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Kommentar

Dombaumeister zur Trankgasse
„Umfeld des Kölner Doms darf keine Durchfahrtsstraße werden“

4 min
Bauarbeiten am Domsockel an der Trankgasse.

Die Trankgasse am Kölner Dom ist durch Bauarbeiten am Domsockel zurzeit stark verengt.

Die Trankgasse teilweise wieder für Autos zu öffnen, wäre ein herber städtebaulicher Rückschritt, meint Dombaumeister Peter Füssenich.

Der öffentliche Raum rund um den Kölner Dom gehört zu den bedeutendsten Stadträumen Deutschlands. Verantwortung für eine Unesco-Welterbestätte bedeutet nicht nur, das Bauwerk zu erhalten, sondern auch die Qualität der Wege, Plätze und Straßen, über die täglich Zehntausende Menschen den Dom erreichen.

Die Debatte um die Trankgasse ist deshalb weit mehr als eine verkehrspolitische Detailfrage. Sie entscheidet darüber, ob der öffentliche Raum am Dom als Stadtraum für Menschen verstanden wird – oder als Verkehrskorridor für Autos. Eine dauerhafte Öffnung der Trankgasse für den Kfz-Verkehr – wie jetzt wieder von Ratspolitikern und der IHK gefordert – wäre ein herber städtebaulicher Rückschritt.

Natürlich müssen die Verkehrsprobleme rund um den Hauptbahnhof gelöst werden. Die Sperrung der Tunnelausfahrt des Gulliver-Tunnels ist die Folge jahrelang aufgeschobener Investitionen in die Infrastruktur. Das belastet viele Autofahrer. Daraus folgt jedoch nicht, dass ausgerechnet der sensibelste Bereich der Kölner Innenstadt zusätzlichen Autoverkehr verträgt.

Die Trankgasse ist keine gewöhnliche Straße. Sie ist Teil des Zugangs zum Kölner Dom, einer Welterbestätte von internationalem Rang. Wer ihre wichtigste Funktion darin sieht, den Verkehr schneller aus der Innenstadt zu führen, reduziert einen der bedeutendsten Stadträume Kölns auf eine Durchfahrtsstraße.

Nördliche Domumgebung durch Großbaustelle erheblich belastet

Bis mindestens Frühjahr 2028 wird die nördliche Domumgebung durch die Großbaustelle erheblich belastet. Große Teile der Domplatte stehen als Fußgängerwege nicht zur Verfügung. Besucherströme werden deshalb über Trankgasse und Komödienstraße geleitet. Hier begegnen sich täglich Tausende Reisende mit Gepäck, Tagestouristen, Schulklassen, Familien, Radfahrende und mobilitätseingeschränkte Menschen.

Neue Fahrbahnmarkierungen auf der Trankgasse.

Neue Fahrbahnmarkierungen auf der Trankgasse.

Wer dort tagsüber unterwegs ist, erlebt keine theoretische Verkehrsdebatte, sondern einen öffentlichen Raum an seiner absoluten Belastungsgrenze. Zwischen Bauzäunen, Reisegruppen, Lieferverkehr, Touristenbussen, Taxis, Baucontainern, abgestellten Autos, Außengastronomie und den Ein- und Ausgängen der Stadtbahn müssen sich Tausende Menschen täglich ihren Weg bahnen. Genau hier entscheidet sich, ob Stadt funktioniert.

Hinzu kommt: Schon heute wird das Durchfahrtsverbot regelmäßig missachtet. Unerlaubte Fahrten, verbotswidrige Abbiegemanöver und Konflikte mit Fußgängern und Radfahrern sind keine Ausnahme. Dass bislang nichts Schwerwiegendes passiert ist, ist noch lange kein Sicherheitskonzept.

Keine Ausweichstrecke für ungelöste Verkehrsprobleme an anderer Stelle

Eine Öffnung der Trankgasse würde die Situation deshalb nicht entschärfen, sondern zusätzlichen Verkehr genau dorthin lenken, wo der öffentliche Raum bereits heute an seine Grenzen stößt.

Der Bereich rund um den Dom ist keine Ausweichstrecke für ungelöste Verkehrsprobleme an anderer Stelle. Eine gute Stadtplanung fragt zuerst, welche Qualität ein öffentlicher Raum haben soll – und erst danach, wie Verkehr darin organisiert wird.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, wie noch mehr Autos am Dom vorbeifahren können. Sie lautet: Welchen Stadtraum wollen wir an einer der bedeutendsten Kathedralen Europas schaffen?

Diese Debatte reicht weit über die Trankgasse hinaus. Die Tiefgarage unter dem Dom ist bis heute das sichtbarste Erbe einer autogerechten Stadtplanung, die dem Verkehr Vorrang vor dem Menschen gab. Sie griff tief in die historische Stadtstruktur ein und prägt den öffentlichen Raum bis heute: Umwege für Fußgänger, eingeschränkte Barrierefreiheit und Verkehrsflächen an einem Ort, der eigentlich Aufenthaltsqualität bieten sollte. Diese Fehler dürfen wir nicht wiederholen.

Köln diskutiert, mehr Autoverkehr an die Welterbestätte zu verlagern

Während viele europäische Städte ihre historischen Zentren konsequent vom Durchgangsverkehr entlasten, diskutieren wir in Köln ernsthaft darüber, zusätzlichen Autoverkehr unmittelbar an eine Unesco-Welterbestätte zu verlagern. Das wirkt weniger wie moderne Verkehrsplanung als wie eine Rückkehr in die Debatten der 1970er-Jahre. Paris, Kopenhagen oder Utrecht sowie viele andere europäische Kulturstädte zeigen längst, dass lebenswerte Innenstädte dort entstehen, wo der öffentliche Raum den Menschen gehört.

Deshalb irritiert der Vorwurf, der Schutz von Fußgängern sei ein „ideologischer Verkehrsversuch“. Der Schutz von Menschen ist keine Ideologie, sondern Kern verantwortungsvoller Stadtplanung. Eine Stadt, die Sicherheit höher bewertet als einen möglichst schnellen Verkehrsfluss, setzt keine Ideologie um – sondern genau die richtigen Prioritäten.

Verkehrspolitik verlangt Abwägung. Selbstverständlich müssen die Interessen von Autofahrern, mobilitätseingeschränkten Menschen sowie Handel und Handwerk berücksichtigt werden. Genauso aber die Sicherheit der vielen Tausend Menschen, die den Bereich rund um den Dom täglich zu Fuß oder mit dem Fahrrad nutzen. Mit dem geplanten Ausbau der S-Bahn-Gleise am Hauptbahnhof wird ihre Zahl weiter steigen.

Der öffentliche Raum am Dom ist keine Ausweichstrecke. Er ist die Visitenkarte unserer Stadt und Teil eines Weltkulturerbes. Verkehr lässt sich umleiten. Die Würde eines Ortes nicht.