Eigentlich ist er gelernter Maler und Lackierer. Heute malt Ricardo Strauch immer noch, aber mit Buntstiften und Wachsmalern und gemeinsam mit etwa sechs Kindern jede Woche. Er holt Ben vom Kindergarten ab, bringt Tayfun zur Schule und macht sonntags Ausflüge mit den Jungs ins Mitmach-Museum oder zum Abenteuerspielplatz. Der Berliner ist kein Tagesvater, wie es sie inzwischen in vielen Städten zur Betreuung vor allem der unter Dreijährigen gibt. Der 34-Jährige ist Leihvater, seine Kunden sind alleinerziehende Mütter, die sich für ihre Söhne eine männliche Bezugsperson wünschen und die sich seinen Stundensatz von acht bis 15 Euro leisten können.
„Ich tobe mit den Kindern, spiele Fußball oder verstelle meine Stimme und blödel einfach rum“, beschreibt Strauch seinen Arbeitsalltag. Tätigkeiten, zu denen viele alleinerziehende Mütter nach einem langen Arbeitstag keine Energie mehr haben. Inzwischen kann er gut davon leben, wie er sagt.
Früher hätte sich Ricardo Strauch nicht denken können, dass er mal mit Kindern arbeitet. „Dieses ständige Rumgeheule? Nee.“ Erst als er einen Malerauftrag in einer Kita bekam und die Kleinen ständig vor ihm standen, um ihm beim Streichen zu helfen, machte es Klick. Die Leiterin sagte zu ihm: „Du kannst gut mit Kindern. Warum lässt du dich nicht zum Kita-Helfer ausbilden?“ Keine schlechte Idee. Doch in der großen Tagesstätte wurde Strauch nicht glücklich. „Als Mann wirst du da gemobbt.“ Die Erzieherinnen hatten ihr System, in das sie sich nicht reinreden lassen wollten. Rumtoben und Quatsch machen mit lustigen Stimmen war nicht erwünscht. Basteln oder mit Puppen spielen ist aber nicht wirklich Ricardos Ding. „Im Alltag sah es so aus, dass ich im Sportraum war und die Jungs die ganze Zeit an mir dranhingen.“ Trotzdem durfte er kein einziges Kind wickeln. Sonst könne ja schnell ein Pädophilie-Verdacht aufkommen. „Männer haben es in solch einer Einrichtung nicht leicht.“ Hinsetzen und ruhig spielen war in Ordnung, aber sobald es etwas wilder wurde, wurde Ricardo Strauch zurechtgewiesen.
Mütter suchen männliche Bezugsperson für ihre Kinder
Dabei ist es gerade das, was seine Jungs an ihm lieben. Im Schwimmbad tauchen, auf dem Rasen bolzen – offenbar kann er den Kindern etwas geben, was ihnen unter ständiger weiblicher Betreuung in Kita, Grundschule und zu Hause fehlt. „Mütter machen sich nicht gerne zum Hampelmann“, hat er beobachtet. „Sie stehen am Spielplatz lieber am Rand und erzählen.“ Strauch ist mittendrin. Er selbst ist auf einem brandenburgischen Dorf aufgewachsen und ist auch heute noch am liebsten draußen. Mütter erzählten auch nicht so gerne Gruselgeschichten. Ricardo denkt sich oft welche aus und geht danach mit den Kindern auf Monsterjagd durch die ganze Wohnung.
Die meisten Mütter, die ihn anfragen, etwa über das Internetportal betreut.de, suchen speziell nach einer männlichen Bezugsperson. Inzwischen passt Strauch auf Kinder zwischen vier Monaten und 12 Jahren auf. Wenn Ricardo einen neuen Auftrag bekommt und sich mit der Familie trifft, verbringt er jedes Mal mindestens zehn Minuten allein mit dem Kind. Um zu testen, ob die Chemie stimmt. „Dabei ticken die Kinder meistens ähnlich. Nur die Erziehungsberechtigten machen die Unterschiede.“ Und spätestens wenn er mit seinen Zaubertricks anfängt, lockt er auch die Schüchternen aus der Reserve. Wenn er gemeinsam mit den Kindern einen Zauberspruch aufsagt und dann den roten Legostein aus seiner Hand verschwinden lässt, reißen die Kleinen ungläubig die Augen auf.
Ähnlich wie an seinen Job kam er auch ans Zaubern durch einen Umweg. An einem seiner ersten Nachmittage als Leihvater hatte sich ein Junge gestoßen und wollte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Da fiel Ricardo der alte Trick ein und plötzlich ging es wieder. „Genial ablenken, das ist manchmal die beste Strategie, um Kinder wieder glücklich zu machen. Oft weinen sie ja vor allem wegen des Schocks.“
Der 34-Jährige nimmt seinen Job ernst, er hat verschiedene Fortbildungen und natürlich einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert. Ein erweitertes Führungszeugnis hat er auch. „Als Mann musst du in diesem Job immer besonders beweisen, dass du eine weiße Weste hast.“ Auch diverse Fachbücher über Kinder und Erziehung hat er im Regal stehen. „Aber wenn man ein großes Herz hat, muss man gar nicht so viel lesen. Ich lerne von jedem Kind jeden Tag.“
Besonders freut ihn die Entwicklung von Ben. Der äußerst aktive Vierjährige war sehr auf seinen Vater fixiert, der die Familie verlassen hat. „Als ich Ben kennenlernte, hat er sich jeden Abend in den Schlaf geweint und gefragt, warum sein Papa nicht zurückkommt.“ Heute trifft Ricardo den Jungen, der sonst nur Frauen als Bezugspersonen hat, einmal pro Woche. „Ich versuche seine große Energie positiv umzulenken und habe der Mutter auch einen Sportverein für ihn empfohlen.“ Wie sie sagt, hat Ben jetzt abends aufgehört zu weinen.
Kuscheln ist schwierig
Es gibt aber auch Dinge, die Ricardo Strauch nicht macht. Er legt sich zum Einschlafen nicht zu den Kindern ins Bett, auch wenn sich die abwesenden Mütter das so wünschen. Auch Kuscheln ist schwierig. Natürlich tröstet er, wenn einer hingefallen ist, „aber als Mann wirst du manchmal schon schräg angeguckt, wenn du einem Kind nur über den Kopf streichelst.“ Was er auch nicht macht: Popo abputzen. Das bringt er den Kleinen lieber schnell bei.
Manche Kinder nennen ihn inzwischen Papa. Am Anfang fand Strauch das befremdlich, inzwischen ist es keine große Sache mehr für ihn. Vielleicht auch deshalb, weil er für einen der Jungen inzwischen tatsächlich zum Vater geworden ist. Ricardo Strauch ist mit der Mutter des achtjährigen Tayfun zusammen, den er inzwischen schon mehrere Jahre betreut. Kennengelernt hatte sich das Paar über den Jungen. Für dieses Jahr ist eigener Nachwuchs geplant. Sie haben auch schon darüber nachgedacht, zurück aufs Land zu ziehen. Aber eigentlich möchte Strauch gar nicht weg. Denn: „Leihvater ist der schönste Job, den ich je hatte.“