Im ZweifensterhausEberhard Schulz lebt in seiner Porzellanwerkstatt am Kartäuserhof in der Kölner Südstadt

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Ein Mann mit Glatze und Brille sitzt mit Schürze an einem Arbeitstisch und hantiert mit einer Porzellanfigur.

Eberhard Schulz hat am Tag viele filigrane Objekte in der Hand, diesmal ist es ein Frosch.

Seit fast 40 Jahren verbindet Eberhard Schulz Wohnen und Arbeiten mitten in der Südstadt. Seine Werkstatt liegt in einem typischen Zweifensterhaus. 

Wer Eberhard Schulz und seine Frau besuchen möchte, muss den privaten Wohnbereich durch die Porzellanwerkstatt betreten. Eine eigene Haustür gibt es nicht. Das Haus am Kartäuserhof ist eines der wenigen erhaltenen Zweifensterhäuser, diese haben ganz besondere Eigenarten. „Tatsächlich war das Haus nur am Stück zu mieten“, erzählt der gelernte Figurenkeramformer, der an der altehrwürdigen königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin seine dreijährige Ausbildung absolvierte. Von West-Berlin hatte Schulz,  1986 die Nase voll („da konnte ja keiner damit rechnen, was kurz danach passiert“) und zog mit 26 Jahren von seiner Geburtsstadt in die Wahlheimat Köln und machte sich selbständig.

Das schmale Haus mit Schaufenster im Erdgeschoss ist eine Rarität

 „Zu der Zeit fanden es wenige toll, Wohnen und Arbeiten zu kombinieren.“ Heute ist das Haus aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, eines der wenigen, mit einem noch ursprünglichen Ladenschaufenster. Die meisten Läden wurden im Laufe der Jahre in Wohnraum umgewandelt. Wohnen und Arbeiten geht also nur in Kombination. 

Blick in einen Wohnraum, an den sich ein Esszimmer anschließt

Der langgezogene Wohn- und Essbereich ist kaum breiter als ein Zug-Abteil.

Das einzige Bad liegt hinter der Werkstatt, das Schlafzimmer ist im dritten Stock. Das Treppengeländer ist aus einem einzigen Heizungsrohr gefertigt. Die Vorbesitzer waren Installateure. Nicht nur theoretisch lassen sich Murmeln aus dem obersten Stockwerk bis ins Erdgeschoss befördern. Im Aufgang zum Wohnbereich liegt ein kleines WC. Es ist nahezu im Ursprungszustand, ohne Heizung, mit einer sehr kleinen Tür.

Zwei Zimmer pro Etage im Zweifensterhaus in der Südstadt

Beim Betreten des gemütlich und stilvoll kombinierten Wohn- und Essbereichs im ersten Stock zeigt sich der Grundriss des Zweifensterhauses. Jede der vier Etagen bietet Platz für zwei Zimmer. Der Raum ist nicht viel breiter als ein D-Zug. Durch einen Holzbogen sind Küche mit Essbereich und ein winziges Wohnzimmer verbunden, das in einem hellen Wintergarten endet. Eine der Lieblingsplätze des Ehepaars.

Blick auf ein schmales Haus mit zwei Fenstern pro Etage und einem Ladenlokal im Erdgeschoss

Das Zweifensterhaus in der Südstadt hat noch eines der wenigen originalen Ladenlokale im Erdgeschoss.

Die angrenzende Terrasse war bisher das Kleinod. „Jetzt wird die Melanchthon-Akademie mit Veranstaltungssaal neu gebaut, ein Studentenwohnheim und ein größer Trakt für Inklusionswohnen entstehen“, sagt Schulz und erklärt, dass für das Bauvorhaben rund 20 Bäume gefällt wurden. „Die Bebauung wird mit einer kompletten Verschattung für uns einhergehen,“ die Befürchtung.

Leben mitten in der Südstadt neben dem Campus Kartause

Dennoch mag er Leben und Wohnen mitten in der Südstadt, zentral und ruhig. „Es ist erstaunlich, wieviele Passanten durch den Kartäuserhof gehen. Er schätzt die Nähe zum Öko- und Wochenmarkt. „Der Anfang der Severinstraße hat sich zu einer Delikatessmeile sondergleichen entwickelt.“

Eine opulente Porzellan-Karaffe steht auf einem Tisch.

Hochwertiges Porzellan war für den Besitzer Ausdruck von Macht und Geld.

In seiner Werkstatt, jede Etage hat an die 40 Quadratmeter, arbeitet Schulz an einigen Objekten gleichzeitig. Mit viel Liebe wird einem Porzellanlamm ein abgebrochener Fuß angeklebt. Leukoplast hielt zunächst die „Wunde“ zusammen. Jetzt geht es an die Nachbearbeitung. Die Arbeit ähnelt der Zahntechnik. Dementsprechend auch die Werkzeuge. Fast 40 Jahre arbeitet Eberhard Schulz schon mit Porzellan. Anfragen für Gebrauchsgegenstände wie Tassen lehnt er ab. Einem Frosch muss er den Fuß ankleben, die Porzellanamphibie hat auch ihre Zunge verloren.

In verschiedenen Halterungen stehen filigrane Werkzeuge, die an Zahnarzt-Instrumente erinnern.

Hochwertiges Porzellan war Ausdruck von Macht und Geld. Die Werkzeuge von Eberhard Schulz ähneln denen eines Zahntechnikers

Mit Pigmenten und verschiedenen Techniken werden Farben angerührt. Porzellanfiguren zu restaurieren, ist nicht günstig. Schulz nimmt 85 Euro die Stunde. Gerade bereitet er für ein Auktionshaus eine Keramikschale von Pablo Picasso auf.

Ein Mann poliert eine weiße Porzellan-Figur.

Die Arbeit mit Porzellan und Keramik ist vielfältig.

Der Wert liegt bei mindestens 6000 Euro. „Hochwertige Porzellanfiguren waren früher Ausdruck der Macht“, lässt Schulz ein wenig von seinem Wissen durchblitzen. Hunderte Bücher stapeln sich in seiner Werkstatt. Bis heute hat sich in fünf Generationen immer ein Nachfolger gefunden. Schulz arbeitet daran. Wie, das verrät er nicht. Vielleicht wird es einen Nachfolger geben


Derzeit ist das Schaufenster von Eberhard Schulz bestückt mit Werken des Kölner Künstlers Rainer Siebrasse-Schenk. Es sind bemalte Kissen, gefüllt mit Artikeln aus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Inhalte sind mit Bedacht ausgewählt, aber mit einer Naht verschlossen. „Die Kissenschlacht in der Porzellanwerkstatt“ dauert noch bis nach Ostern. Zu sehen ist sie im Karthäuserhof 11. Termine für einen Besuch in der Porzellanwerkstatt gibt es nach telefonischer Vereinbarung unter 0221/ 31 86 68.

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