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Serie aus KölnWelche Rolle Frauen im Kölner Karneval spielen – damals und heute

Lesezeit 6 Minuten
Frauen im Karneval, Rosenmontagszug 1978, aus Michael Euler-Schmidt und Macus Leifeld „Der Kölner Rosenmontagszug“.

Dem Rosenmontagszug blieben sie lange fern: 1978 waren Frauen noch eine Besonderheit.

Der Karneval in Köln ist auch heute noch in vielen Teilen eine Männerdomäne. Bis in die 70er-Jahre hinein durften Frauen nicht einmal beim Rosenmontagszug dabei sein. Wir werfen im zweiten Teil unserer Serie einen Blick auf die Historie.

Nirgendwo wird so mit den Geschlechterrollen gespielt wie im Karneval. Männer können sich als Frauen verkleiden, Frauen als Männer. Und doch gibt es das ungeschriebene Gesetz, das vor allem den organisierten Karneval auch heute noch zur Männerdomäne macht: Frauen im Fastelovend? Lieber nur in zweiter Reihe. Wenn eine Stadt wie Nürnberg 2019 einem lesbischen Prinzenpaar das Zepter verleiht, zuckt der Kölsche mit den Schultern: Das Dreigestirn soll auch weiter ausschließlich männlich bleiben, hört man aus den Reihen der Gesellschaften. Woran liegt es also, dass Männer im Karneval so viel präsenter sind? Es lohnt sich ein Blick auf die Historie.

Der Sitzungskarneval war reine Männersache

Als das Festkomitee des Kölner Karnevals 1823 gegründet wurde, war es von Anfang an eine Angelegenheit für Männer. Frauen waren nicht in den Gesellschaften, nahmen nicht Teil an Zügen und Sitzungen. „Die eigentliche Ursache für den Ausschluss der Frauen von den Sitzungen lässt sich aber wohl eher im Frauenbild jener Zeit finden“, sagen Anja Katzmarzik und Silke Palm. „Das öffentliche Leben war den Männern vorbehalten.“ In ihrem Buch „Frauen, Weiber, Karneval“ (Marzellen Verlag) beschreiben die Autorinnen die Sitzungen des 19. Jahrhunderts: Lieder und Scherze waren „zu derb“ für Frauen.   Bis heute nehmen Traditionskorps wie die Roten Funken oder die Blauen Funken keine Frauen als Mitglieder auf – die einzige Frau ist die Tanzmarie. Im Hintergrund waren und sind Frauen aber sehr wohl involviert, zunächst aber nur fürs „Frikadellcher maache un Kooche backe“.

Weibliche Gesellschaften auf dem Vormarsch

Das blieb nicht lange so. Aus den „Damenkränzchen“ und „Hausfrauennachmittagen“ gingen später die ersten Mädchensitzungen hervor. Als erste Karnevalsgesellschaften nahmen die Narrenzunft, die Greesberger und die Blomekörfge auch weibliche Mitglieder auf. Das Festkomitee verzeichnete 1990 die ersten Frauen im Vorstand. Die erste Vizepräsidentin in einer Gesellschaft gab es mit Elke Späth bei der KG Alt-Lindenthal aber erst 1997. Zwei Jahre später gründete sich 1999 die erste rein weibliche Gesellschaft namens Colombina Colonia, heute gibt es mehrere. Auch Elena Navarini wollte eigentlich Funk werden, und weil das nicht ging, gründete sie 2014 die „1. Damengarde Coeln“, das erste Korps für Frauen in Köln. Mit männlicher Tanzmarie natürlich.

Natürlich ist nicht alles am Karneval männlich. Ist doch schon der erste der Tollen Tage den Frauen gewidmet: Wieverfastelovend wird seit den 1830ern gefeiert. Dabei sollen es ursprünglich Kölner Nonnen gewesen sein, die den Karnevalsauftakt besonders ausgelassen gefeiert haben. Ihnen gleich taten es die Marktfrauen auf dem Alter Markt: Männer wurden an diesem Tag verspottet, später schnitt man ihnen die Krawatten ab.

Frauen waren bis in die 70er nicht beim Rosenmontagszug dabei

Anders sah es vier Tage später am Rosenmontag aus. Noch bis in die 70er Jahre hinein, war es Frauen offiziell untersagt, auf den Festwagen im Rosenmontagszug mitzufahren – außer es handelte sich um das Tanzpaar, eine geschlossene Frauengruppe oder eine genehmigte Ausnahme, schreiben Michael Euler-Schmidt und Marcus Leifeld in „Der Kölner Rosenmontagszug“ (Bachem Verlag). Frauen in Männerkostümen waren inoffiziell ab Anfang der 70er Jahre im Zoch zu sehen. Erst ab 1978 waren Frauen nicht nur als Fußgruppen, sondern auch auf den Wagen im Rosenmontagszug ganz offiziell erlaubt. Im Jahr 2000 fuhren zum ersten Mal die Colombinen mit eigenem Wagen mit, wenn auch laut Euler-Schmidt an etwas unglücklicher Position: zwischen Prinzenwagen und Müllabfuhr. Anders war es in den Schull- un Veedelszöch: dort waren Frauen seit den Anfängen 1933 präsent.

Zwei weibliche Jungfrauen während der Nazi-Zeit

„Ich bin absolut für ein weibliches Dreigestirn“ sagte Markus Ritterbach, ehemaliger Festkomitee-Präsident, gerne. „Aber erst nach meiner Amtszeit.“ Der aktuelle Präsident Christoph Kuckelkorn macht dagegen Hoffnung. „Ein weibliches Dreigestirn wird irgendwann kommen“, sagte er noch im Sommer. „Ich würde mir wünschen, dass mehr Frauen in verantwortlichen Positionen im Karneval sind.“ Im Festkomitee sitzen 2022 zwei Frauen im erweiterten Vorstand – und zehn Männer. Frauenquote? Fehlanzeige.

Auch beim Dreigestirn. Eine weibliche Jungfrau gab es nur unter dem Regime der Nazis: 1938 war es Paula Zapf, 1939 Else Horion. Bis zu dieser Zeit waren auch Männer als Mariechen unterwegs: 1924 war Kläre Weglein das erste weibliche Tanzmarie der Ehrengarde. Dieser Brauch blieb, die Jungfrau wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder männlich. Aber nicht überall: Im Porzer Dreigestirn und im Kinderdreigestirn ist die Jungfrau nach wie vor weiblich.

Und heute? Auf die Frage was dem Karneval fehlt, antwortete Carolin Kebekus in einem Interview mal: „Ganz klar weibliche Vorbilder“. Die Comedienne, die als Kind und Jugendliche Rednerinnen wie Biggi Wanninger und Gaby Köster nacheiferte, ist nun selbst eines. Auf den Bühnen im Karneval stehen trotzdem fast nur Männer. Die Sichtbarkeit von Frauen hat sich in 200 Jahren Karneval zwar gewandelt – viel Luft nach oben ist aber geblieben.


Das sind Kölns bekannteste Karnevalistinnen

1. Die Dienstmagd: Schnüsse Tring

Sie soll eine waschechte Karnevalistin gewesen sein: Katharina von Ossendorf soll der Legende nach im 19. Jahrhundert gelebt haben. Komponist Joseph Roesberg schrieb 1859 das „Schnüsse Tring“-Lied über die moderne Dienstmagd mit dem großem Selbstbewusstsein, die an Karneval lieber frei hatte als zu putzen.

2. Die Vorreiterin: Grete Fluss

Schon als Schülerin trat Grete Fluss (Foto links) ab 1906 als Sängerin im Kölner Sitzungskarneval auf, sie gilt als erste Frau in der Bütt. Als Griet trat sie ab 1919 in der Kölner Karnevalsrevue auf,1949 fuhr sie als erste Frau auf einem Wagen im Rosenmontag mit − und zwar als Mutter Colonia.

3. Die Vielseitige: Trude Herr

Sie war Schauspielerin, Sängerin und Büttenrednerin – Trude Herr (Foto Mitte) trat im Karneval ab Anfang der 50er Jahre auf: als Cleopatra von Niehl, Madame Wirtschaftswunder oder Besatzungskind. Nicht ohne anzuecken: ihre Nummer „Die Karnevalspräsidentengattin“ wurde gestrichen.

4. Die Stunkerin: Biggi Wanninger

Gaby Köster machte es ihr vor: Ab 1989 moderierte sie als erste Frau die Prunksitzung. 1999 wurde Kabarettistin Biggi Wanninger die erste weibliche Präsidentin der Stunksitzung, die plötzlich als Trude Herr vom Himmel auf die Bühne fällt – und ist es bis heute.

5. Die Motto-Queen: Marie-Luise Nikuta

Mehr als 160 Karnevalslieder stammen aus der Feder von Marie-Luise Nikuta. Seit Ende der 60er Jahre schrieb sie bis zu ihrem Tod 2020 jedes Jahr ein Mottolied für die Session. Für ihr langjähriges Engagement erhielt sie den „großen Verdienstorden mit Brillanten“, der ihr als erster Künstlerin überhaupt verliehen wurde.

6. Et fussich Julche: Marita Köllner

„Denn mir sin kölsche Mädcher“ schrieb Marita Köllner alias Et fussich Julche 1988 zusammen mit Henning Krautmacher. Es wurde ihr erster großer Hit. Sie moderierte als eine der ersten Frauen Fernsehsendungen im Karneval, etwa die Sessionseröffnung am Elften Elften vom Alter Markt.

7. Die Alternative: Carolin Kebekus

Als Sitzungspräsidentin von „Deine Sitzung“ (seit 2010) und als Teil des kölschen Gesangstrios Beer Bitches (seit 2014) lebt Comedypreisträgerin Carolin Kebekus (Foto rechts) ihre Liebe zum Karneval auch auf der Bühne aus.

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