GeburtenEs muss nicht immer der Kreissaal sein

Ein Baby muss nicht zwangsläufig im Krankenhaus geboren werden.
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Wie die meisten Frauen wünschte sich Lina Kaesmacher für ihre erste Geburt vor allem eins: Sicherheit. Im Gegensatz zu den meisten Frauen bedeutete das für sie jedoch, ihr Kind nicht in der Klinik zur Welt zu bringen, sondern im Geburtshaus. Wohnzimmeratmosphäre statt Kreißsaal - auch wenn kein Arzt dabei ist und die Hebamme keine schmerzstillende Periduralanästhesie geben darf. "Für mich war es wichtig, von außen Ruhe und Sicherheit vermittelt zu bekommen", erzählt die 25-jährige Kölnerin.
Nur durchschnittlich 1,68 Prozent aller Mütter bekommen ihr Kind zu Hause oder im Geburtshaus. "Für welchen Geburtsort sich eine Frau entscheidet, hängt davon ab, was für sie Sicherheit ist", sagt Daniela Erdmann, Geschäftsführerin des Kölner Geburtshauses. Bedeutet es, dass der OP nur ein paar Schritte entfernt und ein Kinderarzt vor Ort ist? Oder heißt Sicherheit, eine vertraute Umgebung zu haben?
"Manche Frauen haben Angst, dass im Krankenhaus etwas mit ihnen gemacht wird, was sie nicht wollen. Sie haben Angst davor, entmündigt zu werden", sagt Erdmann. Ein Grund dafür ist wohl auch die Kaiserschnittrate, die mittlerweile bei 30 Prozent liegt.
Intensive Betreuung
Treten bei der Geburt Probleme auf, sollten einer Richtlinie zufolge zwischen Entscheidung und Eingriff nicht mehr als zehn Minuten liegen. "Wir liegen meist über diesem Wert, weil der Transport in die Klinik dazwischenliegt. Dafür werden wir oft kritisiert", räumt Daniela Erdmann ein. "Aber von der Entstehung des Problems bis zur Entscheidung sind wir sehr viel schneller, weil wir durch die intensive Betreuung der Frau jede Veränderungen sofort bemerken."
Rund 20 Prozent aller Frauen, die im Kölner Geburtshaus die Geburt beginnen, werden später in eine Klinik verlegt. "Eigentlich immer aus dem Grund, weil Mutter oder Kind erschöpft sind." Dann sei aber immer noch genug Zeit, in Ruhe mit dem eigenen Auto ins Wunschkrankenhaus zu fahren.
Jede Frau und jede Geburt ist anders - und so vermutlich auch der optimale Geburtsort. Lina Kaesmacher hat sich für das Geburtshaus entschieden. Wie es ihr dabei ergangen ist, berichtet sie selbst:
Für mich war es wichtig, dass ich während der Geburt von außen Ruhe und Sicherheit vermittelt bekomme. Schließlich ist bei der ersten Geburt alles neu und ungewohnt, man weiß nicht, was genau passieren wird. Ich wollte einfach gute Rahmenbedingungen für die Geburt schaffen, wenn ich schon alles andere zwangsläufig nicht unter Kontrolle haben konnte. Und auch für ein Kind ist es doch wichtig, dass es in eine Atmosphäre reingeboren wird, bei der es nicht direkt Trubel und Fremde spürt.
Das Geburtshaus haben wir im Internet gefunden und ich habe sofort gesagt: Das will ich machen. Beinahe hätten wir dort keinen Platz mehr bekommen, denn als wir angefragt haben, war ich schon im fünften Monat. Aber zum Glück ist doch noch jemand abgesprungen. Wir hatten uns zwar auch ein Krankenhaus angesehen, aber das kam nicht infrage, weil die Atmosphäre überhaupt nicht schön war. Auch über eine Hausgeburt hatte ich mir Gedanken gemacht. Aber wir waren gerade in eine Mietswohnung gezogen, in der ich mich noch nicht wirklich zu Hause fühlte. Aus einer Wohnung zieht man vielleicht mal aus. Im Geburtshaus bleibt das Geschehene an einem Ort, den man in guter Erinnerung behält und den man immer wieder besuchen kann. Als es soweit war, habe ich mich dort schon richtig vertraut gefühlt, weil ich die Hebamme und die Räume von den Vorsorge-Terminen bereits gut kannte.
So, wie man es sich wünscht
Die Geburt ist eigentlich so gelaufen, wie man es sich wünscht. Angst davor hatte ich nicht, ich wusste: Es kommt eh bei jedem anders. Ich hatte mich auch vorher bewusst nicht weiter damit beschäftigt, mir keine Filme angesehen oder so. Als ich starke Wehen bekommen habe, kam erst die Hebamme zu uns nach Hause und zwei Stunden später haben wir uns dann im Geburtshaus getroffen. Ich durfte mir eines der beiden Geburtszimmer aussuchen. Im Zimmer waren mein Freund und ich dann erst einmal ganz unter uns, die Hebamme ist nur hin und wieder hereingekommen, um zu fragen, ob alles okay ist oder ob sie uns etwas bringen kann. Das fand ich gut. Wir konnten uns frei bewegen und alles ausprobieren.
Das Zimmer war sehr schön eingerichtet mit warmen Farben und schönen Lichtern. Wir haben uns wohlgefühlt. Es gab einen Pezziball, eine Isomatte, viele gemütliche Kissen und einen Geburtsstuhl. Es war ganz ruhig, obwohl es am Tag war, haben wir vom Betrieb im Geburtshaus gar nichts mitbekommen. Irgendwann hat die Hebamme mir dann vorgeschlagen, in die Badewanne zu gehen, um mich zu entspannen. Das hat mir auch gut getan. Zurück im Zimmer habe ich dann verschiedene Geburtspositionen ausprobiert. Am angenehmsten waren der Geburtsstuhl und der Ball in Kombination mit dem Tuch, das von der Decke hängt.
Zwischendurch bin ich auch im Hof spazieren gegangen. In der letzten Phase war die Hebamme dann immer dabei. Wir haben uns während der Geburt unterhalten, sie hat mir Tipps gegeben und ab und zu ein Stück Traubenzucker.
Nach sieben Stunden war es soweit: Luis war da. Das war unglaublich ergreifend. Die Hebamme hat ihn nur hingelegt, gewartet, dass er atmet und schreit, und dann gesagt, wir dürfen ihn als Erste nehmen. Das war großartig. Danach hatten wir erst einmal Zeit für uns, bis er untersucht wurde.
