Abo

Die Freiwilligen von St. SeverinDamit kein Kölner den letzten Weg alleine antreten muss

6 min
Eine kleine Begleitergruppe folgt auf dem Südfriedhof dem Elektromobil mit der Urne.Vorneweg geht Pfarrer Johannes Krautkrämer.

Eine kleine Begleitgruppe folgt auf dem Südfriedhof dem Elektromobil mit der Urne. Vorneweg geht PfarrerJohannes Krautkrämer.

Wenn sich keine Angehörigen finden lassen, werden die Beerdigungsbegleiter benachrichtigt. Unterwegs mit Menschen, die da sind, wo sonst keiner mehr ist.

„Ich habe einen Bus früher genommen, das Wetter ist so schön“, sagt Rosemarie Amberge. Die 89-Jährige im roten Anorak ist um 9 Uhr zur Beerdigung eines Mannes zum Südfriedhof gekommen, den sie nur ein einziges Mal gesehen hat. Sie kennt seinen Namen, weiß, dass er mitten im Severinsviertel gewohnt und am 29. Dezember vergangenen Jahres mit 75 Jahren gestorben ist.

„Unter welchen Umständen er starb, ob allein, im Krankenhaus oder ob er vielleicht durch die Feuerwehr aus der Wohnung geholt werden musste, weiß ich nicht.“ Nur, dass es weder der Stadt noch dem Bestatter gelungen ist, Verwandte zu finden, die ihn auf seinem letzten Weg begleiten könnten – und die Bestattung bezahlen. Damit wäre es eine „einsame Bestattung“, wie sie es nennt.

Rosemarie Amberge (r.) und weitere Freiwillige sind an diesem Morgen zur Beerdigung gekommen.

Rosemarie Amberge (r.) und weitere Freiwillige sind an diesem Morgen zur Beerdigung gekommen.

Wenn nicht die Beerdigungsbegleiter von St. Severin wären. „Wir wollen niemanden auf seinem letzten Weg alleine lassen“, sagt Rosemarie Amberge. Sie ist seit der ersten Stunde 2010 dabei. Damals schlug ein Diakon der Gemeinde Alarm: Immer öfter folgten dem Urnenwagen keine Menschen zum Grab.

Der Verstorbene lebte in der Südstadt

An diesem Morgen auf dem Südfriedhof ist es schon die 118. Beerdigung, die die Gruppe begleitet. Nach und nach kommen fünf Frauen und ein Mann. 20 Freiwillige gibt es insgesamt, die durch Anrufe und Mails oft kurzfristig benachrichtigt werden. Fast alle sind Rentner – für Berufstätige ist der Einsatz nur schwer möglich.

Rosemarie Amberge erzählt den anderen, dass sie den Verstorbenen einmal gesehen hat: Zu seinem 75. Geburtstag hatte sie ihn besucht und ihm im Namen der Gemeinde gratuliert. „Ein sehr sympathischer Mann, wir haben uns lange unterhalten. Aber ich weiß heute nicht mehr worüber. Die Wohnung war sehr vollgestellt.“

Jeder Trauerzugteilnehmer legt eine Rose an der Urne ab.

Jeder Trauerzugteilnehmer legt eine Rose an der Urne ab.

Und dann passiert etwas, was eher selten ist: Es kommen drei Menschen, die nicht zur Gruppe gehören. Ein Mann sagt, er habe im Schaukasten der Kirche von der Beerdigung gelesen. „Er war ein Klassenkamerad von mir, wir haben zusammen 1966 den Abschluss an der Realschule Severinswall gemacht. Da war er auch mal Klassensprecher.“ Der 76-Jährige ist großgewachsen und schlaksig, man kann in ihm noch gut den Schüler von damals erahnen.

„Er spielte eine zwölfsaitige Gitarre, das hatte damals niemand. Das fanden wir ganz toll.“ Zeitweise hätten sie gemeinsam in einer Band gespielt, „Lose Schüttung“ hieß sie.  „Er war sehr hilfsbereit, aber auch verschlossen. Wir waren befreundet, aber dann kamen einige Umzüge, dann hat er sich wohl scheiden lassen. Und man hat sich aus den Augen verloren.“

Der Mann saß in der Südstadt immer an seinem Fenster in der Parterre-Wohnung

Eine Frau erzählt, der Mann habe in ihrer Nachbarschaft gewohnt. „Ich habe ihn immer am Fenster sitzen sehen, er hatte ja eine Parterre-Wohnung, da bin ich immer vorbeigelaufen. Hätte er doch mal geschaut oder das Fenster aufgemacht, dann wäre man vielleicht ins Gespräch gekommen.“

Schließlich ist da noch ein Besucher in Fahrradmontur. „Ich habe ihm immer den Pfarrbrief gebracht. In der Wohnung standen sehr viele Bücher. Ein netter Kerl, aber sehr zurückgezogen. Dann machte er eines Tages nicht mehr auf.“

Johannes Krautkrämer (82) – Pfarrer im Ruhestand, aber in der Gemeinde noch sehr aktiv – berichtet, dass er sich nach der Todesnachricht in der Nachbarschaft umhören wollte, aber offensichtlich an der falschen Tür geklingelt hatte. „Da öffnete mir eine Frau, die kein Deutsch sprach.“ Der Elektro-Wagen, auf dem die winzig erscheinende Urne steht, wird vor die Trauerhalle gefahren.

Jeder Begleiter bekommt eine Rose

Nun ist der Ablauf immer gleich. Rosemarie Amberge hat Rosen mitgebracht – aus fairem Handel, wie sie betont – und verteilt sie. Johannes Krautkrämer zieht sein liturgisches Gewand über und liest einen Text des Dichters Hans Sahl. „Was bleibt von all dem, das ich tat und lebte? Nur eine Kleinigkeit: Ein Mensch fand statt.“ Und: „Ich weiß, dass ich bald sterben werde. Ein Gast nimmt leise seinen Hut und geht.“

Der Zug setzt sich langsam in Gang. Es ist rund einen Kilometer bis zu dem Feld für die Sozialbestattungen. Auf dem Weg soll eigentlich geschwiegen werden, aber so richtig wird das nicht durchgehalten. Früher sei der Rosenkranz gebetet worden, aber das wolle man heute nicht mehr. „Frau B. kann heute nicht, die musste zum Pilates“, flüstert eine Frau.

Am Urnengrab erzählt jeder, was er über den Toten weiß.

Am Urnengrab erzählt jeder, was er über den Toten weiß.

Die Bestattung bezahlt die Stadt. Die Sozialgräber liegen unter einer Rasenfläche, auf der einige schmale, hohe Stelen mit jeweils 25 Namen stehen. Eine winzige Grube für die Urne ist ausgehoben. Die Trauergemeinschaft bildet einen Kreis. Es gehört zum Ritual, dass nun erzählt wird, was man über den Toten erfahren konnte. Oft ist es nicht viel, heute ist eine Ausnahme. Rosemarie Amberge berichtet von Geburtstagbesuch und die drei Gäste schildern noch einmal ihre Erinnerungen, ohne Scheu und liebevoll.

Pfarrer Krautkrämer sagt, dies sei ja nun doch keine „einsame Beerdigung“ mehr, das sei wunderbar. Er spricht noch ein Gebet: „Fürchte dich nicht, ich befreie dich. Auch in reißenden Strömen wirst du nicht ertrinken.“ Das Vogelgezwitscher an diesem sonnigen Tag ist so laut, dass es seine Worte fast übertönt. Die Urne wird vorsichtig in die winzige Grube herabgelassen. Dann nimmt jeder Abschied, legt die Rose in die Kuhle, verneigt sich, hält kurz inne.

Die Sozialgräber auf dem Südfriedhof dürfen nicht geschmückt werden

Auf dem Rückweg wird dann viel geredet. „Am 29. Dezember ist der Mann gestorben? Dann ist die Beerdigung eigentlich recht früh. Es gab auch schon mal Urnen, die haben sechs Monate beim Bestatter gestanden, weil man so lange nach Angehörigen gesucht hat“, erzählt eine der Begleiterinnen. Und einmal sei es vorgekommen, dass es gleich drei Beerdigungen an einem Tag gab. Also dreimal einen Kilometer hin und wieder einen zurück. „Auf dem Rückweg erfährt man die tollsten Sachen“, sagt Rosemarie Amberge. Klatsch aus dem Viertel, Neues über Bekannte. Der Schulfreund schwärmt noch einmal von der zwölfsaitigen Gitarre. Es ist ein friedliches Gemurmel.

Rosemarie Amberge und Pfarrer Johannes Krautkrämer

Rosemarie Amberge und Pfarrer Johannes Krautkrämer

Pfarrer Krautkrämer berichtet, dass auf der Rasenfläche über den Sozialgräbern kein Schmuck und keine Blumen abgestellt werden dürfen – die Gräber sind aus Kostengründen „pflegefrei“, es wird nur der Rasen gemäht. Oft stellten Menschen dann doch etwas ab, auch an diesem Morgen steht ein Blumenstrauß an einer der Stelen. „Ein Ausdruck von Liebe.“ Es müsse aber dann wieder jemand entfernen.

Manchmal hadere er auch ein bisschen mit der Situation: Bei der Sozialbeerdigung finde man zusammen – aber vorher sei es nicht gelungen, den Menschen aufzufangen. Bei der immer älter werdenden Bevölkerung und den vielen Alleinlebenden ein wachsendes Problem.

Ein paar Begleiter gehen noch auf einen Kaffee zu „Schmitz und Nittenwilm“ am Friedhof. „Es war ja noch richtig kalt heute morgen, da können wir das gebrauchen.“ Rosemarie Amberge denkt, dass der Verstorbene mit diesem würdevollen Abschied sicher zufrieden sei. Für sie selbst seien die vielen Beerdigungen keine Belastung. „Man kennt den Menschen ja nicht, hat keine persönliche Beziehung. Dann ist es nicht so schwer.“

Wie ihre eigene Beisetzung ablaufen soll, da ist sie sich noch nicht so sicher. „Vielleicht wäre ein so kleiner Kreis auch was für mich – anstatt der großen Heiligsprechung mit der ganzen Verwandtschaft“, sagt sie und lacht. Man wisse ja gar nicht, wer von den Jüngeren überhaupt noch das Vaterunser kann. Eine andere Begleiterin sieht das anders: „Nein, ich will die große, klassische Beerdigung mit Trauerkaffee im Gasthaus Schäffer.“ Das liegt direkt gegenüber vom Haupteingang des Friedhofs.

Dann gehen alle ihrer Wege. Auch Rosemarie Amberge hat noch Termine. Bis alle wieder durch eine Rundmail zur nächsten Beerdigung gerufen werden.