Zum „Daach der kölschen Sproch“ am Sonntag, 27. September, waren auch Imis aufgerufen, sich in der rheinischen Mundart zu versuchen. Toleranz ist hier oberstes Gebot, meint unser Autor – der aus Westfalen stammt.

„Spreche un spreche losse“Warum Köln keine Kölsch-Polizei braucht

Goldene Stunde am Rheinufer in Deutz mit Blick auf die Kölner Altstadt.
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Sejel-fluch-zeusch. Allein das sagt alles aus über den Menschenschlag am Rhein. Kölnerinnen wie Kölner lieben es unverbindlich, legen sich nicht gern fest. Nur so ist es zu erklären, dass jedes G im Wort Segelflugzeug anders ausgesprochen wird.
Wissenschaftler haben sogar festgestellt, dass das mit einer Portion Sprechfaulheit zu tun hat: Die Zunge nimmt automatisch den Weg des geringsten Widerstands: Ein „G“ am Silbenanfang wird immer als weiches „J“ gesprochen. Nach dunklen Vokalen wie U, O oder A wird das „G“ automatisch zum „Ch“-Laut (siehe „Fluch“). Das passiere aus reiner Sprechökonomie, weil die Zunge dort bereits hinten liegt – so die Experten. Am Wortende nach einem hellen Vokal (wie dem „eu/ei“-Laut) wird das „G“ konsequent zu einem weichen „Sch“-Laut verwaschen. Das Hochdeutsche sei dagegen unlogischer, weil hier trotz völlig unterschiedlicher Buchstaben-Umgebungen dreimal stur exakt derselbe harte „G“-Laut gepresst wird.
Kölsch-Lust statt Kölsch-Frust
Okay, liebe Ureinwohner oder neudeutsch „Native Speaker“: Vielleicht ist euch das alles nicht bewusst gewesen, weil ihr einfach so sprecht, wie euch der Schnabel gewachsen ist. Und zugegeben, als Imi aus Westfalen kann ich auch eine gewisse Sprechfaulheit in Köln nicht wirklich feststellen. Im Gegenteil: Ihr seid doch weitaus mitteilsamer, als – sagen wir mal – der Ostwestfale. Aber wenn ihr wollt, dass die kölsche Sprache nicht eines Tages ganz verschwindet, dann zeigt auch hier, was diese Stadt schon so oft ausgemacht hat: Toleranz.
Leute, die sofort jeden und jede verbessern, wenn ihre Muttersproch nicht korrekt artikuliert wird, sorgen für Kölsch-Frust statt Kölsch-Lust. So viele Zugereiste lieben nicht nur die rheinische Lebens-, sondern auch Mundart. Insbesondere junge Kölner und Zugezogene interessieren sich auch fernab des Karnevals für die kölsche Sprache, um ein Stück Identität und Heimatgefühl zu schaffen.
Die selbsternannte Kölsch-Polizei ist keine Brauchtumshüterin, sie gefährdet vielmehr das, was ihr angeblich am Herzen liegt – und scheitert schon an Stadtteilgrenzen: Das „Verzäll“ am Bickendorfer Büdchen untersheidet sich von dem am Dellbrücker Mauspfad. Wolfgang Niedeckens Kölsch klingt und liest sich anders als das von Gerd Köster oder Tommy Engel. Selbst innerhalb einer Band – verrät Bläck-Fööss-Gründungsmitglied Bömmel Lückerath – war man sich nicht immer einig, wie es denn nun „richtig“ heißt.
Lasst uns daher nicht nur die kölsche Lebensweisheit „Leeve un leeve losse“ beherzigen – sagen wir fortan auch: „Spreche un spreche losse!“
