Serie zu 200 Jahre Kölner KarnevalWie der Fastelovend zu Beginn Arm und Reich spaltete

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In prunkvollen Sälen trafen sich die Reichen zu Maskenbällen.

In prunkvollen Sälen trafen sich die Reichen zu Maskenbällen.

Maskierter Adel, prügelnder Pöbel: Zu Beginn war der Karneval vor allem den Reichen vorbehalten, doch auch das normale Volk wollte feiern. 

Im Zentrum des jecken Treibens zieht der Rosenmontagszug 1936 über den Neumarkt. Festgehalten vermutlich vom Maler Simon Meister ziehen vorne weg die Roten Funken mit ihren stattlichen Uniformen und aufwendig gestalteten Bannern. Dahinter trabt eine Trompeten-Gruppe auf weißen Pferden, ein Wagen mit Löwenkopf kutschiert Männer mit detailverliebten Hüten und Masken.

Während sich vor allem gut situierte Kölner am karnevalistischen Trubel auf dem Neumarkt beteiligen, fällt erst beim zweiten Hinschauen im Hintergrund ein kurioses Detail auf: zwei schwarz gekleidete Männer, die sich auf dem Boden wälzend aufeinander einschlagen. Während die Oberschicht den Maskenzug zelebriert, prügelt sich der Pöbel.

Straßenkarneval konnte sich nicht jeder leisten

Der Karneval war in seinen Anfangszeiten vor allem ein Fest der Adeligen und Reichen. Die vergnügten sich auch schon lange Zeit vor der Entstehung des organisierten Karnevals 1823 auf exklusiven Maskenbällen und sogenannte Redouten nach venezianischem Vorbild. Weil die Gäste für eine Teilnahme tief in die Tasche greifen mussten, blieben die Veranstaltungen einem kleinen Kreis zugänglich: Kaufleuten, Juristen oder Offizieren.

Während der Maskenzug auf dem Neumarkt Halt machte, prügelte sich der Pöbel daneben.

Während der Maskenzug auf dem Neumarkt Halt machte, prügelte sich der Pöbel daneben.

Auch im Straßenkarneval gab es diese Zweiklassengesellschaft. „Jeder, der hier maskiert feiern wollte, musste im Büro der Armenverwaltung eine Erlaubniskarte erwerben. Ein Vergnügen, das für viele zu teuer war“, berichtet Michael Euler-Schmidt in seinem Buch über die Geschichte des Rosenmontagszugs. Der Pöbel vergnügte sich eher in den Wirtshäusern.

Gesellen zogen von Tür zu Tür und bettelten nach Gaben

„Man sah hier nichts als Fuhrleute mit schmutzigen Kitteln, mit verzerrten Larven und lang herunterhängenden Haaren von Werg und Flachs, Bauern in schmutziger plumper Tracht, schmierige Caminfeger und altväterlich gekleidete Weiber“, zitiert Euler-Schmidt einen Zeitzeugen, der auf einer Reise eher zufällig in eines dieser Häuser geraten war. Auf den Straßen zogen die Gesellen als sogenannte Banden durch die Stadt, führten Schwert- und Reifentänze auf, trugen Lieder und Reime vor und zogen damit von Tür zu Tür, um bei den Reichen nach Gaben zu betteln.

Ein Wendepunkt war die Gründung des Festordnenden Comitees 1823. Die Gruppe junger Männer tat sich aus Sicht des Dichters Christian Samuel Schier zusammen, da sich auf den Straßen „meistens Ausgeburten der Trivialität“ gezeigt haben. Die prunkvollen Redouten gab es zu diesem Zeitpunkt zwar noch, doch vor allem der Sittenverfall im Straßenkarneval wurde zum Ärgernis.

„Festordner“ schufen Grundlage für Vereinskarneval

Besonders divers war der Vorstand des Comitees übrigens nicht. Er repräsentierte die Führungsschicht oder das Besitz- und Bildungsbürgertum: Kaufmänner, Advokaten, ein Arzt, ein Dichter oder ein Professor.

Vor allem die Reichen hatten prunkvolle Kostüme.

Vor allem die Reichen hatten prunkvolle Kostüme.

Neben dem ersten organisierten Maskenzug und der Inthronisierung des Helden Karneval schufen die neuen Strukturen der „Festordner“ auch die Grundlage für den Vereinskarneval. Während sich die ersten Vereine aus der Stadtelite heraus bildeten, gab es nur wenige Jahre später auch Vereine, die von wohlhabenden Handwerken, aber auch von Arbeitern gegründet wurden. Auch bei den Maskenzügen durch die Stadt konnten sich diese Gruppen später präsentieren.

Strenge Aufnahmebestimmungen für die exklusivsten Gesellschaften

Jede Bürgerklasse hatte bald ihre eigenen Bälle. Es gab welche für Bäcker, für Tischler oder Schlosser. Im Gegensatz zu vielen anderen Karnevalsveranstaltungen waren die meisten Bälle auch für Frauen zugänglich. Möglichkeiten für diese Gruppen, Teil der exklusivsten Gesellschaften zu werden, verhinderten allerdings strenge Aufnahmebestimmungen.

Doch auch bei den reichen Karnevalisten spielten die Armen eine Rolle. So spendete die Große KG, die heutige Grosse von 1823, die Überschüsse der Session für viele Jahre an karitative Zwecke. Dafür befreite die Stadtverwaltung die Gesellschaft von der Lustbarkeitsabgabe, durch die 25 Prozent der Einnahmen anderer Veranstalter an die Armenverwaltung abgeführt werden mussten.

Maskenball kehrt zum Jubiläum der Roten Funken zurück

Der Blick auf die Ärmeren und Schwächeren ist bis heute fester Bestandteil des organisierten Karnevals. Fast alle Kölner Karnevalsgesellschaften unterstützen heute soziale Projekte mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Obdachlosigkeit, häusliche Gewalt, Krebspatienten oder Alten- und Pflegeeinrichtungen. Auch das Dreigestirn sammelt in jeder Session Spenden für ein selbst gewähltes Projekt.

Neun Männer in den Uniformen ihrer Gesellschaft stehen in einer Reihe. Eine Aufnahme in die Traditionskorps ist noch immer nicht für jeden möglich, auch weil die Uniformen teilweise mehrere Tausend Euro kosten.

Eine Aufnahme in die Traditionskorps ist noch immer nicht für jeden möglich, auch weil die Uniformen teilweise mehrere Tausend Euro kosten.

In zwei Jahrhunderten hat sich im organisierten Karneval viel verändert, er steht mittlerweile zumindest theoretisch allen gesellschaftlichen Schichten offen – je nach Verein. Allein die hohen Kosten für die Uniform – teilweise mehrere Tausend Euro – grenzen die Zahl potenzieller Anwärter etwa bei den Traditionskorps ein. Neben dem finanziellen Aspekt erwartet Anwärter dazu oft ein hartes Auswahlverfahren.

Der Tradition der Maskenbälle hauchen die Roten Funken in ihrer Jubiläumssession übrigens neues Leben ein. Beim „Fest der Masken“ müssen die Gäste in historischen Kostümen erscheinen, eine Maske ist Pflicht.


Der Fastelovend übte bereits vor Hunderten von Jahren eine große Faszination auf die Kinder aus. „Noch vor dem Beginn des organisierten Karnevals 1823 sprachen Kinder den ganzen Winter von nichts anderem als von der Fastnacht“, schrieb der Historiker Marcus Leifeld 2007 im Jahrbuch der Blauen Funken. „Sie bastelten Perücken aus Flachs oder Gewänder aus Schlafröcken. Um überhaupt feiern zu können, verzichteten die ärmeren Familien dafür auf das tägliche Brot oder versetzten Hausrat und Kleider“, berichtet Leifeld. Schon früh durften auch Kinder an Rosenmontagszügen oder Bällen teilnehmen. Auch mit eigenen improvisierten Zügen liefen die Kinder gemeinsam und bunt verkleidet durch die Straßen.

Trotz Krise zogen auch die Kinder durch die Straßen.

Trotz Krise zogen auch die Kinder durch die Straßen.

Auch in Krisenzeiten – als die Erwachsenen auf den Zug verzichteten – ließen sich die Kinder den Spaß nicht nehmen. Ein Gemälde des Malers Heinz Kroh aus dem Jahr 1930 zeigt eine Gruppe Kinder, die während der Wirtschaftskrise musizierend und gut gelaunt durch die Straßen streift. Auf einem selbst geschriebenen Schild steht: „Wenn mer och kein Jrosche han, löstig sind mer doch.“

Der Karnevalssonntag ist heute der Tag, an dem die Kinder ihren großen Auftritt in den Schull- und Veedelszöch haben, an denen sich bis zu 50 Schulen beteiligen. Viele davon pflegen die Tradition seit vielen Jahren und basteln ihre farbenfrohen Kostüme in akribischer Kleinstarbeit selbst. (sim)

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