Schwester Margaret, hat der Papst Sie um Ihren Rat zur Reform der kirchlichen Sexualmoral gefragt?
Bis jetzt nicht.
Was würden Sie ihm denn sagen?
Zwischen einer rigiden, repressiven Verbotsmoral und einem verbreiteten "Anything goes" brauchen wir einen Neuansatz, der die moralische Qualität sexueller Beziehungen danach bemisst, ob es zwischen den Sexualpartnern gerecht zugeht. Mein Plädoyer: Gerechter Sex ist guter Sex.
Was heißt das genau?
Nirgends sind wir so verletzlich wie in unserem Sexualleben. "Gerechter Sex" bedeutet also zum Beispiel, dass die Partner einvernehmlich, gleichberechtigt und respektvoll miteinander umgehen. Das hört sich selbstverständlicher an, als es ist. Die katholische Kirche etwa hat die Ehe zum exklusiven Raum für "guten Sex" erklärt. Aber wie viel schlechten Sex gibt es innerhalb von Ehen!
Verdammt schlechten Sex, um den Titel Ihres Buchs zu zitieren...
... der im Deutschen auf eine völlig falsche Fährte führt. Der Originaltitel ist "Gerechte Liebe" (Just Love). Ich will Sex gerade nicht verdammen, im Gegenteil! Wogegen ich mich wende, ist ungerechter Sex.
Ungerecht im Sinne eines Machtgefälles zwischen den Partnern?
Frauenbewegung und Gender-Forschung haben im historischen und interkulturellen Vergleich gezeigt, dass unsere sexual-ethischen Normen stark von männlichen Dominanz-Ansprüchen geprägt und überformt sind. Wenn wir heute sagen, es komme auf freie Wahl und freie Entscheidung der Sexualpartner an, und so tun, als wäre das die normalste Sache der Welt, dann vergessen wir, dass Ehen über Jahrhunderte hinweg über die Köpfe von Mann und Frau hinweg von ihren Familien arrangiert wurden. Das ist in unseren Breiten nicht mehr das Problem. Dafür ist die Freiheit in der Sexualität auf andere Weise gefährdet.
Woran denken Sie?
Sind junge Leute - insbesondere junge Frauen - heute in ihrem Sexualverhalten wirklich frei? Wie stark stehen sie unter dem Druck der Umgebung, der Peergroup, der soziokulturellen Vorgaben von dem, was "man" zu tun und zu lassen hat?
Ein kirchlicher Einwand gegen die künstliche Empfängnisverhütung lautet, die Pille mache die Frauen unfrei, weil sie "allzeit bereit" zu stehen hätten, um die sexuellen Bedürfnisse der Männer zu befriedigen. Stimmen Sie dem zu?
Die Gefahr besteht tatsächlich. Andererseits hat die Pille unzähligen Frauen erst die bewusste, zugleich lust- und verantwortungsvolle Gestaltung ihres Sexuallebens ermöglicht. Ich glaube, nie zuvor in der Menschheitsgeschichte ist so intensiv nach den Bedingungen für guten Sex gefragt worden. Und nie zuvor wurden die vermeintlich sicheren Kriterien so deutlich in Frage gestellt. Die empirischen Untersuchungen zu sexueller Gewalt in der Ehe sind hier nur eine von vielen Spuren.
Sie geben das normative Konzept der Ehe preis?
Nein. Die Ehe als eine wechselseitige Verpflichtung der Partner, Verantwortung füreinander zu übernehmen, ist eine wichtige Voraussetzung für ein gelingendes Leben, auch für ein gelingendes Sexualleben. Es gibt keinen guten Sex ohne ein Mindestmaß an Verantwortung und Verbindlichkeit. Solch eine Beziehung können die Partner auch jenseits der Ehe eingehen. Ich bin also überhaupt nicht - wie mir manchmal vorgeworfen wird - gegen jegliche Normen in der Sexualität. Ich bin nur für eine andere Art von Normen.
Nämlich?
Neben der erwähnten Verbindlichkeit sage ich, gerechter Sex setzt Einvernehmen und Gegenseitigkeit voraus, Begegnung auf Augenhöhe. Die Partner sollen einander nicht verletzen, die Gesellschaft darf niemanden wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminieren.
Sie sagen auch, Sex sei dann moralisch gut, wenn er fruchtbar ist.
Ja, aber nicht reduziert auf biologische Reproduktion. Das ist ein Missverständnis. Fruchtbar ist unsere Existenz nämlich auch in unserem sozialen oder politischen Engagement, in unserem kulturellen und künstlerischen Schaffen. Wer das anerkennt, wird Fruchtbarkeit auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften feststellen, die sonst von vornherein als "unfruchtbar" abqualifiziert würden.Der moralische Anspruch...
... an homosexuelle Paare ist derselbe wie an heterosexuelle.
Und da wundern Sie sich, dass bei solchen Thesen im Vatikan die Alarmlampen aufleuchten?
Nein. Aber Sie sehen doch, was gerade passiert. Der Papst hat die Katholiken in aller Welt dazu befragen lassen, wie sie über Sexualität und Moral denken. Wenn das klassische, heute heftig umstrittene Konzept des "Naturrechts" überhaupt noch einen sinnvollen Platz in der Morallehre hat, dann im Sinne eines realistischen Blicks auf die Wirklichkeit. Die Natur lehrt uns nicht von vornherein, wie wir leben sollen. Aber wir erfahren aus ihr, welche Lebensmöglichkeiten es gibt.
Was erwarten Sie von der Synode der Bischöfe, die gerade in Rom stattfindet?
Aufgrund der Erfahrungen aus 2000 Jahren Kirchengeschichte traue ich es ihr zu, klüger zu werden und dazuzulernen. Nötig hat sie es.
Der Papst sollte Sie noch nach Rom einladen?
Es wäre mir eine Ehre.
