„Alles sehr unfertig“Schüler ziehen vorerst nicht ins alte Völkerkundemuseum

Fast fertig? Hinter diesem Baugerüst sollte in eineinhalb Wochen Unterricht stattfinden.
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Köln – Sanitärbau steht nicht auf dem Lehrplan. Als Schulleiter Frank Görgens die neuen Räume seiner Oberstufenschüler im ehemaligen Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) sah, staunte er nicht schlecht. „Die wollen uns auf eine Baustelle schicken“, sagt er. Keine Toilette sei fertig gewesen, die Turnhalle ohne Türen. Das Treppengeländer eingerüstet. Der Beschluss von Schulleitung, Eltern und Schülern: Da ziehen wir nicht ein, auch wenn die Stadt das möchte.
Neubau soll 2022 fertig sein
Geplant war der Einzug der Oberstufe der integrierten Gesamtschule Innenstadt (Igis) ins frühere Völkerkundemuseum am Ubierring schon im Sommer. Den Termin konnte die Stadt nicht halten, sie verschob ihn auf die Zeit nach den Herbstferien. Die 85 Schüler blieben in einer ehemaligen Grundschule an der Dagobertstraße. Und warten seitdem im Interim auf die nächste Übergangslösung.
Für die Oberstufe der Igis wird derzeit ein Neubau errichtet. Geplante Fertigstellung: 2022. Bis dahin sollen die Oberstufenschüler im Museum lernen. Es ist baulich ein Wagnis ohne Beispiel in der Stadt. Mit viel Geld wird in den denkmalgeschützten Bau der Jahrhundertwende eine Schule errichtet. In riesigen, ehemaligen Ausstellungsräumen, mit Vorhängen abtrennbar, wie in einem Theater. Die Kosten liegen bei 17 Millionen Euro, ein exklusives Ausbauvorhaben. Es gehört zum beschleunigten Sanierungsprogramm der Stadt: Mit 340 Millionen Euro sollen 16 Baumaßnahmen an elf Schulen bis 2022 umgesetzt werden.
Arbeiten gehen weiter
Die Fassade des RJM ist noch immer eingerüstet, die Arbeiten an der Front dauern mindestens bis zum Jahresende. Die Stadt hält die Schule dennoch für bezugsfertig. Am Donnerstag fand ein Termin der Stadt mit Schulleitung, Lehrer und Schülern statt. Die Verwaltung vermeldete zufrieden: „Vorbehaltlich der letzten Abnahmen können die Schlüssel am 22. Oktober übergeben werden.“ Am letzten Tag der Ferien. Schulleiter Görgens lehnt dankend ab.

Das Treppengeländer ist denkmalgeschützt, aber sehr niedrig. Das Spezialglas zum Schutz kam nicht rechtzeitig.
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„Es ist alles sehr unfertig“, sagt er. Es sei vielleicht hinnehmbar, durch eine Baustelle in die Klasse zu gehen, aber dann fehle es an alle Ecken und Enden: Spezialglas für das denkmalgeschützte Treppengeländer ist nicht rechtzeitig geliefert worden, ein Gerüst wurde drumherum gebaut. In der Turnhalle fehlten Türen und Basketballkörbe, der Putz liege teilweise offen. In den naturwissenschaftlichen Räumen fehlten Anschlüsse unter anderem für Gas, um Experimente durchzuführen. Die fehlenden Toiletten wie gesagt, die Decke im Foyer sei nicht abgehängt und vor allem: Es fehlten noch baurechtliche Abnahmen. „Wer garantiert mir, dass das in den nächsten Tagen geregelt ist?“, fragt Görgens.
„Wir sind enttäuscht und müde“
Entstehen sollen vier Klassenräume, zwei naturwissenschaftliche Räume und eine Turnhalle. Die Stadt räumt ein, dass einiges zu tun sei. „Derzeit werden Restarbeiten in der Turnhalle, den Klassen- sowie Fachräumen sowie im Treppenhaus erledigt und die Baustelleneinrichtung zurückgebaut.“ Die Abnahmen folgten. Einen Baustellenbesuch genehmigt die Verwaltung auf Anfrage der Rundschau nicht. Im Übrigen könnten die Schüler noch länger an der Dagobertstraße bleiben.
Der Schulleiter klagt, er sei erst einen Tag vor der Baustellenbesichtigung näher informiert worden. „Natürlich sind die Eltern ungeduldig und wollen Gewissheit. Jetzt muss ich das entscheiden.“ Die Stadt habe nicht den Mumm gehabt, offen zu sagen, dass der Umbau wieder nicht pünktlich fertig wird. Man habe acht Wochen Verzug und sei dennoch deutlich hinter dem Zustand, der im Sommer erreicht sein sollte. Von einer Einrichtung der Räume sei man weit entfernt. Görgens: „Wir sind enttäuscht und müde.“
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Die Architekten schwärmten vor dem Umbau vom neuen Raumgefühl in dem altehrwürdigen Bauwerk. Während der Arbeiten musste die Stadt erkennen, dass die Bausubstanz teils marode ist: bröckelnde Gewölbe, verrostete Träger und viel Feuchtigkeit. Eine weitere Entdeckung: die Wandkunst des Künstlers Otto Helmut Gerster. Die Sgraffiti waren ein unerwarteter Kunstfund. Sie sollen zu sehen sein, wenn bis Jahresende das Gerüst entfernt wird. Fertig sind die Arbeiten auch dann nicht. Die Wiederherstellung der historischen Gewölbe folgen im zweiten Bauabschnitt bis März.
Wenn der Schulbetrieb im Museum beginnt, wird sich die Zahl der Schüler erhöhen: Nach 85 in diesem Jahr folgen 75 im Sommer, 2022 werden es 230 sein. Dann sollen zwei weitere Klassenräume und eine weitere Turnhalle hergerichtet werden. Langfristig werden andere Schulen die Räume übergangsweise nutzen. Für Görgens ist das noch weit weg. Bis zum Jahresende will er die Übergangsräume an der Dagobertstraße nutzen. Auch am Sitz der Unterstufe an der Frankstraße stehen Sanierungsarbeiten an. Die Turnhalle sei ab kommendem Schuljahr nicht mehr zu nutzen.Er klingt nicht so, als wenn ihn das schockieren könnte.



