Über 500 Personen waren der Einladung zum traditionellen Jahresempfang gefolgt – so viele wie noch nie.
Jahresempfang in der Kölner SynagogeJüdische Gemeinde in großer Sorge

Die Synagoge in der Roonstraße.
Copyright: Costa Belibasakis
„Sie können völlig unbesorgt sein: Diese Stadt steht hinter ihnen.“ Mit diesen Worten meldete sich der ehemalige Kölner Oberbürgermeister und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer beim diesjährigen Jahresempfang der Kölner Synagogen-Gemeinde (SGK) zu Wort. Kontrastiert wurden die im Originalton eingespielten Worte des Politikers mit aktuellen Bildern von massiver Polizeipräsenz vor dem jüdischen Gotteshaus an der Roonstraße.
Diese Bild- und Tonsequenz sind ein Ausschnitt aus einem Film, mit dem der Vorstand der SGK seine Gäste beim traditionellen Jahresempfang überraschte. Ausgehend vom Edikt des römischen Kaisers Konstantin, der im Jahr 321 n. Chr. den Juden in Köln erlaubte, Ämter in der Stadtverwaltung zu übernehmen, streifte das Video entscheidende Etappen der jüdischen Geschichte Kölns bis in die Gegenwart. Neben den Brüchen, Verletzungen und Massenvernichtung wie etwa während der vier Kreuzzüge, der Verbannung der Juden aus Köln 1424 oder während der Zeit des Nationalsozialismus stellte der Film auch die vielen positiven Zeichen jüdischen Lebens über die Jahrhunderte in der ältesten Gemeinde nördlich der Alpen heraus: etwa den Neuanfang jüdischen Lebens ab 1801, das Aufblühen jüdischen Lebens mit insgesamt sieben Synagogen im 19. Jahrhundert, Adenauers Worte 1959 bei der Einweihung der Synagoge im Kwartier Latäng, die Errichtung von Begegnungszentren in Chorweiler und Porz, das große Wohlfahrtszentrum mit Schule, Seniorenheim und weiteren Einrichtungen in Ehrenfeld oder den 2017 gegründeten jüdischen Karnevalsverein, der 2023 sogar mit Fußgruppe und Wagen am Rosenmontagszug teilgenommen hatte.
„Wir alle haben Einfluss darauf, wie das nächste Kapitel des Films ausfällt“
Der Film soll Jahr für Jahr verlängert werden, und daher appellierte Vorstandsmitglied Bettina Levy angesichts der aktuellen Weltlage und des immer aggressiver – auch in Köln – auftretenden Antisemitismus an die Besucher in der vollbesetzten Synagoge: „Wir alle haben Einfluss darauf, wie das nächste Kapitel des Films ausfällt.“ Vorstandskollege Felix Schotland ergänzte in Anlehnung an das nächste Sessionsmotto: „Morje es, wat do drus mähs!“ Über 500 Personen waren der Einladung zu der traditionellen Veranstaltung gefolgt – so viele wie noch nie. „Dieser Zuspruch ist für uns ein sehr ermutigendes Zeichen in diesen Zeiten“, wertete dankbar Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mit Anne Henk-Hollstein, der Vorsitzenden der Landschaftsversammlung des Landschaftsverbands Rheinland (VR), war die protokollarisch ranghöchste Repräsentantin des Rheinlands anwesend. Als Vertreter der Kirchen kamen Weihbischof Rolf Steinheuser sowie Stadtsuperintendent Bernhard Seiger. Zahlreiche Vertreter aus Bundes-, Landes- und Lokalpolitik gaben sich ebenso die Ehre wie hochrangige Vertreter von Polizei, Verfassungsschutz, Justizbehörden und Bundeswehr. Auch mehrere Dezernenten der Stadtverwaltung und sowie Museumsdirektoren zeigten sich.
Festredner Helge Fuhst, Vorsitzender der Chefredaktionen des Axel Springer-Verlags, stellte fest: „Polizei vor jüdischen Einrichtungen mag Normalität sein, normal ist das aber nicht.“ Es komme darauf an, jüdisches Leben zu erleben, sichtbar zu machen, „entdecken zu wollen“. Dies betonte Oberbürgermeister Torsten Burmester in seinem sehr persönlich gehaltenem Grußwort. „Die Synagoge gehört zu Köln wie der Dom.“ Bedrückung war im Synagogen-Raum zu spüren, als das Stadtoberhaupt bemerkte, dass es wenige Stunden zuvor an der Synagoge in der Kölner Partnerstadt Lüttich einen vermutlich antisemitisch motivierten Anschlag gegeben hat. Insbesondere in der Bildungsarbeit sieht das Stadtoberhaupt einen Schwerpunkt und nannte neben dem im Bau befindlichen jüdischen Museum „MiQua“ das NS-Dokumentationszentrum. Unmissverständlich stellte Burmester klar: „Trotz schwieriger Haushaltlage steht die Neugestaltung des NS-Dok nicht zur Debatte.“ Einen weiteren Baustein für die Arbeit und Aufklärung, um auch kommende Kölner Generationen für die jüdische Geschichte in Deutschland im Allgemeinen und Köln im Besonderen zu sensibilisieren, erhofft sich der Oberbürgermeister von der Ansiedlung einer Außenstelle der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am Rhein. Die für gestern geplante Reise einer Kölner Delegation mit ihm an der Spitze nach Israel sei wegen der aktuellen Kriegslage auf Ende April verschoben. „Das gibt uns Zeit, unsere Planungen detaillierter auszuarbeiten“, so Burmester gegenüber der Rundschau. Eine solche Einrichtung wäre nicht nur für Köln, sondern auch für Yad Vashem „eine riesige Chance“.
