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Bonner Meteorologe„Hitzewellen sind die tödlichsten Naturkatastrophen, die uns bevorstehen“

7 min
Passanten erfrischen sich an Wasserfontänen

Menschen suchen Abkühlung im Wassernebel, den die Stadt Köln organisiert

Köln erlebte Tage mit extremen Temperaturen. Die Klimaveränderung muss endlich Konsequenzen haben, sagt der Gastautor und Meteorologe Karsten Brandt.

Dass wir ein massives Stadtklimaproblem in unseren Städten haben, ist keine neue Erkenntnis. Seit gut 25 Jahren fordere ich nun schon, dass wir uns konsequent auf extreme Hitzewellen vorbereiten müssen. Bereits im Sommer 2006 – zu Zeiten des damaligen Fußball-Sommermärchens – habe ich Messungen im Rheinland mit der Infrarotkamera in Alten- und Pflegeheimen durchgeführt. Das erschreckende Ergebnis schon vor zwei Jahrzehnten war, dass die Temperaturen in diesen Einrichtungen extrem hoch lagen. Teilweise damals schon bei 28 bis 29 Grad, besonders bei den Einrichtungen im Umfeld dichter Bebauung in der Stadt.

Geändert hat sich seitdem leider so gut wie gar nichts. Wie in so vielen Bereichen wurde in den letzten Jahrzehnten kaum in die Infrastruktur investiert. Das rächt sich jetzt bitterlich, denn wir steuern auf eine Lage zu, die besonders für die ältere urbane Bevölkerung brandgefährlich ist.

Der Akku-Effekt der urbanen Zentren

Nehmen wir die extreme Juni-Hitzewelle, die wir gerade hinter uns haben, als Blaupause: Tag für Tag erwärmt die Sonne die stehende Luft. In der Stadt wirken die Gebäude und asphaltierten Flächen wie ein gigantischer Akku. Sie speichern die Hitze tagsüber und geben sie nachts kaum oder nur langsam ab. Während es im Umland – etwa in Zündorf oder draußen in Chorweiler – spürbar abkühlt, sinken die Temperaturen in den dicht bebauten Kölner Veedeln während der Hitzewellen kaum noch ab. Das Stadtklima schaukelt sich progressiv auf. Die Folge sind Super-Tropennächte, in denen das Thermometer in einigen Straßenzügen – wie etwa der Keupstraße – selbst nachts nicht mehr unter 26 bis 28 Grad fällt. Die extremen Temperaturunterschiede zwischen Hotspots wie dem Rudolfplatz und kühleren Bereichen wie der Wahner Heide betragen teilweise weit über zehn bis zwölf Grad, manchmal sogar noch mehr.

Das Problem ist hausgemacht, denn die Gebäudesubstanz stammt zu großen Teilen aus den Nachkriegsjahrzehnten. Damals war Hitze schlicht kein großes Thema. Hitzewellen dauerten zwei, vielleicht drei Tage mit Spitzenwerten von mal über 35 bis 36 Grad. Heute leben wir in einer völlig anderen Realität. In den kommenden Jahren müssen wir fast jedes Jahr mit Temperaturen über 40 Grad rechnen. In der Spitze sind in den nächsten Jahrzehnten (2040 bis 2060) durchaus 42, 43 oder gar 44 bis 45 Grad in Köln denkbar. Das entspricht einem Anstieg von 7 bis 8 Grad im Vergleich zu vor 100 Jahren. Unsere Stadtstruktur ist auf eine solche extreme Hitze schlicht nicht ausgerichtet. Um dieser Bedrohung zu begegnen, müssen wir zweigleisig fahren und langfristige, strukturelle Umbauten mit kurzfristigen Sofortmaßnahmen kombinieren.

Feldbetten und medizinisches Material stehen im Notfallversorgungszentrum der Feuerwehr in einer gekühlten Messehalle bereit.

Feldbetten und medizinisches Material stehen im Notfallversorgungszentrum der Feuerwehr Köln in der Messe bereit.

Kreativer Naturschutz und Reflexion

Der klassische Ansatz lautet meist, mehr Grün in die Stadt zu bringen und mehr Bäume zu pflanzen. Das ist grundsätzlich vollkommen richtig und notwendig, greift aber zu kurz, weil die Temperaturen viel schneller steigen, als junge Bäume wachsen können. Wir brauchen hier völlig neue, kreative Ansätze. Dabei müssen wir um jeden Preis alte Bäume erhalten. Wer heute einen alten, hohen Baum auf seinem Grundstück pflegt, trägt die vollen Kosten für Baumschnitt und Verkehrssicherungspflichten. Er wird für den Klimaschutz auf dem eigenen Grund und Boden quasi bestraft. Wir müssen dieses Prinzip dringend umdrehen. Große Bäume haben durch ihre Klimaleistung einen unschätzbaren Wert für das Mikroklima. Die öffentliche Hand sollte daher die Pflege und Sicherung dieser Privatbäume übernehmen, um den wertvollen Bestand aktiv zu sichern, anstatt die Besitzer mit Kosten zu belasten.

Gleichzeitig müssen wir über die Farben unserer Städte sprechen. Wenn ich mit der Infrarotkamera durch die Straßen gehe, fallen mir überall immer noch dunkle Flächen auf. Das geht heute einfach nicht mehr. Ein groß angelegtes Projekt für helle Dächer wäre eine schnelle und effektive Maßnahme, um den Akku-Effekt zumindest abzumildern. Statt teurer und langwieriger Dachbegrünungen, die an vielen Stellen zu kompliziert sind und zu lange dauern, sollten Dächer flächendeckend mit hellen, reflektierenden Speziallacken oder Beschichtungen versehen werden. Diese sogenannten „Cool Roofs“ reflektieren die Sonneneinstrahlung direkt. Das hindert die Häuser am Aufheizen, wodurch wir in der Folge auch viel weniger Klimatechnik benötigen, um Dachwohnungen kühl zu halten. Angesichts der unzähligen Interessenskonflikte in der Stadtplanung – man denke nur an den erbitterten Streit um jeden einzelnen Parkplatz, wenn ein Baum gepflanzt werden soll – ist die gezielte Veränderung von Straßen- und Dachoberflächen oft der schnellere und konsequentere Weg.

Mit steigenden Temperaturen setzen immer mehr Haushalte auf Klimanalagen.

Mit steigenden Temperaturen setzen immer mehr Haushalte auf Klimanalagen.

Technische Kühlung und ihre Tücken

Neben dem baulichen Umbau müssen wir der harten Realität ins Auge blicken. Am Ende der jüngsten Hitzewelle haben wir in den Obergeschossen Kölner Wohnhäuser Innentemperaturen zwischen 34 und 38 Grad gemessen. Es mussten bereits Menschen aus ihren überhitzten Wohnungen gerettet werden, weil es schlicht zu heiß war. Es ist ein politisches Armutszeugnis und eine Unverschämtheit gegenüber älteren und kranken Mitbürgern, dass wir Krankenhäuser und Pflegeheime in den letzten 25 Jahren nicht flächendeckend mit Klimaanlagen ausgestattet haben. An vielen öffentlichen Stellen müssen wir jetzt dringend nachrüsten.

Im privaten Bereich wird die Installation von Klimatechnik in den nächsten Jahren ohnehin explosionsartig zunehmen, da sich niemand mehr freiwillig diesen extremen Bedingungen aussetzen wird. Doch das birgt eine ganz neue, meteorologische Gefahr. Klimaanlagen kühlen zwar den Innenraum, blasen die Wärme aber nach draußen. Vor allem nachts heizt die geballte Abwärme der Aggregate die urbane Außenluft massiv auf. Das ist ein Phänomen, das wir bereits aus anderen Megacitys wie Tokio oder New York kennen. Die ungesteuerte, private Technisierung wird das Stadtklima in Köln langfristig also noch extremer machen, weshalb wir das Thema Raumkühlung dringend ganzheitlich und stadtplanerisch anpacken müssen.

Einstellung und Katastrophenschutz

Der wichtigste Hebel liegt jedoch in unserer eigenen Einstellung. Wir müssen mental, sozial und bautechnisch akzeptieren, dass unsere Sommer nicht mehr die der 1960er oder 70er Jahre sind. Wir erleben hier immer mehr extreme, thermische Notlagen – sogenannte stille Unwetter mit massiven Folgen für kranke und ältere Menschen. Wir müssen unser Verhalten und unsere Kleidung anpassen und Wetterwarnungen vor extremer Hitze endlich als echte Katastrophenlagen ernst nehmen, statt sie als „normalen Sommer“ abzutun. Solche Wellen bringen viele Menschen an die absolute Grenze dessen, was der Körper leisten kann.

Der große Vorteil dieser thermischen Notlagen ist, dass man sie relativ früh und präzise vorhersagen kann. Dieses Zeitfenster müssen wir nutzen. Rettungsdienste und Ordnungsämter müssen speziell geschult und aufgestockt werden, um in solchen Lagen nicht überrascht zu werden. Wir brauchen vordefinierte Pläne, wo man Menschen im Notfall evakuieren kann, und müssen kühle Orte im öffentlichen Raum gezielt vorbereiten. Hier hilft auch ein internationaler Austausch mit Städten, die seit jeher mit Extremhitze umgehen.

Um die Krankenhäuser zu entlasten, wurde in Köln bei der Hitze-Welle Ende Juni ein Notfallversorgungszentrum in einer Messehalle eingerichtet. Der Leiter der Kölner Feuerwehr, Christian Miller, Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester und der Leiter des Kölner Rettungsdienstes, Alex Lechleuthner, stellten es vor.

Um die Krankenhäuser zu entlasten, wurde in Köln bei der Hitze-Welle Ende Juni ein Notfallversorgungszentrum in einer Messehalle eingerichtet. Der Leiter der Kölner Feuerwehr, Christian Miller, Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester und der Leiter des Kölner Rettungsdienstes, Alex Lechleuthner, stellten es vor.

Was mir zudem völlig fehlt, ist die ehrliche, direkte Krisenkommunikation der Politik. Wenn eine solche Extremwetterlage ansteht, erwarte ich, dass sich der Oberbürgermeister, der Ministerpräsident oder Verantwortliche auf Bundesebene direkt an die Bevölkerung wenden – mit klaren Warnungen und Verhaltensanweisungen, genau wie es in den USA zum Beispiel vor Hurrikanen völlig normal ist. Diese Kommunikation fehlte vor der Ahrtallage und bei der Hitze hier vollständig. Hitzewellen sind die tödlichsten Naturkatastrophen, die Mitteleuropa in Zukunft bevorstehen.

Die erste historische Hitzewelle des Jahres 2026 haben wir nun hinter uns. Doch der Blick auf die Computermodelle zeigt schon für die kommenden zwei Wochen, dass sich die nächsten Peaks an oder nahe der 40-Grad-Marke in Nordrhein-Westfalen und Köln bereits wieder ankündigen. Nach der Hitze ist vor der Hitze. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass die Extremhitze unser ständiger Begleiter wird. Zum Schluss möchte ich noch auf etwas Wichtiges hinweisen:

Die Gemeinschaft in Köln wiederentdecken

Nachbarn, Verwandte und Freunde sind nicht nur, aber besonders während extremer Wetterlagen wichtig. Während der Hitzewelle habe ich es erlebt, dass Nachbarn spontan Wasser für durstige Busreisende zur Verfügung stellten oder älteren Menschen Wasserkästen auf das Stockwerk brachten. Diese kleinen lokalen Gemeinschaften können helfen, dass wir alle durch die kommenden extremen Lagen kommen.

Zur Person

Karsten Brandt (53) ist promovierter Meteorologe. Er ist  Spezialist für Fragen zum Stadtklima und beschäftigt sich intensiv mit Themen rund um den Klimawandel und Unwettern. Er betreibt in Bonn einen privaten Wetterdienst und arbeitet beratend für den Rettungsdienst im Rhein-Sieg-Kreis.