Nach den Krawallen im Rhein-Energie-Stadion hat Innenminister Herbert Reul (CDU) mit deutlichen Worten reagiert.
Empörung nach FC gegen Gladbach„Wie kommt das Zeug ins Stadion?“ – Sechs Verletzte bei Fußball-Derby

Kölner Fans flüchten vor geworfener Pyrotechnik.
Copyright: IMAGO/HMB-Media
Wer regelmäßig auf der Nordtribüne nahe des Gästeblocks die Heimspiele des 1. FC Köln verfolgt, ist Pöbeleien und Provokationen auf beiden Seiten gewohnt. Beim Bundesliga-Spiel am Sonntag im Rhein-Energie-Stadion aber verließen zahlreiche FC-Anhänger fluchtartig ihren Sitzplatz, als aus dem Gästebereich Böller gezündet und Feuerwerkskörper in ihre Richtung abgeschossen wurden. „Ich habe meinen Sohn an die Hand genommen und bin sofort von der Tribüne runter. Das war Wahnsinn“, berichtet Dauerkarteninhaber Thomas A., der seinen Platz auf den unteren Rängen in Nähe des Tors hat.
Hatte es unmittelbar nach Abpfiff Berichte über zwei verletzte Personen gegeben, erhöhte die Polizei die Zahl am Montagmorgen auf sechs. „Das ist nur der gegenwärtige Stand“, betonte ein Sprecher der Behörde. Demnach zählen zu den Verletzten drei Polizisten, die im Zuge der Randale auf die Nordtribüne geeilt waren. Zudem klagte ein Kind über Ohrenschmerzen. Eine Frau musste ärztlich behandelt werden, nachdem sie von einem Feuerwerkskörper getroffen wurde. Eine Ordnerin hatte bereits vor dem Spiel Verletzungen erlitten, als im Block der Mönchengladbacher Anhängerschaft ein Böller explodiert war.
1. FC Köln: Scheibe aus Sicherheitsglas geht zu Bruch
Dauerkarteninhaber sprechen von einer neuen Dimension der Gewalt. Thomas A., der seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erinnert sich an Rhein-Derbys gegen Bayer Leverkusen, als an der Plexiglasscheibe, die beide Lager trennt, Männer mit Gürteln aufeinander einschlugen. Am Sonntagnachmittag ging dort eine Sicherheitsscheibe zu Bruch, nach ersten Erkenntnissen eingeschlagen mithilfe eines Nothammers, der wie andere gefährliche Gegenstände und Pyrotechnik im Stadion eigentlich verboten wäre.
„Unsere Einsatzkräfte sind auf die Nordtribüne geeilt, als festgestellt wurde, dass das Ordnerpersonal die Lage nicht in den Griff bekam“, sagt der Polizeisprecher. Dies sei recht schnell geschehen, da sich die Beamten nahe der Tribünen – aber außerhalb des Stadions – aufhalten.

Eine Scheibe aus Sicherheitsglas ging an der Grenze zum Gladbach-Block zu Bruch.
Copyright: IMAGO/Laci Perenyi
Sichtlich aufgebracht hat NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) auf die Krawalle im Rhein-Energie-Stadion reagiert. „Wer mit Sturmhaube im Stadion steht, der will keinen Fußball sehen. Der sucht Ärger. Der zerstört nicht nur Tribünen, sondern den Fußball als Familienfest. Fußball soll bunt und friedlich sein und nicht schwarz und vermummt. Feuer und Pyrotechnik haben im Stadion auch nichts verloren. Dass dabei Unbeteiligte verletzt werden, haben wir jetzt wieder gesehen.“
„Die wollen Krawall und Klopperei“
An die Adresse des 1. FC Köln gerichtet ergänzte der Minister: „Wieso kommt dieses Zeug immer noch ins Stadion? Es kann nicht im Sinne von Vereinen, Spielern und Funktionären sein, dass solche Menschen im Namen ihrer Mannschaft zündeln, prügeln, randalieren. Denen geht es doch offensichtlich nicht um Fußball, nicht um Vereine und schon gar nicht um fairen Sport. Die wollen Krawall und Klopperei. Sie missbrauchen den Fußball als Bühne für ihre Gewaltexzesse. Und jedes einzelne Mal erweisen diese Chaoten ihren Vereinen und allen echten Fans einen Bärendienst.“
Wie berichtet, wurde das Spiel erstmals mit der weiterentwickelten Stadionallianz NRW durchgeführt. Zur Stadionallianz gehören das Innenministerium, die Vereine der ersten drei Profiligen, die Polizei NRW und die Bundespolizei. Die Vereine sind dabei für die Sicherheit in den Stadien verantwortlich. Die Polizei reduziert die Anzahl der Einsatzkräfte vor Ort und regelt die Lage außerhalb des Stadions. So setzt die neue Stadionallianz stark auf die Eigenverantwortung der Klubs, während die Polizei in den Hintergrund tritt.
In der Vergangenheit kam es vor, dass bei sogenannten Risikospielen Polizeikräfte im Stadion zwischen beiden Fanlagern postiert wurden. „Das ist aber nie Standard gewesen, sondern kam vereinzelt, je nach Lage, vor“, so der Polizeisprecher.

Die Polizei sorgte nach den Pryro-Attacken für Ruhe während des Spiels zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach.
Copyright: IMAGO/Beautiful Sports Internati
Für Kritik am neuen Einsatzkonzept sei es zu früh, hieß es am Montag aus Sicherheitskreisen: „Was da am Sonntag passiert ist, hätte genauso auch bei vorherigen Spielen passieren können“, so der Tenor. Das größte Problem sei nach wie vor, dass es für Fans möglich ist, gefährliche Gegenstände ins Stadion zu bringen. Die Polizei verweist darauf, dass alle Verletzten Opfer durch Pyrotechnik geworden sind.

Nach dem 1:0-Führungstreffer jubelten die Anhänger des 1. FC Köln. Dabei wurden erneut Bengalos gezündet.
Copyright: IMAGO/kolbert-press
Der FC sieht sich nach den Krawallen im eigenen Stadion mit der Frage konfrontiert, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Die Antwort sei „unbequem“, sagte Geschäftsführer Philipp Türoff am Tag nach dem Derby auf Anfrage dieser Zeitung: „Die Trennung im Oberrang Nord ist bereits die stärkste, die es im Stadion gibt, eine feste Sicherheitsglaswand. Im Oberrang Ost waren zusätzlich nicht verkaufte Sitzreihen als Puffer sowie Ordner vorgesehen. Dass eine Sicherheitsglaswand mit mitgebrachtem Werkzeug herausgebrochen wird, ist in diesem Stadion noch nie passiert, darauf war keine Planung ausgelegt.“
Türoff kündigte eine rasche Aufarbeitung an. Er wolle, „dass eine Familie im Oberrang Nord sitzen kann, ohne Angst zu haben. Daran arbeiten wir nun mit Hochdruck. Ob und wie die Trennung an dieser Stelle baulich oder personell verstärkt werden muss, ist deshalb eine der zentralen Fragen der Nachbereitung, mit dem Ziel, vor dem nächsten Heimspiel zu einem Ergebnis zu kommen.“
Der FC-Geschäftsführer kritisierte zudem beide Fanlager für das unkontrollierte Abfeuern von Feuerwerkskörpern: „Alles, was die Hand verlässt, kann einen Menschen treffen, und das verurteilen wir bei den eigenen Farben genauso wie das, was Sonntag aus dem Gästeblock kam.“
Auch Gladbachs Geschäftsführer Markus Aretz distanzierte sich von den Geschehnissen: „Das Werfen von Böllern und das Abschießen von Raketen und die damit einhergehende Gefährdung von Menschen sind absolute No-Gos und ein wirklich enttäuschendes Verhalten. So etwas hat im Stadion nichts zu suchen, ist absolut nicht das Bild, das wir als Verein abgeben wollen. Sollte sich jemand verletzt haben, entschuldigen wir uns jetzt schon.“