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Interview

Kölner Hauptschulen
„Von hier aus kann jeder durchstarten“

5 min
Daniela Deters, Leiterin der Adolph-Kolping-Schule.

Daniela Deters, Leiterin der Adolph-Kolping-Schule.

Ist die Hauptschule ein Auslaufmodell? Oder so nötig wie nie? Darüber sprach Gabi Bossler mit Daniela Deters, Leiterin der Adolph-Kolping-Hauptschule in Kalk, und Thomas Knobloch, Leiter der Heimersdorfer Ursula-Kuhr-Schule.

Ist die Hauptschule mehr als eine Schule?

Knobloch: Das muss sie sein. Viele unserer Kinder haben schwere Päckchen zu tragen. Etwa familiäre und zunehmend auch psychische Probleme. Oft haben die Kinder keinen Platz zum Lernen und keine verlässlichen Strukturen. Unsere überschaubaren Schulen werden für sie zu einem Ort, wo sie gesehen werden und verlässliche Bezugspersonen haben. Diese Beziehungsarbeit und die Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls sind die Grundlage dafür, lernen zu können.

Deters: Meine Tür steht fast immer offen, viele Schülerinnen und Schüler erzählen mir Persönliches. Mit der Zeit entwickeln sie Vertrauen zu uns. Nur so kann unser Team aus Lehrkräften und Sozialpädagogen auch bei nicht schulischen Dingen helfen. Und: Manche, die in ihrer ersten Schule frustrierende Erfahrungen gemacht haben, kommen anfangs nur, „weil der Lehrer so nett ist“ und sich um jeden kümmert.

Thomas Knobloch, Leiter der Ursula-Kuhr-Schule.

Thomas Knobloch, Leiter der Ursula-Kuhr-Schule.

Warum sind dann die 5. Klassen so klein?

Knobloch: Weil es leider kaum Eltern gibt, die ihr Kind, das von seiner Grundschule eine Hauptschulempfehlung bekommen hat, bei uns anmelden. Wir fangen zum Beispiel im kommenden Schuljahr mit 34 Schülern an. Wir bilden zwei kleine Lerngruppen, aus denen mit der Zeit Klassengemeinschaften entstehen.

Ab wann werden die Klassen größer und wer kommt dazu?

Deters: Schon in den ersten Schultagen kommen immer bis zu fünf Kinder dazu, weil ihre Eltern die Anmeldung nicht bewältigen konnten oder schlicht vergessen haben. Wir nehmen laufend Kinder auf, nach der 6. Klasse kommen ganz viele auf einmal. Ab Stufe 7 sind wir wie auch die anderen Kölner Hauptschulen fast immer dreizügig, mit 60 oder mehr Kindern. Fließend integrieren wir auch die geflüchteten Kinder unserer sechs Sprachförderklassen in die Regelklassen.

Knobloch: : Oft zeichnet sich schon früher ab, dass Kinder nach der Erprobungsstufe, der 5./6. Klasse, „abgeschult“ werden – so heißt das offiziell, das Wort ist furchtbar. Ich bin über jedes Kind froh, dass schon nach der 5. Klasse zu uns kommt. Je früher sie kommen, desto eher stabilisieren sie sich hier.

Übernimmt die Schule einen Teil „Elternarbeit“?

Deters: Wichtig ist: Alle Eltern lieben ihre Kinder! Aber es gibt nicht wenige, die das nicht so umsetzen können, wie sie es möchten und wie ihre Kinder es brauchen.

Knobloch: Für einige Eltern ist die Unterstützung ihrer Kinder zeitlich und fachlich schwierig. Oft müssen Kinder früh Verantwortung übernehmen, beispielsweise auf Geschwister aufpassen oder für ihre Eltern übersetzen, und kommen selbst zu kurz. Bis zu 50 Kinder nehmen täglich an unserem kostenfreien Frühstück teil. Zugleich lernen sie an unserer Schule, dass es Regeln gibt, die eingehalten werden müssen. Und Konsequenzen, auf die sie sich verlassen können. Das haben manche in ihren Grundschulklassen mit 30 Kindern oder in ihrem Elternhaus nicht lernen können.

Wie oft müssen Sie das Jugendamt einschalten?

Knobloch: Leider oft. Teils wegen häuslicher Gewalt, oft wegen Schulabstinenz oder Vernachlässigung. Es gibt Phasen, da kommen 20 Prozent unserer Schüler nicht zur Schule. Es gibt Sechstklässler, die rauchen, andere haben im Winter nur ein Sweatshirt an, weil sie keine warme Jacke besitzen. Wenn die Sorgen, die wir uns machen, sehr groß sind machen wir eine Gefährdungsmeldung beim Jugendamt. Die „Schulpflichtüberwachung“ macht sehr viel Arbeit, wir müssen alles akribisch dokumentieren, um rechtliche Schritte einleiten zu können. Wir setzen uns mit allen Mitteln dafür ein, dass die Kinder in die Schule gehen. Viele verstehen das so, wie wir es meinen: Dass sie uns wichtig sind.

Wieviele Kinder haben einen Förderbedarf?

Deters: In jeder Klasse gibt es drei oder vier Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Doch allein für Kinder mit Förderbedarf „Lernen“ haben wir jedes Jahr mehr Anmeldungen als Plätze. Da wir Schüler mit sozial-emotionalem Förderbedarf und Hauptschulempfehlung zuerst aufnehmen müssen, können wir nicht alle Kinder aufnehmen.

Knobloch: Tatsächlich haben aber noch mehr einen Förderbedarf, doch der kann nur bis zur 6. Klasse regulär diagnostiziert werden. Danach ist das ein extrem aufwendiger Prozess. Generell unterstützen wir natürlich alle Kinder.

Ist die Gesamtschule eine Alternative?

Knobloch: Viele Kinder kommen mit der Größe dieser Schulform klar. Andere benötigen unbedingt einen überschaubaren Rahmen, um sich in Ruhe entwickeln zu können. Für viele Kinder ist die Schule wie ein zweites Zuhause. An Gesamtschulen mit 1200 bis 1600 Schülern und bis zu 150 Lehrkräften würden sie völlig untergehen. 

Deters: In unseren kleinen Kassen können wir die Kinder gut fördern. Bei uns können sie ohne direkten Vergleich mit andern ein positives Selbstwertgefühl entwickeln.

Wie anspruchsvoll ist die Arbeit an der Hauptschule?

Knobloch: Die Arbeit an der Hauptschule ist anspruchsvoll, sehr vielseitig und oft emotional belastend. Wir haben ein sehr gutes Team bestehend aus Lehrkräften, Sonderpädagogen, Sozialpädagogen und aus Mitarbeitern unseres Ganztagsträgers, das kooperiert und sich gegenseitig stützt. Sonst kann man diese Arbeit nicht machen.

Deters: Wir bekommen viel Herzlichkeit und Dankbarkeit zurück, einen Lohn, den wir als sehr wertvoll empfinden, die Schüler schließen einen ins Herz. Beziehungsarbeit tut auch den Lehrkräften gut. Wir haben Lehrkräfte, die geben unserer Schulform den Vorzug vor anderen.

Wie geht es nach der 10. Klasse weiter?

Knobloch: Auch bei uns schaffen nicht immer alle einen Abschluss – aber die allermeisten schon. Wir beginnen in Stufe 8 mit Praktika und Berufsorientierung, intensiv begleitet durch unsere sozialpädagogischen Kräfte und Lehrkräfte. Von den rund 60 Schülern, die in die 10. Klasse kommen, machen 40 den Ersten Erweiterten Abschluss, früher Hauptschulabschluss nach Klasse 10, und 20 den Mittleren Abschluss, früher Realschulabschluss. Deters: Wir sind bis zur 10. Klasse wie eine kleine Gesamtschule, von hier aus kann jeder durchstarten. Manche gehen danach sogar aufs Gymnasium. Für schulmüde Jugendliche ohne Abschluss gibt es eine Langzeitpraktikumsklasse oder eine Jugendwerkstatt.

Trotz allem: In den ersten Stufen werden viele Schulplätze nicht genutzt, die Kosten verursachen ...

Deters: Unsere Hauptschule ist offiziell 2,5-zügig, damit können wir flexibel auf schwächere oder -stärkere Jahrgänge reagieren. Deshalb haben wir weniger ungenutzte Plätze. Das wäre auch ein Modell für andere, meist dreizügige Hauptschulen. Unsere Schulform ist für viele Kinder die richtige. Deshalb wird unsere durch das Startchancen-Programm. Das Problem ist, dass die Hauptschule zu Unrecht einen schlechten Ruf hat und die Eltern sich zunächst gegen uns entscheiden. Deshalb müssen so viele Kinder eine Odyssee über andere Schulen machen, bevor sie zu uns kommen.