Der sinkende Rheinpegel lässt Touristenströme ausbleiben. Das hat Auswirkungen auf die Kölner Altstadt.
Niedrigwasser sorgt für Krise„Alleine von den Kölnern könnten wir nicht leben“

Stadtführer Mohamed K. fehlt wegen des Niedrigwassers die Kundschaft.
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Es gibt kaum einen Gastronomen oder Ladenbesitzer in der Kölner Altstadt, den Mohamed K. nicht kennt. Am Alter Markt hat er zu jedem Laden eine Anekdote parat. Auch über den Dom und Groß St. Martin kann er viel erzählen – aber derzeit hört dem Stadtführer niemand zu. Der Rheinpegel in Köln verzeichnet ein Rekordtief. Flusskreuzfahrtschiffe bleiben aus, und mit ihnen bricht ein ganzer Wirtschaftszweig weg. Das hat existenzielle Folgen für Mohamed K. (60), der nicht mit vollem Namen genannt werden möchte. Seit August sind die Umsätze des freiberuflichen Stadtführers um 90 Prozent eingebrochen; laufende Kosten kann er kaum noch decken.
„Der Rhein bleibt jetzt einfach weg“
Für Mohamed K., der seit vielen Jahren von den Gästen der Flusskreuzfahrtschiffe lebt, ist das Ausbleiben der Schiffe kein vorübergehendes Problem. „Der Klimawandel ist da – hier und jetzt in Köln“, sagt der 60‑Jährige. „Das ist kein Zukunftsthema mehr, der Rhein bleibt jetzt einfach weg.“
Der Großteil seiner Kundschaft komme traditionell von den großen Wasserstraßen – meist aus den USA, Kanada oder Australien. Die klassische Kreuzfahrtroute führt von Amsterdam über Basel nach Budapest. Doch weil der Flusspegel drastisch sinkt, planen viele Gesellschaften um und meiden den Rhein.
Dabei macht der Tourismus über die Kreuzfahrtschiffe knapp elf Prozent des gesamten Kölner Tourismus aus. In Zahlen heißt das: Von den 4,6 Millionen jährlichen Gästen kommen 460.000 über die Kreuzfahrtschiffe, wie aus Statistiken von Köln-Tourismus hervorgeht.
Die Menschen buchen nicht nur die Touren des Stadtführers, sondern stützen eine ganze Kette an lokalen Betrieben. „Aktuell wäre eigentlich die Hauptsaison, in der wir das Geld verdienen, um den Winter finanziell zu überbrücken“, erklärt der 60‑Jährige.
Auch kleine Geschäfte betroffen
Die Krise trifft längst nicht mehr nur den Stadtführer. Das Ehepaar Schröder betreibt seit über 15 Jahren die Chocolaterie Jan von Werth am Alter Markt. Ingo Schröder erzählt: „So eine Situation hatten wir noch nie. Die ganze Stadt lebt vom Rhein. Ich hätte nie gedacht, dass wir so abhängig davon sind.“ In ihrem Laden hängen Geldscheine und Souvenirs aus aller Welt: „Alleine von den Kölnern könnten wir nicht leben“, berichtet der Inhaber. An einigen Tagen verzeichnet der Laden finanzielle Einbrüche von bis zu 80 Prozent.
Gegenüber der Chocolaterie hat Dieter Veithen seit fast 35 Jahren seinen Souvenirshop. Auch sein Geschäft ist vom niedrigen Rheinpegel betroffen. Dass Veithen schon jetzt auf winterliche Räuchermännchen setzt, ist der Versuch, irgendwie auf die Situation zu reagieren.

Eine der wenigen Stadtführungen, die aktuell am Souvenirshop von Dieter Veithen vorbeikommen.
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Von der Politik alleine gelassen
Stadtführer Mohamed K. spricht von „höherer Gewalt“. „Dafür kann zunächst einmal niemand direkt etwas“, räumt er ein. „Aber ähnlich wie bei Corona oder der Flutkatastrophe im Ahrtal muss darauf reagiert werden. Ich finde, das ist ein Fall für eine Härtefallregelung – doch die bekomme ich nicht.“
Er hat sich an zahlreiche Stellen gewandt, um Hilfe in der Not zu bekommen – jedoch ohne Erfolg: Sowohl das NRW‑Wirtschaftsministerium als auch der Tourismusverband NRW oder das Förderprogramm Kompass fühlen sich nicht verantwortlich und verweisen teils gegenseitig aufeinander. Die Frage, wer in dieser Situation für Menschen wie Mohamed K. einsteht, bleibt unbeantwortet.
Dieter Veithen berichtet: „Für viele hier ist es so schlimm wie damals zu Corona-Zeiten. Das ist eine Schweinerei, dass man die Menschen damit alleine lässt.“ Sich an behördliche Stellen zu wenden, hält er mittlerweile für aussichtslos.
Behörden erkennen das Problem – bleiben aber unkonkret
Köln Tourismus antwortet auf unsere Anfrage: „Das Niedrigwasser des Rheins führt bei uns weiterhin zu Stornierungen von Stadtführungen durch Flusskreuzfahrt-Anbieter. Bis mindestens Ende Oktober sind entsprechende Absagen eingegangen. Wie stark sich das Niedrigwasser insgesamt auf die Zahl der Kreuzfahrtgäste in Köln auswirkt, lässt sich mangels statistischer Erfassung nicht beziffern.“ Auch zu den konkreten Folgen für Gastronomie und Einzelhandel kann Köln-Tourismus aktuell keine belastbaren Aussagen treffen.
Den Stadtführer und einige Ladeninhaber verbindet die Sorge, dass es auch in den nächsten Jahren häufiger Niedrigwasser geben wird und sie sich in Zukunft wirtschaftlich nicht mehr halten können – und die Angst vor einer „austauschbaren und langweiligen Altstadt ohne die alteingesessenen Kölner Geschäfte“, wie es der Stadtführer ausdrückt.
Das Problem ist dem NRW-Wirtschaftsministerium bereits bekannt, auch wenn sie auf Anfrage dieser Redaktion nicht konkreter werden: „Die Folgen des Niedrigwassers bekommen Anbieter von Flusskreuzfahrten ebenso zu spüren wie Stadtführer, Restaurantbetreiber, Hoteliers oder Inhaber von Souvenirläden in den Orten entlang der Flüsse. Niedrige Pegelstände werden unsere Wirtschaft auch in Zukunft vor Herausforderungen stellen“, teilt die Pressestelle mit.
„Deshalb setzt Nordrhein-Westfalen konsequent auf Klimaschutz und Klimaanpassung“, heißt es in dem Statement weiter, „um uns auf die Folgen des Klimawandels einzustellen und handlungsfähig zu bleiben.“
