Die Stadt Köln will mehr für nachhaltige Mobilität tun, startet eine neue Informationskampagne zu Fahrradstraßen. Zum Auftakt sprach die Rundschau mit Mobilitätsdezernent Ascan Egerer.
Kölns Mobilitätsdezernent im InterviewWo Köln noch weitere Radstraßen plant

Die Trankgasse am Dom wurde bereits zu einer Fahrradstraße umgestaltet.
Copyright: Moritz A. Rohlinger
Was ist Ziel der Kampagne?
Wir möchten alle Verkehrsteilnehmer für das Thema Fahrradstraße sensibilisieren und die Regeln, die dort gelten. Wir werben für mehr gegenseitige Rücksichtnahme von Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern. Wie schon im ersten Teil der Kampagne setzen wir das mit einem musikalischen Thema um, unter dem Motto „Miteinander klingt's einfach besser“. Dazu gibt es Plakate, Infomaterial und Videos, die wir in der Kinowerbung und den sozialen Netzwerken zeigen.
Auf welche Regeln wollen Sie hinweisen?
In der Fahrradstraße haben Radfahrende Vorrang und dürfen auch langsam nebeneinander fahren. Autofahrer sind dort Gast. Sie dürfen dort wie auch auf allen anderen Straßen nur überholen, wenn sie 1,50 Meter Seitenabstand einhalten können. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt 30 Stundenkilometer.
Wo sind weitere Fahrradstraßen geplant?
Zuletzt haben wir diesen Monat in der Maybachstraße eine Fahrradstraße eingerichtet. Damit wurden bisher 51 Straßen ganz oder teilweise zu Fahrradstraßen umgewandelt. Als Nächstes stehen weitere Abschnitte der Wälle und die Straße Am Weidenbach im Pantaleonsviertel an, danach einige Straßen in Kalk und Mülheim. Auch auf der Neuköllner Straße und Tel-Aviv-Straße an der Nord-Süd-Fahrt, am Hansaring Richtung Ebertplatz, an der Gummersbacher Straße und der Vorgebirgsstraße, um nur einige der nächsten Projekte zu nennen, werden wir weitere Radverkehrsinfrastruktur schaffen, hier allerdings als Radfahrstreifen. Beim Lückenschluss der Ringe fehlt noch der Barbarossaplatz. Hier arbeiten wir gerade an der Radverkehrsführung im südlichen Teil.
Wo steht Köln beim Thema Radverkehrsinfrastruktur?
Wir sind mittendrin in einem Prozess, der bereits vor meinem Amtsantritt begonnen hat. Jetzt wollen wir die Umsetzung beschleunigen, Stichwort Ausbau der Radverkehrsnetze. Das ist ja auch der politische Auftrag. Das Ganze wird eingebettet in den nachhaltigen Mobilitätsplan (SUMP) für Köln, wir nennen ihn „Besser durch Köln“, an dem wir intensiv arbeiten. Wir wollen aber nicht erst zwei, drei Jahre auf die Ergebnisse warten, sondern arbeiten weiter an der Verbesserung der Radinfrastruktur. Köln ist bei dem Thema insgesamt spät dran. Andere Städte sind da weiter – siehe beispielsweise Hannover, Karlsruhe oder Freiburg.
Die Trankgasse wurde temporär zur Fahrradstraße umgewandelt, das sorgte für teils harsche Kritik. Wie lautet Ihr bisheriges Fazit?
Mein Eindruck ist: Das wird gut angenommen, sowohl von Radfahrern als auch von Fußgängern. Mancher Autofahrer muss sich noch an die neue Situation gewöhnen. Die Gestaltung wird sich noch verbessern. Wir werden temporäre Fahrradabstellanlagen vor den Domsockel setzen, können dafür andere Fahrradständer im Bereich Bahnhofsvorplatz abbauen und dort mehr Platz für Fußgänger schaffen.
Fahrradstraßen werden meist in Nebenstraßen eingerichtet, wo es leicht fällt. Was ist mit gefährlichen Achsen wie der Luxemburger Straße?
Wir arbeiten gerade an dem Ratsauftrag, ein MIV-Grundnetz für den motorisierten Individualverkehr zu erstellen. Es soll festlegen, welche Straßen für den Kfz-Verkehr von zentraler Bedeutung sind und welche Leistungsfähigkeit sie haben müssen, sprich: wie viele Fahrspuren. Dazu wollen wir im ersten Quartal 2024 eine Beschlussvorlage vorlegen. Danach können wir in die Detailplanung für den Radverkehr gehen.
Was ist mit dem Ebertplatz? Müssen wir auf die große architektonische Umgestaltung warten, bevor es für Radfahrer eine vernünftige Lösung zur Querung gibt?
Der Ebertplatz ist tatsächlich ein Sonderfall, hier bestehen viele Abhängigkeiten. Zum Teil haben wir dort Schutzstreifen eingerichtet. Die Querungssituation ist unbefriedigend, da gebe ich Ihnen recht.
Und der Eigelstein? Formal ist er Fahrradstraße, aber Lokale stellen Tische auf die Fahrbahn und die Menschen laufen dort kreuz und quer. Sollte das nicht eher eine Fußgängerzone werden?
Das ist mir auch aufgefallen. Hier steht ja noch ein endgültiger Beschluss aus. Ich habe den Eindruck, es entwickelt sich von der Nutzung her in Richtung Fußgängerzone. Der Fahrrad-Durchgangsverkehr könnte dann parallel über den Radfahrstreifen auf der Nord-Süd-Fahrt fließen. Aber das muss die Politik entscheiden.
Die Expressbuslinien zum Dom sind der Fahrplanausdünnung zum Opfer gefallen. Planen Sie trotzdem neue Expressbuslinien?
In der nachhaltigen Mobilitätsplanung ist das ganz klar ein Thema. Wir wollen sehen, wo kann man schnell ein attraktives Angebot schaffen? Insbesondere dort, wo eine Stadtbahnanbindung sich nicht so schnell realisieren lässt. Zurzeit haben wir eine Studie für ein Gesamtkonzept zum Expressbus in Auftrag gegeben.
Was ist Ihr Plan für die Deutzer Freiheit, nachdem ein Gericht den Verkehrsversuch gestoppt hat? Wäre sie ein Ort für eine Fahrradstraße?
Grund der Entscheidung des Verwaltungsgerichtes war nicht der Verkehrsversuch an sich, sondern die unzureichende Begründung der Maßnahme gemäß dem Straßenverkehrsrecht. Wir werten nun aber wie ursprünglich auch geplant die Erkenntnisse des Verkehrsversuchs aus und legen die Ergebnisse der Politik vor, die dann entscheiden kann, wie es weitergeht.
Viel Kritik gab es auch an der Kommunikation zum Verkehrsversuch Venloer Straße. Was haben Sie daraus gelernt?
Wir haben gelernt, dass Kommunikation sich verändert hat. Wir müssen Menschen auf unterschiedlichsten Wegen ansprechen. Wir haben viel in sozialen Netzwerken kommuniziert, bei Terminen vor Ort, über Wurfsendungen und so weiter. Aber man muss klar sagen: Wir werden nie alle Menschen erreichen können.
Zur Person
2021 wurde Ascan Egerer (54) im Juni zum Mobilitätsdezernenten der Stadt Köln gewählt, vorgeschlagen hatten ihn die Grünen. Der studierte Bauingenieur hat berufliche Stationen unter anderem bei der Deutschen Bahn AG und der DB Regio NRW absolviert, zuletzt war er Technischer Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK).
Unter Egerer gewann der Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur in Köln deutlich an Fahrt, viele Radfahr- und Schutzstreifen wurden eingerichtet. Für teils massive Kritik von Bürgern und Politik sorgte seine von manchen als dilettantisch angesehene Umsetzung von Verkehrsversuchen, etwa auf der Venloer Straße oder der Deutzer Freiheit. Letzterer wurde nach einer Klage von Geschäftsleuten per Gerichtsbeschluss beendet.
An der Trankgasse am Dom zog Egerer die versuchsweise Einrichtung einer Fahrradstraße zeitlich vor, was ihm Kritik aus der CDU einbrachte. Sie sollte ursprünglich erst nach der Umgestaltung des Domsockels kommen.
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