur ausgesetzt, wenn sich das Kind ohne Betreuung selbst oder andere gefährdet.
Die Inklusion ist an den Regelschulen angekommen. Vieles funktioniert schon gut. Es gibt fantastische Lehrer, die es schaffen, auf die sehr unterschiedlichen Kenntnisse und Fähigkeiten der Kinder einzugehen. Es gibt engagierte Sonderpädagogen, die teils fest an einer Schule arbeiten. Andere, die für seltenere Handicaps ausgebildet sind, fahren von Schule zu Schule und arbeiten dort jeweils für einige Stunden mit den Kindern.
Wie bei jedem Systemwechsel gibt es aber bei der Inklusion Geburtswehen, die nur schwer auszuhalten sind. Ein Problem sind die eingeschränkten Möglichkeiten beim Wechsel auf die weiterführende Schule. In Bonn gibt es für die Kinder mit Handicap, die im nächsten Schuljahr in die fünfte Klasse kommen, ein mehrstufiges System der Schulanmeldung. In der ersten Stufe zählt der Wunsch der Eltern, auf welcher Schulform sie ihre Kinder anmelden möchten. Diese Schule können sie aber nicht frei wählen, sondern müssen die nehmen, die ihrem Wohnort am nächsten liegt. Insofern haben Familien nicht die Wahl zwischen den fünf Bonner Gesamtschulen, sondern nur eine Ja/Nein-Entscheidung. Es gibt Listen, die die Stadtverwaltung erstellt hat, auf denen die Kinder stehen, die ein Schulrektor überhaupt nur für eine Bewerbung annehmen darf. Fassungslose Eltern, die am Tag vor dem vereinbarten Vorstellungsgespräch von der Schule wieder ausgeladen werden, sind die Folge.
Die überwiegende Mehrheit aller Eltern mit behinderten Kindern wollen, dass ihr Kind auf die Gesamtschule geht. Grund ist, dass es dort schon Erfahrung mit Inklusion gibt. Das führt dazu, dass Gesamtschulen weit mehr Anmeldungen bekommen, als sie Plätze zu vergeben haben. Gymnasien haben in Bonn bislang nur wenig Erfahrung mit Inklusion. Es ist ein schwer zu durchbrechender Teufelskreis, so dass sich Eltern auch kaum trauen, Kinder auf einer Schule anzumelden, die noch gar keine Erfahrung mit dem gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern hat, obwohl ihre Kinder eigentlich eine Gymnasialempfehlung haben.
Problematisch wird es für die Kinder, die beim vorgezogenen Anmeldeverfahren an ihrer Wunschschule leer ausgegangen sind. Dann kommt es darauf an, welche Schulform die Grundschule empfiehlt. Die Familie kann ihr Kind dort anmelden - und hoffen, dass es dort auch genommen wird. Sonst wird es in der dritten Stufe des Verfahrens einer Schule, die noch freie Plätze hat, zugewiesen - und das werden zu diesem Zeitpunkt im Schuljahr nicht die begehrten sein.
Wohl dem, der noch Zeit für eine solche Entscheidung hat. An den Grundschulen plagen Eltern andere Sorgen. Zum Beispiel der Mangel an Schulbegleitern. Es gibt Kinder, die ohne Schulbegleiter zur Schule gehen müssen, obwohl die Notwendigkeit von allen Beteiligten festgestellt wurde. "Derzeit haben leider alle Anbieter von Schulbegleitung große Probleme mit der Erfüllung der vertraglich vereinbarten Leistungen, da es an Personal mangelt", heißt es unumwunden im Inklusionsbüro der Stadt Bonn.
Plätze in Offenen Ganztagsschulen (OGS) sind begehrt, um Familie und Beruf unter einen Hut zu kommen. Doch in viele OGS darf ein Kind mit Handicap nur kommen, wenn die Schulbegleitung anwesend ist. Und deshalb steigt regelmäßig der Blutdruck, wenn um 6.50 Uhr eine SMS kommt.

