Experten mit PsychiatrieerfahrungWas macht eigentlich ein Genesungsbegleiter?

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In Dellbrück werden bei EX-IN Genesungsbegleiterinnen und Genesungsbegleiter ausgebildet.

Die Zahl der psychisch Kranken steigt. Genesungsbegleiterinnen und -begleiter helfen beim Heilungsprozess - denn sie schöpfen aus eigenen Erfahrungen. Wir haben drei Kölner getroffen, die die Weiterbildung absolviert haben.

„Ich hätte mir damals selbst keine Chance gegeben. Wer hätte mich denn einstellen wollen?“ Kai Smits blickt zurück auf eine 30-jährige Suchtgeschichte. Der gelernte Schlosser unter Tage verbrachte selbst eine Zeit im Maßregelvollzug. Was dort auffiel: Der heute 49-Jährige fand schnell einen guten Draht zu den Mitpatienten, gerade zu denen, die neu aufgenommen wurden und noch orientierungslos auf einen richterlichen Bescheid warteten. „Den Begriff Genesungsbegleiter hatte ich noch nie zuvor gehört - aber es ist der perfekte Beruf für mich.“ Heute kümmert sich Kai Smits selbst um die sogenannten 63er im Maßregelvollzug in Merheim: psychisch kranke Menschen, die eine Straftat begangen haben.

Psychische Krankheiten oder eine Suchtvergangenheit - das, was sonst im Lebenslauf versteckt wird, ist die Voraussetzung für die Weiterbildung als Genesungsbegleiter. „Die ‚Experten aus Erfahrung‘ haben immer den Türöffner-Effekt“, sagt Gudrun Tönnes. Sie ist Vorreiterin der Entwicklung in dem noch relativ jungen Berufsbild: Seit 13 Jahren qualifiziert sie mit ihrer Agentur „Lebensart“ in Köln und Münster Genesungsbegleiter nach dem zertifizierten „Ex-In“(Experienced-Involvement)-Konzept. Rund 600 Menschen haben den Kurs bei ihr durchlaufen.

Grudrun Tönnes (2.v.r.) bildet seit 13 Jahren Genesungsbegleiterinnen und -begleiter aus, in Köln unter anderem Kai Smits (r.), Oliver Reichertz und Angie Krechlok.

So auch Oliver Reichertz, der seit fast zwei Jahren als Genesungsbegleiter in einer Klinik angestellt ist. Auf der Station mit dem Schwerpunkt Psychose und Sucht leitet der 35-Jährige zweimal pro Woche eine Musikgruppe, führt Einzelgespräche, macht Spaziergänge oder spielt Brettspiele mit den Patientinnen und Patienten. Das Gefühl, nicht alleine zu sein mit den eigenen Gedanken und Emotionen, das habe er in der Vergangenheit selbst als heilsam empfunden, sagt Reichert heute. 2011 kam er selbst das erste Mal mit Suchtproblemen, Depressionen und Ängsten in eine Klinik. „Ich habe drei Ausbildungen abgebrochen, weil ich immer wieder rückfällig geworden bin“, sagt er. Heute wachse und lerne er mit den Patienten und an den Patienten, aber auch an seinen Mitkollegen und Profis. 

Immer mehr Kliniken stellen Genesungsbegleiter in Teil- oder Vollzeit an. Auch in Köln suche man jetzt viel, da man die Notwendigkeit erkannt habe, so Tönnes: „Jede Station braucht zwei Genesungsbegleiter“, fordert sie. Möglich ist die Anstellung auch im ambulanten Bereich: Angie Krechlok sammelte 2019 eigene Psychiatrieerfahrungen. In der Uniklinik lernte sie selbst eine Genesungsbegleiterin kennen: „Das war das erste Mal, dass ich überhaupt in der Klinik ein Vieraugengespräch hatte. Das fand ich sehr wertvoll.“ In einem sozialpsychiatrischen Zentrum in Köln wurde sie schließlich von einer Besucherin zur Genesungsbegleiterin: Im November beendete sie die einjährige Weiterbildung zur Ex-In-Genesungsbegleiterin, schon währenddessen bot sie anderen Patientinnen und Patienten Gespräche sowie progressive Muskelentspannung an und gründete eine Kreativgruppe. „Das tut ihnen gut, aber das tut auch mir gut“, sagt die 44-Jährige. Auch Kai Smits sieht in der Arbeit eine Win-win-Situation: „Ich glaube, dass ich eine ganze Menge geben kann. Ich ziehe aber auch jede Menge daraus und das jeden Tag.“

Kursinhalt ist die eigene Reflexion

Rund 20 Menschen sind es pro Kurs, zu den Inhalten gehören auch die Erfahrungen mit Stigmatisierung und Ausgrenzung aufgrund der eigenen Krankheit. „Als ich das erste Mal in die Psychiatrie gegangen bin, war das für mich die Klapsmühle, das war das Haus, wo die Irren sind. Ich konnte mich damit zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht anfreunden“, blickt Oliver Reichertz zurück. „Und dann bin ich in Kontakt gegangen mit den Patienten, und habe festgestellt, da sitzen Menschen, die haben ein Leben, die haben Arbeit, die haben irgendwann auch mal Geld verdient und waren stabil. Es ist offenbar nur ein innerer Anteil des Menschen, der in eine Dysbalance geraten ist.“

Gudrun Tönnes hat nach eigenen Angaben rund 70 Prozent aller Genesungsbegleiterinnen und -begleiter in NRW ausgebildet. Sie sorgte auch dafür, die Maßnahme nach AZAV (Akkreditierung und Zulassungsverordnung) zertifizieren zu lassen. Die Kosten von rund 3000 Euro können seitdem auch mit einem Bildungsgutschein von Jobcenter und Arbeitsagenturen finanziert werden. Die ausgebildete Ergotherapeutin hat selbst einen langen Werdegang als Mensch mit einer Diagnose - noch bevor es den Ausbildungszweig gab, brachte sie ihre Psychiatrieerfahrung immer offen in ihre Arbeit ein. „Wir leben das Recoveryprinzip. Es zielt nicht darauf ab, dass man symptomfrei ist oder medikamentenfrei, sondern dass man das bewältigen kann, was an Symptomen noch da ist“, so Tönnes. In den einzelnen Kursmodulen geht es auch um die eigene Reflexion. „Es ist nicht selbstverständlich, darüber zu reden, dass man Straftaten begangen hat aufgrund von Sucht oder dass man in einem Ausnahmezustand sein Leben riskiert hat. In den Kursen können die Teilnehmenden sagen: Ja, das darf sein. Das hat mich dahin gebracht, wo ich heute stehe.“

Studien zur Wirksamkeit

„Aktuell werden Studien erhoben, um die Wirksamkeit von Genesungsbegleitung darzustellen“, so Tönnes. Vielleicht helfe das, die Eingruppierung - aktuell im Tarif eines Pflegehelfers - zu verändern. „Die Bezahlung sollte höher und losgelöst vom Pflegebudget sein.“

www.ex-in-lebensart.de

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