Rote FunkenSo ist es als Funkemariechen im Kölner Karneval

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Mit bis zu 200 Korpskameraden ist Judith Gerwing in der Session unterwegs.

Mit bis zu 200 Korpskameraden ist Judith Gerwing in der Session unterwegs.

Köln – Obwohl der Bus bedenklich schaukelt, holt Judith Gerwing einen Lippenstift und einen kleinen Spiegel aus ihrer Tasche. Während sie sich die roten Lippen nachschminkt, erzählt sie die Sache mit dem Hut. Passiert war es bei einer Sitzung der Prinzen-Garde, sie hatten gerade zum „Propeller“ angesetzt: Tanzoffizier Pascal Solscheid drehte sein Funkenmariechen mit einer Hand über seinem Kopf, als ihr Dreispitz davonflog. Im Schock warf sie ihre blonde Perücke kurzerhand hinterher. Der Saal jubelte. „Das war mir sehr unangenehm. Gerade weil es meine erste Session ist“, sagt sie. „Seitdem habe ich noch ein paar Klammern mehr am Hut.“

Im Funken-Bus sitzt das Tanzpaar ganz vorne. Pascal Solscheid hinter dem Fahrer, Judith Gerwing auf der anderen Seite des Ganges. Sie ist die einzige Frau im Korps. „Mein Freund war zuerst skeptisch“, erzählt die 25-Jährige. Schließlich ist sie auch an diesem Abend wieder mit 130 Roten Funken unterwegs. Das bedeutet: 130 Mal Küsschen links, Küsschen rechts. Aber auch: 130 Korpskameraden, die um ihr Wohlbefinden besorgt sind. Mittlerweile hat ihr Freund die Funken kennengelernt – und sie sich an die Fürsorge „ihrer“ Männer gewöhnt. „Alle sind höflich und zuvorkommend, so als wäre ich in Watte gepackt.“

Gegen 30 andere Bewerberinnen durchgesetzt

Gewöhnen muss sich die Bonnerin, die lange bei den Beueler Stadtsoldaten tanzte, an vieles im Kölner Karneval. „Ich weiß noch nicht so genau, wo ich hin muss“, gibt sie zu. Im Pullman Hotel erntete sie fragende Blicke, als sie vor einem Auftritt die Toilette suchte. Die Sartory Säle fand sie nur mit Navi. Auch an diesem Abend – die Närrischen Insulaner feiern im großen Saal des Pullman ihre Mädchensitzung – herrscht zuerst Verwirrung: „Wo sind wir? Lustige Paulaner?“

Für Judith Gerwing, die aus einer karnevalsbegeisterten Familie stammt, erfüllt sich als Funkenmariechen ein Kindheitstraum. Gegen mehr als 30 Konkurrentinnen setzte sie sich beim Casting der Roten Funken im vergangenen Jahr durch. „Ich genieße jeden Auftritt“, sagt die 1,67 Meter große Tänzerin. Ihre Rolle ist ein Ehrenamt, ohne Gage, aber mit vier bis fünf Auftritten am Tag. Wenn es in der Woche früh losgeht, nimmt sich die Angestellte einer Kölner Ratingagentur Urlaub. Alleine für die Vorbereitungen braucht sie mehr als anderthalb Stunden: Mit 60 Nadeln versteckt sie ihre Haare zu kleinen Schlaufen gedreht unter der Perücke. Wenn sie die unechten Zöpfe wäscht und vorsichtig trockenföhnt, dauert es noch länger. Nachgeschminkt wird im Bus – alle Utensilien sind in ihrem Fässchen, das sie wie eine Handtasche umgehängt hat. „Früher war da mal Schnaps und Nähzeug drin“, verrät sie und öffnet die Büchse: Taschentücher, Lippenstift und Bonbons für frischen Atem.

Hohe Verletzungsgefahr als Mariechen

Bevor es an diesem Abend in den voll besetzten Saal des Pullman geht, muss sich Judith Gerwing aufwärmen. Ihre Korpskollegen erledigen dies mit Kölsch, sie setzt ein paar Dehnübungen an. Denn die Verletzungsgefahr ist groß. Das weiß auch ihr Tanzoffizier Pascal Solscheid. Es ist seine elfte Session bei den Roten Funken, Judith ist seine sechste Tanzpartnerin. Ihre Vorgängerinnen hatten – auch aufgrund von Verletzungen – nicht so einen langen Atem wie er. „Gekommen um zu bleiben“, sagt ein Korpsmitglied über die neue Marie. Pascal Solscheid hofft das auch.

Dann öffnen sich die Saaltüren: Die Funkenmarie schwebt, gehoben von ihrem Tanzoffizier, über die Köpfe der Sitzungsteilnehmer. Sie winkt, lächelt, wirft Kusshände. Darüber, dass im Spagat alle sehen, was sie drunter trägt, denkt sie nicht nach: „Die Spetzebötzjer sind riesig, da sieht man nix. Die kann ich mir bis zum Bauchnabel hochziehen.“ Auch gut fürs Gefühl: die blickdichten Strumpfhosen – 25 davon hat sie in dieser Session bereits verschlissen. Als Pascal Solscheid sie über seinem Kopf im Propeller dreht, greift Judith Gerwing kurz mit einer Hand an ihren Kopf. Die Sache mit dem Hut wird ihr nicht noch einmal passieren.

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