Offenbar soll ein Streit zwischen zwei Großfamilien eskaliert sein. Anwohner berichten von einer Nacht im Ausnahmezustand.
Sexualdelikt als Auslöser?Familienstreit in Köln-Mülheim eskaliert – vier Verletzte nach Schüssen und Stichen
Um kurz vor 22 Uhr gellten laute Schreie und tumultartige Geräusche über die Berliner Straße in Köln-Mülheim. Kurz danach hören Anwohner mehrere Schüsse. Bei der Auseinandersetzung auf der Hauptverkehrsachse sind am Montagabend (3. August) auf offener Straße vier Menschen verletzt worden, auch Messer kamen zum Einsatz. Auslöser war offenbar ein Streit unter zwei Familien aus Dellbrück und Mülheim.
Wie die Polizei mitteilt, erlitten zwei Männer im Alter von 24 und 48 Jahren Stichverletzungen. Eine 39-jährige Frau und ein 42-jähriger Mann wurden durch Schüsse verletzt. Zudem nahmen Einsatzkräfte zwei 19-jährige Tatverdächtige sowie einen 21-jährigen Heranwachsenden vorläufig fest. Drei der Verletzten befinden sich weiterhin in der Uniklinik und im Krankenhaus Merheim.
Polizei Köln richtet Mordkommission ein
Noch in der Nacht richtete die Polizei eine Mordkommission ein. Wie es zu der Auseinandersetzung genau kam, wird derzeit ermittelt, die Staatsanwaltschaft muss über Haftbefehlsanträge entscheiden.
Wie diese Redaktion aus Sicherheitskreisen erfuhr, soll ein Streit zwischen zwei Roma-Familien eskaliert sein. In dem Zusammenhang gehen die Ermittler Hinweisen nach, wonach ein Sexualdelikt zur Straßenschlacht zwischen den Großfamilien geführt haben soll.
Nach ersten Erkenntnissen ging es womöglich um einen Fall sexueller Belästigung einer Frau, der vergolten werden sollte. Die Familien B. und D. sind nach Informationen dieser Redaktion bei Justiz und Polizei mehrfach aktenkundig.

Innerhalb weniger Minuten, so berichten es Anwohner weiter, sei die Straße großräumig abgesperrt und im Blaulicht von Polizei- und Rettungswagen getaucht gewesen.
Copyright: Anwohnerin
Wie Anwohner dieser Redaktion berichten, soll der Streit an einer Buswendeschleife gegenüber einem Kiosk eskaliert sein. In direkter Nähe befindet sich auch die KVB-Haltestelle „Berliner Straße“. Einer der Verletzten soll nach den Schüssen stark blutend in Richtung einer nahegelegenen Tankstelle geflüchtet sein, wo er später erstversorgt wurde.
„Aktuell gehen wir davon aus, alle Beteiligten festgesetzt zu haben“
Mehrere Anwohner berichteten außerdem, dass nach den Schüssen zwei Autos an der Wendeschleife gehalten haben sollen: Mehrere Personen seien zunächst aus-, dann wieder zugestiegen, ehe die Wagen mit quietschenden Reifen davongefahren seien.
„Aktuell gehen wir davon aus, alle Beteiligten festgesetzt zu haben“, sagte ein Behördensprecher dieser Redaktion. Nach wie vor sollen die Ermittler allerdings nach möglichen weiteren Beteiligten an der Schießerei suchen, wie es aus Sicherheitskreisen heißt. Die weiteren Ermittlungen sollen Klarheit bringen.
Polizeieinsatz sorgt für Ausnahmezustand in Köln-Mülheim
Innerhalb weniger Minuten, so berichten es Anwohner weiter, sei die Straße großräumig abgesperrt und ins Blaulicht von Polizei- und Rettungswagen getaucht gewesen. „Noch um 1 Uhr nachts war die Spurensicherung mit Spürhunden an der Bushaltestelle unterwegs“, berichtet eine Anwohnerin. Eine andere erzählt, dass sie wegen der Sperrungen noch um 2 Uhr nachts mit ihrem Auto nicht in eine Einfallstraße einbiegen konnte, um nach Hause zu kommen.
Erst am Freitagabend zuvor hatte ein Unbekannter in Köln-Vingst auf einen E-Scooter-Fahrer geschossen. Der mutmaßlich unverletzte Fahrer flüchtete laut Zeugen in Richtung eines Spielplatzes, wohin auch der Schütze mit einem weiteren Mann gelaufen sein soll. Ob die beiden Taten zusammenhängen, ist noch unklar. „Bisher gibt es dafür keine Hinweise“, so der Polizeisprecher. „Doch wir prüfen natürlich, ob es Zusammenhänge mit früheren Taten gibt.“

Am Morgen nach der Tat sind noch einzelne Spuren des Einsatzes zu sehen.
Copyright: Florian Holler
In der Nachbarschaft sorgte die Tat auch am Dienstagmorgen noch für erhebliche Verunsicherung – auch wenn die Polizei bereits am Abend mitgeteilt hatte, dass für die Bevölkerung keine Gefahr bestanden habe.
Verunsicherung bei Anwohnern in Köln-Mülheim
„Ich bin von lauten Geräuschen hochgeschreckt. Als ich aus dem Fenster geschaut habe, war bereits die ganze Straße voll von Polizei- und Rettungswagen“, erzählte eine junge Frau dieser Redaktion. „Mein Partner und ich haben gerade mit der Familienplanung begonnen. Da fragt man sich schon, ob das der richtige Ort dafür ist.“
Köln-Mülheim gilt schon länger als Kriminalitäts-Hotspot. Der zentrale Wiener Platz wird videoüberwacht, seit rund zwei Jahren gilt dort ein Waffenverbot – anders als an den Ringen oder auf der Zülpicher Straße nicht nur an Wochenenden, sondern rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Ergänzend hat die zuständige Polizeiinspektion eine eigene Schwerpunkteinheit eingerichtet, die gezielt gegen Straßen- und Drogenkriminalität in Köln-Mülheim vorgehen soll.
Zuletzt schien sich die Lage tatsächlich etwas beruhigt zu haben: Die Zahl der Straftaten ging in der Polizeiinspektion 5, die im Wesentlichen den Bezirk Mülheim und den Stadtteil Deutz umfasst, im vergangenen Jahr um fünf Prozent zurück – stadtweit der größte Rückgang. Der positive Trend in der Statistik dürfte die Anwohner an der Berliner Straße vorerst aber kaum beruhigen.