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„Last Christmas“ und Co.Warum bekommen wir Ohrwürmer so schlecht aus dem Kopf?

6 min
Last Christmas

Das britische Pop-Duo Wham! - Andrew Ridgeley (l) und George Michael hat mit ihrem „Last Christmas“ wohl einen der bekanntesten Ohrwürmer geschaffen.

Es duftet nach gebrannten Mandeln, Tannennadeln und Glühwein. Und schon nimmt alles seinen Lauf. Denn das böse kleine Männchen im Ohr wittert Morgenluft. Mit schmachtender Stimme trällert es los: „Last Christmas I gave you my heart“. O bitte, bloß nicht dieses Lied! Doch der Ärger, den der Kleine auslöst, scheint ihn nur zu beflügeln und er kämpft sich triumphierend zu „I'll give it to someone special.“ Warum nur dieses Lied? Warum nicht wenigstens ein harmloses „Vom Himmel hoch“?

Manche Songs scheinen wie gemacht dazu, sich als Ohrwurm tief in die Gehörgänge zu graben. Dazu gehört unbestritten der Wham- Evergreen „Last Christmas“, der alle Jahre wieder zu Weihnachten aus den Lautsprechern dudelt. Ähnlich hartnäckig bleiben Melodien wie „Jingle Bells“ und „Feliz Navidad“ im Gedächtnis kleben, mit denen Kaufhauskunden den gesamten Advent hindurch berieselt werden. Vorbei ist's mit der Besinnlichkeit.

Etwa 90 Prozent aller Menschen, sagt der Musikwissenschaftler Jan Hemming von der Universität Kassel, haben gelegentlich einen Ohrwurm: Ihnen gehen kurze Melodiefetzen für eine Weile nicht aus den Kopf. Dabei kann sich so ziemlich alles, was unser Gehör aufnimmt, zum Wurm entwickeln: Vielleicht ist es „O Tannenbaum“, das jemand im Nachbarhaus holprig klimpert, vielleicht ein nervtötender Werbeslogan aus dem Radio. Vielleicht ist es auch eine jener Melodien, denen es gelungen ist, sich tief in das Gedächtnis ganzer Generationen zu bohren: etwa „Do they know it's Christmas“, „In der Weihnachtsbäckerei“ oder „Rudolph the red nosed Reindeer“.

Forscher wollen das Rätsel lösen

Seit vielen Jahren versuchen Forscher, dem Geheimnis der Ohrwurm-Formel auf die Spur zu kommen. Besonderen Ehrgeiz entwickelte ein Team um die britische Musikwissenschaftlerin Kelly Jakubowski, das 3000 Personen dazu befragte. „Lieder, die im Gedächtnis hängen bleiben, haben offenbar ein schnelles Tempo, eine gängige Melodie sowie ungewöhnliche Intervalle oder Wiederholungen – so, wie wir sie am Anfang von „'Smoke on the Water“ von Deep Purple oder im Refrain von „Bad Romance“ hören können“, erklärt Jakubowski. Aus anderen Studien wusste sie bereits: Lieder, die gerade in den Charts sind und oft im Radio laufen, entwickeln sich häufiger zu Ohrwürmern.

Dadurch ist der Mechanismus magischer Melodien aber noch lange nicht entschlüsselt. Leichter tut sich die Wissenschaft damit, das Phänomen zu beschreiben. Ohrwürmer sind nämlich „unerwünschtes musikalisches Gedächtnis“, sagt Eckart Altenmüller, Leiter des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. Versatzstücke von Melodien poppen plötzlich aus dem Gedächtnis auf. „Auslöser kann eine Assoziation sein, vielleicht ein Geruch oder ein Klang“, erklärt der Neurologe. Jemand, der Bratapfelduft in der Nase hat, hat daher vielleicht sofort „Last Christmas“ im Kopf. „Das Hirnareal, das Melodien speichert, aktiviert dann auch den Bereich, der für das Singen zuständig ist. Das führt dazu, dass man innerlich mitsingt und sich selbst zuhört. Das löst wieder den Impuls aus mitzusingen. Man singt sich also ständig etwas vor und gerät dadurch in eine Endlosschleife.“

Im Leerlauf besonders anfällig

Besonders anfällig für Ohrwürmer sind wir dann, wenn das Gehirn im Leerlauf ist – etwa beim Joggen, Zwiebelschneiden oder Staubsaugen. Dann nämlich setzt das „Mind-wandering“ ein. Wenn man die Gedanken schweifen lässt, werden musikalische Inhalte häufiger abgerufen. „Das Gleiche passiert auch dann, wenn wir überfordert sind“, sagt der Musikwissenschaftler Hemming. Offenbar dient das „Mind-wandering“ dem Gehirn also dazu, seine Aktivität auf ein angenehmes mittleres Niveau – irgendwo zwischen Unter- und Überforderung – zu bringen. Um Ohrwürmer zu vertreiben, empfiehlt Hemming, sich auf etwas anderes zu konzentrieren: zum Beispiel auf die Steuererklärung.

Es gibt angenehmere Methoden, um die Endlosschleife zu unterbrechen. Man kann auch versuchen, eine Melodie mit einer anderen zu vertreiben – am besten mit einem Lied, das einem eher gleichgültig ist, rät Eckart Altenmüller: vielleicht mit emotional unbefrachteten Kinderliedern oder der Nationalhymne. Manchmal verstummen die inneren Quälgeister aber auch, wenn man ein Stück komplett hört: Unvollständiges bleibt nämlich besonders lange im Gedächtnis. Hat man – wie meistens – nur den Ausschnitt einer Melodie im Kopf, so erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass man sich lange an diese Tonfolge erinnert: Psychologen haben herausgefunden, dass man sich grundsätzlich besser an unterbrochene Handlungen erinnert als an abgeschlossene. „Ansonsten hilft auch Kaugummikauen“, meint Altenmüller. Dadurch wird nämlich die Muskulatur, die für das Singen zuständig ist, beschäftigt und somit die Endlosschleife gestoppt: das böse kleine Männchen im Ohr wird sozusagen geknebelt.

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Allerdings tut man den singenden Zwergen oft Unrecht. Bei Umfragen hat sich ergeben, dass ihr Treiben weit weniger Anstoß erregt als angenommen. „Zwei Drittel der Ohrwürmer hat man ohnehin von Musik, die man mag“, sagt Hemming. Und selbst wenn sich Fetzen von wenig geschätzter Musik im Kopf verselbstständigen, wird das meist als positiv eingestuft. Ohrwürmer sind also viel öfter bereichernd als nervtötend. Woher kommt dann ihr schlechter Ruf? „Man erinnert sich eben vor allem an das Negative“, meint der Wissenschaftler. „So sind die Menschen.“

Unterwegs im Auftrag des Unbewussten

Psychoanalytiker glauben im übrigen, dass die kleinen Männchen im Ohr im Auftrag des Unbewussten arbeiten. Die Endlos-Melodien stehen demnach für verdrängte Wünsche. Werden diese erfüllt, herrscht Ruhe im Kopf.

Der Heidelberger Psychiater Cornelius Eckert beschrieb vor Jahren einen typischen Fall: Ein 28-jähriger Mann fuhr erstmals ohne seine Eltern in den Urlaub. Dort wurde er so stark von einem Ohrwurm gequält, dass er sich genötigt sah, zurückzufahren. Und zwar hatte er ständig den Schlager „Ach wärst du doch in Düsseldorf geblieben“ im Kopf. Das Lied stand angeblich für das starke Heimweh des Mannes, das er sich nicht eingestehen wollte. Tröstlich ist immerhin, dass Ohrwürmer eine normale Alltagserscheinung sind. „Nur in sehr seltenen Fällen ist das krankhaft“, sagt Altenmüller. So kann es bei Menschen, die ertaubt sind, vorkommen, dass das Gehirn selbst neue Melodien produziert, was sehr quälend sein kann. „Daneben gibt es auch akustische Halluzinationen“, berichtet der Neurologe. Sie kommen bei Demenz oder Schizophrenie vor. Berühmtestes Beispiel für solche „pathologischen Ohrwürmer“ ist Robert Schumann, der angeblich nachts von Geistern heimgesucht wurden, die ihm Musik einflüsterten. Menschen, die viel Musik hören und bei denen sie starke Gefühle auslöst, haben öfter Melodien im Kopf als andere. „Auch Leute, die nah am Wasser gebaut sind und eine niedrige Reizschwelle haben, neigen dazu“, sagt Altenmüller. Überhaupt sei Musik stark mit Gefühlen verbunden. Daher ist für ihn klar, dass wir uns Lieder, die uns aufwühlen, besonders gut einprägen.

Das gilt auch gerade für negative Emotionen. Verhasste Lieder sitzen manchmal so tief im Gedächtnis, dass die Erinnerung an sie in den seltsamsten Momenten wach wird: Im Film „Sturz ins Leere“ erzählt der britische Bergsteiger Joe Simpson, wie er sich schwer verwundet zum Basislager zurückkämpfte und dabei zu halluzinieren begann. Ausgerechnet ein Schlager von Boney M, den er nicht ausstehen konnte, dröhnte ihm immerzu im Kopf: „Brown girl in the ring tra la la la la“.

Das weckte bei ihm die Lebensgeister: Zu Boney M wollte der Bergsteiger auf keinen Fall sterben. Vielleicht hat ihm sein Zwergenchor am Ende das Leben gerettet.