Die Verantwortlichen des Kölner CSD waren in Berlin auf einem Paradewagen. Sie sprechen auch über das Sicherheitskonzept für Köln.
Anschlag in Berlin„Wir werden den Kölner CSD deswegen niemals absagen“ – Augenzeugen berichten

Die Kölner Uwe Weiler und Niklas Kaiser vom Cologne Pride hielten kurz vor dem Anschlag eine Rede auf dem Paradewagen.
Copyright: Cologne Pride
Uwe Weiler und Niklas Kaiser vom Kölner CSD-Veranstalter Cologne Pride sitzen im Backstage-Bereich hinter der Bühne am Brandenburger Tor, als der Lieferwagen in die Menschenmenge rast. Eben erst haben sie auf dem ersten Wagen des Berliner Christopher Street Day gestanden, tanzend unter Hunderttausenden, friedlich Feiernden der LGBTQ-Szene, und eine Rede gehalten, die wenige Stunden später fast wie eine Prophezeiung klingt: Weiler und Kaiser sprechen da von zunehmender Queerfeindlichkeit, rapide zunehmenden Straftaten, „Hass im Netz und Hass auf der Straße“. Von Menschen, die beleidigt, bedroht und angegriffen werden, „nur weil sie lieben, wen sie lieben, oder sind, wer sie sind“.
Als mehrere Polizisten beim Veranstalter hinter der Bühne auftauchen, „ist schnell klar, dass etwas passiert ist“, erinnert sich Weiler, Geschäftsführer des Cologne Pride, der mit vier Kolleginnen und Kollegen aus dem Vorstand und vielen Hundert anderen Kölnerinnen und Kölnern in Berlin ist. Bei dem Vorfall – schnell ist von einem Anschlag mit mutmaßlich islamistischem Hintergrund die Rede – stirbt eine Frau, 29 Menschen werden verletzt, viele davon schwer. Bei der Tat soll der Tatverdächtige laut Ermittlern auch eine Machete eingesetzt haben. Er ist auf der Flucht. Nach dem Mann wird gefahndet.

Das Team vom Cologne Pride in Berlin, kurz vor dem mutmaßlichen Anschlag
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„Wir sind sehr schockiert, so etwas haben wir noch nie erlebt und werden es hoffentlich nie mehr erleben“, sagt Weiler am Tag danach dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Es ist eine Mischung aus Schock, Angst und auch Wut“, sagt Kaiser, Sprecher des Cologne Pride. „Klar ist, dass wir uns niemals einschüchtern lassen werden von der einen Seite – noch instrumentalisieren von der anderen.“
Mit der einen Seite meint Kaiser Islamisten, die schnell in den Fokus der Ermittlungen gerückt sind und die aus ihrer Homophobie keinen Hehl machen, mit der anderen Seite „Rechtsextremisten, die diesen Fall rassistisch motiviert gnadenlos für ihre Zwecke ausschlachten werden. In ihrem Hass auf Diversität und queere Menschen sind beide Gruppen sich sehr nahe“.
Gemeinsam mit den städtischen Behörden werden wir das Sicherheitskonzept für Köln jetzt natürlich in allen Einzelteilen noch einmal angucken, auch und gerade die kleineren Zufahrtsstraßen
Uwe Weiler und Niklas Kaiser, Natalie Hagen, Marcel Voges, Kostja Levshin und Makki Buriakov aus Köln sind am Tag nach dem Anschlag noch in Berlin „und ziemlich durch den Wind“, wie Uwe Weiler sagt. Die Nacht haben sie im Hotel vor dem Fernseher und mit Telefonaten mit Freunden und Familie verbracht. Mit Blick auf den CSD in Köln sei eines zu 100 Prozent klar: „Wir werden wegen einer solchen menschenverachtenden Tat den CSD niemals absagen.“
Gemeinsam mit den städtischen Behörden werde man sich „das Sicherheitskonzept für Köln jetzt natürlich in allen Einzelteilen noch einmal angucken, auch und gerade die kleineren Zufahrtsstraßen“, sagt Weiler. Grundsätzlich sei der CSD in Köln aber „sehr gut aufgestellt, immerhin hat auch der Kölner Karneval unser Sicherheitskonzept übernommen“.
Burmester: „Köln steht fest an der Seite der queeren Community“
Wichtiger sei aktuell aber, „dass Menschen eine Gelegenheit zu Trauer und Austausch haben“, so Kaiser. Für den frühen Sonntagabend hat die Queere Kirche in Köln und Region spontan zu einem Gottesdienst in die evangelische St.-Johannes-Kirche nach Deutz eingeladen, um zu trauern. Am Montagabend gibt es im Café Bach bei der Aidshilfe für Kölnerinnen und Kölner die Gelegenheit, sich über das Erlebte auszutauschen.

Menschen trauern und demonstrieren vor dem Brandenburger Tor. Dabei wird ein Transparent mit der Aufschrift "Von Trauer zu Wut Widerstand!" gehalten.
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Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) spricht von einem Angriff gegen die Werte, für die der CSD stehe – Freiheit, Vielfalt, Respekt und ein friedliches Miteinander. „Köln steht fest an der Seite der queeren Community“, betont der SPD-Politiker auf Instagram. „Als Stadt der Vielfalt werden wir auch künftig alles dafür tun, dass Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität frei, sicher und ohne Angst leben und feiern können.“
Uwe Weiler und Niklas Kaiser hoffen, dass „dieser widerwärtige Anschlag nicht dazu führt, dass die AfD ihr menschenfeindliches Gift weiter verbreitet“.
Demokratie bedeutet nicht nur, wählen zu gehen. Demokratie bedeutet, wie unsere Gesellschaft mit Minderheiten umgeht
In Berlin vor Ort ist am Samstag auch ein Wagen der Kölner Rewe-Gruppe mit 100 Beschäftigten – Hauptsponsor des Kölner CSD. „Als Unternehmen mit rund 380.000 Mitarbeitenden ist die REWE Group Teil einer offenen Gesellschaft. Ein Anschlag wie der gestrige richtet sich nicht nur gegen die queere Community – er ist ein Angriff uns alle und auf die Werte, die unser Zusammenleben tragen: Freiheit und Demokratie“, schreibt Vorstandschef Lionel Souque am Sonntag. Diversität sei „Teil unserer Unternehmenskultur und Grundlage unseres Erfolgs. Gerade deshalb stehen wir heute umso entschlossener an der Seite der LGBTIQ+-Community – und aller, die für eine offene Gesellschaft eintreten“.
Uwe Weiler und Niklas Kaiser aus Köln haben kurz vor dem Anschlag auf dem CSD-Wagen in Berlin in ihrer Rede gesagt, der CSD sei immer politischer Protest gewesen – gegenwärtig sei dieser Protest wichtiger denn je, Vielfalt und Freiheit verteidigten sich nicht von allein: „Demokratie bedeutet nicht nur, wählen zu gehen. Demokratie bedeutet, wie unsere Gesellschaft mit Minderheiten umgeht. Schweigt nicht. Traut Euch: Mischt Euch ein. Widersprecht, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Zeigt Haltung. Denn Haltung ist hot!“
