Er hat Kanzler und Hollywoodstars fotografiert, die Queen an die Hand genommen und ist auch sonst für jede Überraschung gut. Stefan Pick, 62, Kölns wohl renommiertester Promi-Fotograf.
ADHS als KompassKanzler bis Queen – Wie ein Kölner Fotograf die Promis in Szene setzt

Drei Männer albern im Bett herum: Heino Ferch, Stephan Pick und Dennis Hopper (v.l.)
Copyright: Stephan Pick
Es gibt nicht das eine Foto, das Stephan Pick besonders am Herzen liegt. Wer Jahrzehnte seinen Beruf mit so viel Leidenschaft ausübt, als sei er eine Berufung, kann nicht einfach sagen: „Das ist mein Lieblingsmotiv.“ Aber Kölns wohl renommiertester Promi-Fotograf stellt in seinem Atelier in Buchheim spontan eine Auswahl zusammen.
Zum Beispiel Peter Klöppel auf einem Bauernhof. Englisches Sakko, Gummistiefel, Mist und Heu – und auf der Schulter des früheren Nachrichtenmoderators sitzt ein Hahn. Nicht irgendwie. Der Hahn steht da, als gehöre er hin.
Stephan Pick: Er hat unzählige Prominente in Szene gesetzt
„Ein irres Foto“, sagt Pick und lacht. Er wusste, dass Klöppel Agrarwissenschaften studiert hatte. Also holte er ihn raus aus dem RTL-Studio, stellte ihn in den Schweinestall und wartete. Menschen dort zu zeigen, wo sie herkommen – nicht dort, wo sie hinwollen –, ist nur eine Methode des 61-Jährigen.

Von Peter Klöppel wusste Stephan Pick, dass er mal Agrarwissenschaften studiert hat.
Copyright: Stephan Pick
Stephan Pick, aufgewachsen in Brauweiler, ist seit mehr als vier Jahrzehnten ein gefragter Porträtfotograf. Er hat von Queen bis Kanzler unzählige Prominente in Szene gesetzt und lebt in einem hippen 250-Quadratmeter-Loft in Mülheim, in dem schon der „Tatort“ gedreht wurde. Doch Stephan Pick ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sich klischeehaft unter einem Starfotografen vorstellt. Hinzu kommt, dass er in einer Brikettfabrik in Niederaußem früh lernte, was harte Arbeit bedeutet. Und ADHS.
Kölner Fotograf Stephan Pick: ADHS als Kompass
Stephan Pick war, wie er selbst sagt, „ein sehr auffälliges Kind“. In den 70er Jahren, als es den Begriff ADHS noch nicht gab, hieß das „Zappelphilipp“. Picks Eltern, Kriegsgeneration, ratlos und erschöpft, meldeten ihn an einer integrativen Schule für Körperbehinderte und Nichtbehinderte an – eine der ersten ihrer Art im Rheinland, entstanden im Zuge der Contergan-Tragödie. Vor allem seiner Mutter, aber auch seiner Schwester habe er sehr viel zu verdanken. Prägende Figuren aufseiten der Erzieher waren für ihn Birgitt Wallraff, erste Ehefrau des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff und Nichte von Heinrich Böll sowie Klassenlehrerin Gisela Schubert-Rosendahl. „Die haben mich werden lassen“, sagt Pick anerkennend.

Angela Merkel, 2003 in einem Berliner Restaurant.
Copyright: Stephan Pick
Aber was aus ihm genau werden sollte, blieb lange unklar. Da er handwerklich nicht ungeschickt war, dachten die Eltern: Mechaniker. Anfang der 80er Jahre kam Pick zu RWE-Rheinbraun. Da habe er gelernt, sich durchzusetzen. „Mit freundlich fragen kamst du nicht weiter.“ Pick schloss die Ingenieursschule ab und arbeitete in der Brikettfabrik Fortuna Nord in Niederaußem. Einer seiner Arbeitskollegen war ein gewisser Horst Lichter. Jahrzehnte später hat Pick den Fernsehkoch rauf und runter fotografiert, ohne je zu verraten, woher sie sich kennen. Eines Tages aber holte er eine alte Rheinbraun-Jacke aus dem Schrank und zeigte sie Lichter. „Da fiel ihm das ganze Gesicht runter. Und seitdem ist er nie wieder hier gewesen.“
Zur Fotografie kam er eher zufällig. Bei einem Freund sah einer auf einer Lautsprecherbox eine Kamera stehen. Dieses Gefühl, ein Momentum als Zeitdokument festzuhalten, faszinierte ihn. Pick kaufte sich einen gebrauchten Apparat bei Foto Gregor und fotografierte fortan jeden, der ihm vor die Linse kam.

Sophia Loren bei einer Tasse Kaffee.
Copyright: Stephan Pick
Dann kam der Morgen, an dem er nicht in die Werkstatt ging, sondern ins Personalbüro. „Was kriege ich, wenn ich nicht mehr wiederkomme?“, habe er den Sachbearbeiter gefragt. Es wurden 1,5 Tonnen Briketts als Deputat und 2.435 Mark und 40 Pfennig – Picks Startkapital. Er zog in eine WG im Belgischen Viertel und war jeden Abend unterwegs. Vor allem im Lilac am Friesenwall fotografierte er Gäste, rannte zurück in die WG, entwickelte die Bilder und eilte zurück in der Hoffnung, dass die Leute noch da waren: „Wollt ihr es kaufen?“ Sie wollten. Nach ein paar Monaten hing der ganze Laden voll mit seinen Fotos, erzählt Pick. Das war 1984.

Barbara Schöneberger und Stephan Pick kennen und schätzen sich schon seit Jahren
Copyright: Stephan Pick
Mit dem Aufstieg von RTL kam auch Picks Durchbruch in der Branche. Der erste ernsthafte Auftrag lautete, den damaligen Herausgeber des Wirtschaftsmagazins Capital, Johannes Gross, zu fotografieren. Doch der junge Fotograf wusste nicht, wer das war, und verhielt sich dementsprechend. Gross fand das offenbar erfrischend. Auf einmal gingen Türen auf. Die Fernsehfotografie jener Jahre war, wie Pick es nennt, „ein bisschen angestaubt“. Er setzte bekannte RTL-Gesichter neu in Szene: Frauke Ludewig, Barbara Eligmann, Helmut Thoma – und holte Peter Klöppel in den Schweinestall.
Ebenfalls in den 80ern startete eine langjähirge Beziehung zur Kölner Firma Rimowa. Pick hatte eine Idee: Der Koffer muss dahin, wo man hinreisen will. Die erste große Produktion führte 1989 nach Rio de Janeiro. Pick kam am 8. November zurück: „Alle vier Reifen meines Opel Kadett waren platt. Meine Freundin hatte einen neuen Freund und mich ausquartiert. Das war für mich der Mauerfall.“

Fester Händedruck: die Schauspieler Roger Moore (r.) und Horst Buchholz
Copyright: Stephan Pick
Auf die Frage, was ihn von anderen Fotografen unterscheidet, lässt sich Pick Zeit. „Das hat nichts mehr mit Fotografie zu tun, sondern ist eine psychotherapeutische Herangehensweise.“ Wer vor seiner Kamera sitze, müsse geknackt werden: für genau den einen Moment. Dafür provoziere oder überrasche er schon mal – aber jedes Mal sei ein Punkt entscheidend: „Ich nehme Prominente nicht ernst. Das hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun. Ich kann es einfach nicht. Ich nehme mich ja auch nicht ernst.“ Sein Arbeitsmotto: „Das ist ja schön, dass Sie jetzt Papst sind, aber aufs Klo müssen Sie auch.“ So nahm er 1992 Queen Elizabeth einfach an die Hand, erzählt Pick und wirkt rückblickend selbst überrascht über seine Spontaneität – und stellte sie im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum genau dorthin, wo er sie haben wollte.

Schrill wie eh und je: Nina Hagen
Copyright: Stephan Pick
Ein bedeutender Lehrmeister war für Pick der renommierte People-Fotograf Johannes Booz, ebenso Peter Lindbergh, für den Pick als Assistent arbeitete: „Bildauffassung, Ästhetik, Lichtführung – bei den beiden habe ich sehr viel gelernt.“

Mit Peter Lindbergh schuf Pick den „Brioni-Kanzler“ Schröder.
Copyright: Stephan Pick
Viele Promis wiederum haben von Pick gelernt. „Stephan hat mir eine Kopfhaltung beigebracht, die ich noch heute beherzige, wenn ich vor irgendeiner Kamera stehe“, sagt etwa Barbara Schöneberger. Die Moderatorin lobt vor allem die unkonventionelle Art des Fotografen. Und die direkte Art: „Stephan hat immer zu mir gesagt, stell dich seitlich, sonst hast du einen dicken Hintern, und damit hatte er auch meistens recht.“ Picks Fotos seien gerade zu Beginn ihrer Karriere sehr wichtig gewesen: „Stephan hat es geschafft, mich auf eine Art und Weise zu inszenieren, die irgendwie gut aussah und natürlich trotzdem sexy war.“

Mario Adorf, 2014 in Paris.
Copyright: Stephan Pick
Das Foto, das Pick am bekanntesten gemacht hat, entstand eigentlich aus zweiter Reihe. Peter Lindbergh sollte 1999 den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder fotografieren. „Aber der Schröder saß da nur und guckte ausdruckslos – ich merkte, wie der Peter verzweifelte. Pick erzählt, wie er seine Leica nahm und einfach von rechts und links anfing zu fotografieren. Lindbergh wählte später genau diese Negative aus.
Eine Woche später erschienen die Bilder in der „Gala“ – der Brioni-Kanzler war geboren. Pick: „Die Cohiba-Zigarre in seinem Mund war übrigens die Idee von Tom Junkersdorf, damals Redakteur bei der Gala. Der arme Schröder konnte eigentlich gar nichts dafür.“
Ganz anders war Hollywood-Diva Shirley MacLaine: Sie wollte zunächst selbst durch die Kamera schauen, setzte sich dann ins Set und lieferte gekonnt ein Bild nach dem anderen. Schauspiel-Legende Dennis Hopper traf er mehrmals, mit ihm und Heino Ferch entstand sogar ein Schnappschuss zu dritt in einem Bett. Geradezu liebevoll erzählt der Fotograf von Mario Adorf. „Er hat auf mich in Paris gewartet, weil ich mich verfahren hatte. Dann hat er mir die schönste Stelle für Eiffelturmfotos gezeigt, Taxi und Essen bezahlt – ein ganz toller Mensch.“
Was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht die Fotografie gefunden hätte? Pick überlegt. „Ich wäre vielleicht – ich würde heute nicht mehr leben.“ Ein Bürojob sei für ihn unvorstellbar. Das ADHS, das ihn als Kind zum Problemfall machte, wurde zum Antrieb. Es ist ihm wichtig, das zu erwähnen: „Ich bin ja kein Einzelfall.“ Die Unfähigkeit, sich zu verstellen, wurde in seinem Job zum großen Pluspunkt. Und Ehrfurcht vor Persönlichkeiten, die andere lähmt, kennt er nicht.
Stephan Pick fotografiert weiter, hat in wenigen Tagen einen Auftrag auf Mallorca. „Ich wüsste auch gar nichts mit mir anzufangen, wenn ich nicht fotografieren würde.“ Das klingt wie ein Problem. Aber wahrscheinlich ist es einfach nur das nächste Kapitel.