Jürgen Amann ist seit 2020 Geschäftsführer bei Kölntourismus. Mit ihm sprach Thorsten Moeck über die Herausforderungen der Großstadt in Zeiten der Krise.
„Köln vibriert“Kölntourismus-Chef über die Vorzüge der Stadt

Luftbild vom Sonnenuntergang über Köln.
Copyright: Alexander Roll
Die Corona-Pandemie hat sich als Zäsur auf die Tourismusbranche ausgewirkt. Ist es noch sinnvoll, das Reiseverhalten der Menschen und die Zahl der Hotelübernachtungen aus dem Jahr 2019 als Maßstab heranzuziehen? Die Veränderungen dürften tiefgreifender sein.
Das ist richtig, dennoch bin ich sicher, dass der Tourismus grundsätzlich wieder in die Erfolgsspur zurückkehren wird. Aber es ist in der Tat schwierig, von Normalisierung zu sprechen und sich damit auf die Zeit vor der Corona-Krise zu beziehen. Denn tatsächlich hat sich der Tourismus verändert. Im Städtetourismus hat Corona die erste nennenswerte Zäsur seit 20 Jahren bedeutet.
Sie sprechen auch aus eigener Erfahrung?
Ja, natürlich. Die Megatrends Digitalisierung, Regionalisierung und Nachhaltigkeit gibt es schon länger, aber durch Corona haben sie einen Schub bekommen. In der Geschäftswelt wird nicht mehr für ein halbstündiges Gespräch durch Deutschland geflogen, das geht jetzt alles per Videokonferenz. Viele Unternehmen haben deshalb die Reisebudgets gekürzt. Wir reisen bei Kölntourismus prinzipiell nur noch mit der Bahn zu Terminen und nutzen verstärkt Videokonferenzen. Auch nach Köln kommt jeder zweite Gast mit der Bahn. Prinzipiell hat diese Verhaltensänderung auch zu einer veränderten Tourismusstruktur geführt.
Köln ist keine Kulisse, sondern eine lebendige Millionenstadt. Aber wir werden nicht so gehandelt, wie es sein könnte.
Was bedeutet das in Zahlen?
Rein quantitativ haben wir etwa 15 Prozent weniger Übernachtungsgäste als vor der Pandemie. Das klingt vielleicht Furcht einflößend, aber wir haben andere Gäste in der Stadt.
Vermutlich Menschen mit kürzerer Anreise.
Ja, wir haben mehr Gäste aus den sogenannten Nahmärkten, also mehr Menschen aus Deutschland und weniger aus dem Ausland. Stark vertreten sind aber unsere Nachbarn Niederlande, Belgien, Frankreich. Und bei uns sind Gäste aus den USA überproportional stark vertreten, was mit der Basis des Paketdienstes UPS am Flughafen und den Flusskreuzfahrten zusammenhängt. Interessant ist aber eine qualitative Veränderung. Die Kölnmesse hat eine große Bedeutung für Übernachtungsgäste, zuletzt wurde aber festgestellt, dass mit Zweidrittel der Aussteller und der Besucher ähnliche Umsatzvolumina wie 2019 erzielt worden sind. Überall wird später gebucht oder es werden später Tickets für Veranstaltungen gekauft. Ein Problem? Bei Tagungen und Kongressen gab es in der ersten Jahreshälfte noch eine große Unsicherheit. Jetzt wird anders agiert. Im Oktober ließ sich noch bequem eine Lokalität für Weihnachtsfeiern finden, jetzt ist alles ausgebucht. Das Leben ist kurzfristiger geworden.
In Berlin spielt die deutsche Historie eine Rolle, nach Hamburg kommen Musicalfreunde. Was reizt die Gäste an Köln?
Köln wird auch als Kulturstadt wahrgenommen, aber aktuell spielen nicht immer die Einrichtungen der Hochkultur die größte Rolle. Die Via Culturalis wird Köln einen Schub bescheren, da bin ich sicher. Während der Krise haben wir in Sinusmilieus geworben, die nicht nur in den Dom gehen, sondern auch ins Museum. Also Menschen mit ähnlichen Wertevorstellungen und ähnlichem Einkommen. Das ist unsere strategische Vorgehensweise.
Also auch das Südstadt-Publikum oder die Ehrenfelder Hipster-Generation?
Im Grunde ja, es sind Menschen, die nicht das hochglanzpolierte Image wollen, sondern das Diverse, das Herzliche und Weltoffene. Wir sprechen vom expeditiven und vom postmateriellen Milieu. Hier wollen wir das Profil der Stadt schärfen. Köln hat die größte CSD-Veranstaltung in ganz Deutschland. Das kommt ja nicht von ungefähr. Es geht um ein Milieu, zu dem auch die Unternehmer von morgen gehören und sich in Köln ansiedeln könnten. Auch die Weiterentwicklung der Stadt spielt eine Rolle.
- 18 242 Übernachtungen zählte Kölntourismus allein im Oktober durch Gäste aus den USA. Dies ist der höchste Wert aller ausländischen Gäste. Auf Platz zwei liegen Übernachtungsgäste aus den Niederlanden (18 127 Übernachtungen), gefolgt von Großbritannien (14 444), Italien (10 012) und Belgien (9252).
- Auf das Gesamtjahr bis Oktober gesehen, kommen die meisten Gäste aus den Niederlanden. Zum Teil lagen die Übernachtungszahlen über Vorkrisenniveau. (tho)
Aus der Politik kam nach der Sessionseröffnung und dem Sturm der Zülpicher Straße der Vorwurf auf, die Stadt dürfe sich nicht als Partymetropole bewerben. Ärgert Sie das?
In Bratislava hat man das gemacht, ganz gezielt. Aber ich kenne niemanden, der Köln jemals als Partydestination vermarktet hat. Auf der Zülpicher Straße feiern ja keine Touristen, sondern Menschen aus dem Umland. Die Wahrnehmung des Elften im Elften war außerhalb der Stadt nicht so negativ, wie es bei uns der Fall war. Köln hat zwar nicht den Ruf der Partystadt, aber das Image des herzlich Unperfekten. Das ist unser Erfolgsgeheimnis.
Heißt das, Kölns innere Werte lassen die Besucher über Baugerüste hinwegsehen?
Köln ist keine Kulisse, sondern eine lebendige Millionenstadt. Köln vibriert. Köln lebt. Aber wir werden nicht so gehandelt, wie es sein könnte. Wir finden überregional viel zu wenig Beachtung. Da müssen wir gemeinsam dran arbeiten. Aber Stillstand fände ich schlimmer als Baustellen.
Sind die Fernmärkte wie China noch interessant für Kölntourismus?
Wir konzentrieren uns inzwischen auf potenzialträchtige Bereiche, die chinesische Pauschalreise gehört nicht direkt dazu. Der Klassiker ist beispielsweise der Medizintourismus, weil die Wertschöpfung sehr hoch ist. Ich kenne keine Fachklinik, die ohne externe Gäste zurechtkäme. Sportreisen sind sehr wichtig, also zuletzt die Basketball-Europameisterschaft. Oder aber die Fußball-EM 2024.
Das erste internationale Fußballturnier nach der emotional schwierigen WM in Katar.
Bei solchen Turnieren ist die Imagewirkung wichtiger als die wirtschaftliche Auswirkung. Katar war für uns sozusagen eine Steilvorlage. Jetzt kann wieder Fußballbegeisterung entstehen. Wir werden uns als wunderbare Gastgeber präsentieren. Nicht nur in puncto Fußball bin ich sehr optimistisch, was die Umsetzung unserer Strategie betrifft, mit der wir 2023 starten werden.

