Für die Serie „Abgehängt in Köln“ war der „Kölner Stadt-Anzeiger“ über Monate in Meschenich unterwegs. Einem Stadtteil der Verdrängung, an dem trotzdem vieles funktioniert.
Abgehängt in KölnDer Kölnberg in Meschenich in der Klischeefalle
Lulu steht vor dem Betonriesen Nummer 8 am Kölnberg und erzählt von Rodenkirchen. „Da war ich auf der Hauptschule, aber es waren fast nur Jungs aus Meschenich da“, sagt er. „Ein paar waren vielleicht auch aus Rodenkirchen, aber die haben wir integriert.“ Lulu ist ein sportlicher Typ mit tätowiertem Kreuz hinterm Ohr, der ein leises Lächeln im Gesicht trägt, schüchtern und verschmitzt. Der 21-Jährige ist am Kölnberg aufgewachsen, „ich kenne nichts anderes“, sagt er. „Der Kölnberg“, sagt Lulu, der gerade eine Fortbildung macht, um im Sicherheitsdienst arbeiten zu können, „ist mein zu Hause. Wir sind hier eine Familie“. Es ist fast zu viel des Klischees, dass eine Plastiktüte von einem Balkon flattert und eine Ratte an der Fassade entlangflitzt, während er erzählt. Der Müll nerve natürlich, sagt Lulu, die Ratten auch. „Ist trotzdem mein zu Hause hier.“ Köln, die Innenstadt? „Kenn ich eigentlich nicht. Dauert ja mehr als ne Stunde, bis man da ist.“

Lulu ist in Meschenich aufgewachsen – und nie weggekommen. Die Innenstadt von Köln kenne er kaum, es dauere viel zu lang, um dorthin zu kommen.
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Der Kölnberg wurde 1973/74 als schicke Hochhaussiedlung für den Mittelstand gebaut, mit Swimmingpool und Tennisplätzen. Seit gut 30 Jahren verbindet die Öffentlichkeit mit dem Viertel im Südwesten der Stadt: Ghetto. Arm, vermüllt, kriminell. Der Kölnberg ist Symbol des abgehängten Stadtteils und Ort der Verdrängung.
Weil es hier tatsächlich massive Probleme gibt, Arbeitslosigkeit, Müll, Ratten, Kriminalität, all das. Verfestigt haben sich die Klischees auch, weil sich schlechte Nachrichten gut verkaufen lassen. Und: Weil Stadt und Land wenig dafür getan haben, dass sich etwas ändert. Obwohl dank engagierter Arbeit von Sozialverbänden und Jugendzentrum, Ärzten und Psychologinnen, Ehrenamtlern und Streetworkern sehr vieles funktioniert in der Trabantenstadt.
Die Eltern sprechen oft in zweiter und dritter Generation wenig oder kein Deutsch. Viele brauchen Hilfe bei Behördengängen, wissen nicht, was ihnen zusteht im Sozialstaat
„Am Kölnberg zeigen sich die gesellschaftlichen Probleme wie unter dem Brennglas“, sagt Azbiye Kokol, die seit 23 Jahren das Kinder- und Jugendzentrum in Meschenich leitet. „Die Eltern sprechen oft in zweiter und dritter Generation wenig oder kein Deutsch. Viele brauchen Hilfe bei Behördengängen, wissen nicht, was ihnen zusteht im Sozialstaat. Und wenn sie es geschafft haben – Arbeit gefunden, Sprache gelernt – ziehen sie in der Regel wieder weg und unsere Arbeit fängt von vorne an.“

Azbiye Kokol leitet das Jugendzentrum in Meschenich.
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Das Jugendzentrum ist eine Anlaufstelle für Hilfesuchende in Meschenich: Die Arbeit von Kokol und ihrem Stellvertreter Amir Rakhsh-Bahar sowie 55 Honorarkräften unterstützen 63 Stiftungen, Vereine, Unternehmen, Privatleute. Nachhilfe, Sprachkurse und gesundes Mittagessen, Hilfe bei Behördengängen, Deeskalationstraining, Ausflüge und Sport, Frauencafé, Jobcenter für über 25-Jährige, Betreuung bei (frühen) Schwangerschaften, Selbsthilfegruppen, aufsuchende Arbeit, sogar eine private Arztpraxis – es gibt wenig, was es hier nicht gibt. Die Symptome kann der Sozialstaat in Kooperation mit dem Ehrenamt und privaten Spendern am Kölnberg lindern – die Ursachen wie vernachlässigte Häuser, fehlende Anbindung, Müll und Ratten bleiben seit Jahren ungelöst.
Der Kölnberg ist längst nicht nur Klischee – und sitzt doch in der Klischeefalle. Weil der politische Wille, etwas zu ändern, fehlt. Am Kölnberg liegt die Arbeitslosenquote bei 30 Prozent. 54 Prozent der Menschen beziehen hier Sozialleistungen (SGB II und SGB XII), kölnweit sind es 12,8 Prozent. Nimmt man die Hochhaussiedlung für sich, ist kein Viertel in Köln jünger: 32,8 Jahre alt sind die Menschen hier im Schnitt. Knapp 82 Prozent der Alleinerziehenden beziehen Grundsicherung. Zum Vergleich: In Sülz und Lindenthal sind es elf Prozent. Und: Der Anteil der Bedarfsgemeinschaften – von Alleinerziehenden mit Kindern genauso wie von Familien – ist am Kölnberg in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen.

Städtebaulich keine gute Idee: Die Hochhaussiedlung Kölnberg in Meschenich
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Dass Trabantensiedlungen wie in Chorweiler, Finkenberg oder Meschenich sozialpolitisch keine gute Idee waren, ist lange bekannt. Anders als in Chorweiler, wo die GAG viel Geld in den Ankauf von Wohnungen investierte, hat die Stadt am Kölnberg nie in Immobilien investiert. Weil es viele verschiedene Eigentümer gibt, das kompliziert gewesen wäre und (zu) teuer. Der Kölnberg steht auch wegen seiner Lage ganz im Südwesten der Stadt nicht im Fokus: Fragt man Menschen in der Innenstadt nach Meschenich, kennen viele den Stadtteil nicht.
Um das Leben mit Menschen aus 60 Ländern und ihren Problemen beim Ankommen zu organisieren, „brauchen wir finanzielle Mittel und gute Ideen“, sagt Streetworker Amir Rakhsh-Bahar, der am Kölnberg aufgewachsen ist und jeden Dritten auf der Straße mit Namen begrüßt. „Um etwas zu ändern, bräuchten wir eine andere Infrastruktur – eine Bahnanbindung, zum Beispiel, und Häuser, die von der Stadt verwaltet werden.“ Solange die Stadt daran kein Interesse habe, bleibe der Kölnberg eine Parallelwelt mit vielen Problemen – und genauso vielen klischeehaften Zuschreibungen von privilegierten Menschen, die nie hier waren.
Hier leben Menschen, für die der Kölnberg ein Aufstieg ist – weil sie nicht daran gewöhnt sind, immer Strom und warmes Wasser zu haben
Wenn der Kölnberg als Ghetto beschrieben werde, geschehe das „meist aus der Perspektive von Menschen, die sich Gedanken darüber machen, dass ihre Babys Folsäure brauchen und welche Farbe der Babywagen haben muss“, sagt Azbiye Kokol. Ins Jugendzentrum kommen 15-jährige Mütter ohne Krankenversicherung und Orientierung, „bei denen wir froh sein können, wenn die Kinder in einem Babywagen schlafen“. Cristian Roiban, Sozialarbeiter der Caritas am Kölnberg, sagt bei einem Gang durch die Hochhausschluchten: „Hier leben Menschen, für die der Kölnberg ein Aufstieg ist – weil sie nicht daran gewöhnt sind, immer Strom und warmes Wasser zu haben.“
Geschätzt 4700 Menschen aus mehr als 60 Ländern am Kölnberg
In dieser Stadt kommen Menschen an, die wegmussten oder wegwollten aus ihrem Heimatland und in den Hochhäusern landeten, weil es hier noch ab und an eine freie Wohnung gibt. Geschätzt 4700 Menschen aus mehr als 60 Nationen leben in den bis zu 26 Etagen hohen Plattenbauten (offiziell sind es deutlich weniger). Mehr als 93 Prozent der Menschen haben eine internationale Geschichte, die meisten von ihnen kamen in den vergangenen Jahren aus Bulgarien und Rumänien. 683 Bulgaren und 493 Rumänen sind in Meschenich registriert. Die Quote der Analphabeten ist hoch.
Ein Kriminalitätsschwerpunkt ist der Kölnberg offiziell nicht. „Das Niveau der Straftaten ist nicht auffällig, die Lage hat sich in den vergangenen Jahren stabilisiert, auch weil wir sehr präsent sind“, sagt Jan Hahne, Leiter des Bezirks- und Schwerpunktdienstes. Als das Landeskriminalamt zusammen mit der Stadt Köln und der Agentur für Arbeit im vergangenen Jahr das Projekt Missimo startete, um Sozialleistungsmissbrauch aufzudecken, habe es zahlreiche Verdachtsfälle am Kölnberg gegeben.
Viele Verdachtsfälle auf Missbrauch von Sozialleistungen nicht bestätigt
„Viele Verdachtsfälle haben sich nicht bestätigt“, sagt Hahne. Dass trotzdem viele denken, „die Bulgaren und Rumänen kommen nach Deutschland, um Sozialleistungen abzugreifen, ist fatal“, sagt Streetworker Cristian Roiban, der selbst aus Rumänien stammt. „Das Klischee führt dazu, dass Sinti und Roma immer mehr stigmatisiert werden: Vor zehn Jahren war es kein Problem, für ungelernte Bulgaren und Rumänen Arbeit zu finden. Heute ist es fast unmöglich geworden.“

Jan Hahne, Leiter des Bezirks- und Schwerpunktdienstes der Kölner Polizei
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Mehr Sorgen als Sozialleistungsbetrug, Diebstahl oder gelegentliche Körperverletzungen vor Ort bereitet der Polizei, die mit drei Bediensteten an der Brühler Landstraße vor Ort ist, die Anonymität in den Hochhäusern. „Oft wissen wir nicht, wer wo lebt, Vorladungen erreichen die Adressaten nicht, weil es zum Teil keine Namensschilder an den Wohnungen gibt, es sehr unübersichtlich ist, wer dort lebt oder weil Schreiben nur mit dem Straßennamen adressiert sind“, sagt Hahne. „In der Anonymität der Hochhäuser können Straftäter leicht untertauchen, das erschwert unsere Ermittlungen.“
Das Problem nicht angezeigter Straftaten ist größer als das von angezeigten. Viele Menschen misstrauen staatlichen Behörden – dazu kommt eine Prägung aus patriarchalen Gesellschaften
Gespräche mit Sozialarbeitern und anderen Akteuren vor Ort legten zudem nahe, „dass das Problem nicht angezeigter Straftaten größer ist als das von angezeigten“. Das gelte zum Beispiel für Fälle von häuslicher Gewalt. „Viele Menschen misstrauen staatlichen Behörden – dazu kommt eine Prägung aus patriarchalen Gesellschaften.“ Anhaltspunkte habe die Polizei dafür, dass der Kölnberg als Rückzugsort für Kriminelle dient, sagt Michael Brockmann, als Inspektionsleiter auch für Meschenich zuständig. „Die Anonymität in den Hochhäusern ist eine große Herausforderung. Das Dunkelfeld ist sehr groß.“ Das gilt nicht nur für das Thema Kriminalität – sondern auch für das Wissen um die Lebenswelten am Kölnberg.
