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Abgehängt in KölnPrivatsprechstunde statt Kinderarztpraxis am Kölnberg

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Seit zwei Jahren gibt es keine Kinderarztpraxis mehr in Meschenich. Die Folgen sind fatal. Unterwegs am Kölnberg für unsere Serie „Abgehängt in Köln“. 

Ein kleiner Büroraum der ehemaligen Thomaskirche in Meschenich dient jetzt als private Arztpraxis. Was in einem der ärmsten Stadtteile Kölns paradox klingt und viele Menschen abschreckt, ist Realität. Weil es seit zwei Jahren keine Kinderarztpraxis mehr gibt rund um den Kölnberg – und die ehemalige Praxisinhaberin auffangen wollte, was wohl nicht aufzufangen ist.

Ursula Kleine-Diepenbruck eröffnete im Jahr 2015 ihre Kinderarztpraxis in Meschenich, die „sehr gut funktioniert hat“, wie sie beim Gespräch in ihrem Sprechzimmer sagt. Als die engagierte Medizinerin die Praxis im Jahr 2021 an die Kette Fairdoctors verkaufte, sicherte der neue Eigentümer zu, die Praxis zu erhalten – machte sie aber nach zweieinhalb Jahren wieder dicht. Ein neuer Eigentümer fand sich nicht. Für einen Stadtteil mit vielen Menschen, die Traumata, Vorerkrankungen und Misstrauen gegenüber Behörden im Gepäck haben, ist das ein Desaster. „Im deutschen Gesundheitssystem anzukommen, ist für viele Menschen am Kölnberg sehr schwierig“, sagt Kleine-Diepenbruck. Wenn keine Kinderärztin vor Ort ist, multiplizieren sich die Probleme.

Ich gehe davon aus, dass viele Eltern mit ihren Kindern nicht mehr beim Arzt waren, seit die Praxis geschlossen hat
Ursula Kleine-Diepenbruck, Kinderärztin

„Viele Menschen sind überfordert, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu fahren, um dort zum Arzt zu gehen. Ich gehe davon aus, dass viele Eltern mit ihren Kindern nicht mehr beim Arzt waren, seit die Praxis geschlossen hat.“ Rund die Hälfte der Grundschulkinder in Meschenich braucht Ergotherapie. Viele haben Karies und sind übergewichtig, weil sie das Falsche essen und sich zu wenig bewegen. In den Hochhausschluchten sieht man Kinder mit Chips und Cola in der Hand, Kleinkinder im Kinderwagen, die mit Smartphones ruhiggestellt werden.

„Es geht sehr viel um Aufklärung – und darum, hier überhaupt anzukommen“, sagt Ursula Kleine-Diepenbruck. „Die Anbindung ans Gesundheitssystem ist dafür eine Basis.“ Kürzlich sei ein 14-jähriges Mädchen in die Sprechstunde gekommen, die gesagt habe: „Ich sehe nicht gut und höre nicht gut, meine Mutter kann nicht mit mir zum Arzt gehen. Ich möchte aber lesen und hören können – sonst verstehe ich in der Schule nichts.“ Ursula Kleine-Diepenbruck erzählt von einem unbegleiteten Geflüchteten, dessen Krankenversicherung beim Übergang vom Jugendamt zum Sozialamt verlorengegangen war, von einem Kind mit schwerer Nierenerkrankung, Mutter alleinerziehend und ohne Deutschkenntnisse, Vater abwesend, das Kind depressiv und panisch. „Es geht oft um die Gesundheit der ganzen Familie“, sagt sie. „Die Kinder müssen sich hier oft um die Eltern kümmern, weil die Eltern die Sprache nicht können.“

29.04.2026, Köln: Serie abgehängte Stadtteile: Hausarzt Dr- Michael Kliem - Ein Besuch in der Hausarztpraxis An der Fuhr 1.  Foto: Arton Krasniqi

Hausarzt Michael Kliem hat seit 1998 eine Praxis am Kölnberg. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Viele der Kinder aus Kleine-Diepenbrucks Praxis hat Michael Kliem übernommen, der zusammen mit Andreas Plucinski und Anne Pesch die Hausarztpraxis am Kölnberg 1 leitet. Als Kliem die Praxis 1998 eröffnete, hatten die Anwälte und Ärzte, die in den 1970er Jahren Wohnungen in den Plattenbauten gekauft hatten, den Kölnberg längst verlassen. „Am Anfang kamen vor allem Türken und Italiener in die Praxis, dann Iraker, Syrer, Afghanen, inzwischen sind es Bulgaren, Rumänen und Ukrainer“, sagt er. Der Anteil der Privatpatienten liege in seiner Praxis bei nur vier Prozent. „Aber fast alle sind gesetzlich versichert, ich bekomme mein Geld.“

Inzwischen haben wir mehr Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen, Schlafstörungen, Depressionen. Ursache ist auch eine gewisse Ausweglosigkeit
Andreas Plucinski, Hausarzt am Kölnberg

Er habe sich als junger Arzt entschieden, nach Meschenich zu gehen, „weil ich arbeiten wollte“, sagt Kliem. „Ich würde es im Rückblick immer wieder so machen: Weil man hier viel mehr ist als nur Arzt.“ Mit den Menschen und ihren Hintergründen hätten sich auch die Erkrankungen verändert, sagt Andreas Plucinski. „Inzwischen haben wir mehr Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen, Schlafstörungen, Depressionen.“ Die Ursachen sieht er nicht nur in Kriegserfahrungen, sondern auch „in einer gewissen Ausweglosigkeit“.

29.04.2026, Köln: Serie abgehängte Stadtteile: Arzthelferinnen Rita Köpke - Ein Besuch in der Hausarztpraxis An der Fuhr 1.  Foto: Arton Krasniqi

Arzthelferin Rita Köpke arbeitet gern am Kölnberg.

Am Empfangstresen prasseln Sätze in vielen Sprachen auf Rita Köpke und Cetin Sila ein. „Es ist sehr laut hier, ein paar Klienten sind aggressiv, weil sie Drogen nehmen oder einfach am Ende sind, andere sind sehr fordernd“, sagt Sila. „Aber die meisten sind nett und herzlich.“ „Wir sind hier nicht nur medizinische Fachangestellte, sondern auch Sozialarbeiter, Dolmetscher, Psychologen, Mädchen für alles“, sagt Köpke. „Es ist sehr laut und hektisch hier – herausfordernd und jeden Tag völlig anders.“ Viele Patienten seien „sehr dankbar, hier gut versorgt zu werden“. In 22 Jahren in der Praxis habe er erst einmal erlebt, dass Blanko-Rezepte geklaut worden seien, sagt Andreas Plucinski. „Obwohl die hier überall rumliegen. Nichts ist sonst hier weggekommen, nie.“

Die drei Praxisinhaber sind alle über 60. Interessenten für eine Nachfolge gibt es noch nicht. Die private Praxis mit einer wöchentlichen Sprechstunde von Ursula Kleine-Diepenbruck wird im Sommer wieder schließen. Weil die Nachfrage gering blieb – viele Menschen hätten nicht verstanden, dass sie umsonst behandelt werden können – und auch, weil sich die Sprechstunde nicht weiter finanzieren lässt. „An vielen Hilfen, auch an unserer Übermittag-Betreuung, soll gespart werden“, sagt Jugendzentrums-Leiterin Azbiye Kokol. „Ich denke, solche Sparmaßnahmen werden den Staat teuer zu stehen kommen.“