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Steigende Lebenshaltungskosten in Köln„Wir haben massive Existenzängste“

8 min
Eine Kassiererin gibt einer Kundin Wechselgeld an der Kasse eines Supermarktes.

Eine Kassiererin gibt einer Kundin Wechselgeld an der Kasse eines Supermarktes.

Kölnerinnen und Kölner haben uns erzählt, wie sie mit den finanziellen Herausforderungen umgehen.

In allen Bereichen des Alltags steigen die Kosten. Viele Menschen stellt das vor große Probleme. Vier Kölnerinnen und Kölner erzählen, wie sie damit umgehen.

Jenny S (40): „Wir hätten gerne einfach ein ruhiges, beschwerdefreies Leben“

Beruf: Hausfrau Familiensituation: Mann ist Lagermitarbeiter, drei Kinder (19, 16, 5) Nettohaushaltseinkommen: 2200 Euro Kindergeld: 500 Euro Wohngeld: 950 Euro Miete: 1200 Euro Strom: 300 Euro Versicherung Autos: 200 Euro Andere Versicherungen: 100 Euro Handyverträge: 60 Euro

„Bei uns kommt gerade so viel zusammen. Leute, die uns kennen, schütteln den Kopf und sagen: Das ist doch nicht mehr normal. Wir hätten gerne einfach ein ruhiges, solides, beschwerdefreies Leben. Leider ist uns das nicht gegönnt. Wenn unerwartete Ausgaben dazukommen, dann wird es finanziell oft sehr eng. Und von diesen Dingen gab es zuletzt sehr viele. Vor kurzem ist die Lenkung meines Autos kaputtgegangen. Danach war der Kühlschrank inklusive Gefrierschrank defekt. Wir mussten Lebensmittel im Wert von 600 bis 800 Euro wegwerfen. Das tut natürlich weh. Dazu habe ich schwer erkrankte Eltern und weitere Schwerkranke in meiner Familie, um die ich mich kümmere.

Auch um den anderen zu helfen, bin ich aufs Auto angewiesen. Genau wie mein Mann, der auf der anderen Rheinseite wohnt. Wir werden dieses Jahr das erste Mal seit 20 Jahren für eine Woche in den Urlaub fahren - auf einen Campingplatz, das Günstigste, was wir finden konnten. Trotzdem kostet das 1500 Euro. Familienausflüge haben wir früher viel mehr gemacht. Mein Mann kommt oft von der Arbeit nach Hause und stellt sich die Frage: Für was arbeite ich eigentlich noch? Warum bekommen andere Menschen dasselbe durch das Arbeitslosengeld – und dazu noch verschiedene Vergünstigungen und Unterstützungen. Das frustriert unwahrscheinlich.

Wenn jetzt auch noch das Wohngeld gekürzt wird, dann sind wir erledigt. Das ist gerade unsere größte Angst. Wir sitzen hier und überlegen schon, wann wir mit drei Kindern obdachlos dastehen. Meine Kinder sind zum Glück nicht so materiell eingestellt. Aber sie werden älter und die Ansprüche steigen.

Auch in den Schulen gibt es Anforderungen. Wenn ein Buch für 30 Euro gekauft werden muss, und es dann noch nicht mal gelesen wird, ärgert mich das sehr. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir massive Existenzängste haben.

Ich habe vor allem Angst um die Zukunft meiner Kinder. Ich habe nicht mehr die Vorstellungskraft, dass es auch mal wieder in eine andere Richtung geht.“

Der Wocheneinkauf wird für viele Familien immer teurer.

Der Wocheneinkauf wird für viele Familien immer mehr zur Belastung

Roland K. (60): „Ein paar Tage Ostsee statt Spanien“

Beruf: Bauarbeiter Familiensituation: Frau und Kind leben in anderer Wohnung, zwei weitere Kinder sind bereits erwachsen Haushaltsnettoeinkommen: 2900 Euro Miete: 600 Euro Unterhalt: 500 Euro

„Ich wohne auf 50 Quadratmetern alleine, meine Lebenspartnerin und unsere elfjährige Tochter wohnen in einer anderen Wohnung. Wir würden gerne etwas Größeres finden, wo wir zusammen wohnen könnten. Aber etwas Bezahlbares zu finden, ist schwierig.

Wir hatten früher viele schöne Ausflüge am Wochenende. Aber die Bauernhöfe und Spielscheunen haben ihre Preise nach der Corona-Zeit so angezogen, dass man mit einem Kind kaum noch hingehen kann. Früher haben wir vier Euro Eintritt bezahlt, heute sind es acht oder neun Euro, und der Erwachsene muss auch noch bezahlen. Jede Woche 50 Euro für irgendeinen Ausflug – das funktioniert nicht.

Wir haben uns deshalb vor ungefähr fünf Jahren einen festen Platz auf einem Campingplatz gesucht. Der kostet rund 100 Euro im Monat. Da kann man jedes Wochenende hin, es gibt einen Pool und andere Kinder. Das ist finanziell eher machbar, als jedes Wochenende Eintritt zu bezahlen. Bei den Kindern möchte man am wenigsten sparen. Unsere Tochter braucht ein neues Fahrrad, dann kriegt sie ein neues Fahrrad. Es soll ja auch etwas Vernünftiges sein. Wenn du Schuhe oder Kleidung günstig kaufst, kaufst du zweimal.

Urlaub in Spanien können wir uns nicht mehr leisten. Das kostet heute 2000, 3000 oder 4000 Euro. Dann fährt man eben ein paar Tage an die Ostsee, weil man dort Bekannte hat und gut unterkommt. Große Sprünge sind im Moment nicht drin.

Auch essen gehen, funktioniert nicht mehr. Wenn wir mit drei Leuten in ein Restaurant gehen, zahlen wir 80 Euro. Beim Einkaufen habe ich neulich für eine Kleinigkeit 60 Euro bezahlt – früher hattest du für die Summe den ganzen Korb voll. Und man will sich ja auch gesund ernähren. Das ist gar nicht so einfach. Strom und Gas versuche ich schon immer zu sparen. Früher habe ich dann bei der Nebenkostenabrechnung noch etwas Geld zurückbekommen. Jetzt spare ich genauso, aber muss trotzdem noch einen Haufen Geld draufzahlen. Da wird auch das Sparen schwieriger.

Für die Zukunft mache ich mir Sorgen. Ich habe eigentlich einen sicheren Arbeitsplatz und nur noch ein paar Jahre bis zur Rente. Aber man kann nie wissen. Ich arbeite jetzt fast 40 Jahre. Und wenn ich dann sehe, wo ich stehe, ohne viel Erspartes, dann ist das schade. Wenn ich keine Kinder gehabt hätte, hätte ich vielleicht mehr Geld. Aber ich bereue nichts. Ich würde es immer wieder genauso machen.“

Steigende Spritpreise belasten die Geldbeutel.

Steigende Spritpreise belasten die Geldbeutel.

Nadja P (34): „Ein Kreislauf, aus dem wir nicht mehr rauskommen“

Beruf: Hausfrau Familiensituation: Vier Kinder (15,13, 5, 4), Mann ist BusfahrerHaushaltsnettoeinkommen: zwischen 2800 und 3000 Euro Kindergeld mit Kinderzuschlag: 1700 Euro Wohngeld: 400 Euro
Miete
(79 Quadratmeter) mit Garten und Stellplatz: rund 1100 Euro

„Wenn wir Pech haben, bleibt nach den Fixkosten manchmal gar nichts mehr übrig. Aus jungen Jahren haben wir noch Schulden – für Möbel, die wir auf Raten gekauft haben, für ein Auto und für den Führerschein. Die müssen wir jetzt nach und nach abbezahlen. Da muss man wirklich schauen, was man einkauft und wie man auskommt. Ohne Hilfe von anderen wird es oft schwierig. Manchmal springt mein Schwiegervater ein und fragt nach: Was braucht ihr?

Wenn etwas Größeres kaputtgeht, dann gibt es dafür keine Rücklagen. Zuletzt ist unser Trockner kaputtgegangen, den haben wir auf Raten gekauft und zahlen ihn nun ab. Es kommt immer wieder etwas obendrauf. Das ist ein Kreislauf, aus dem wir nicht mehr rauskommen.

Wenn unsere Kinder sich etwas wünschen, möchten wir ihnen das auch ermöglichen. Auch für eine Playstation müssen wir Schulden aufnehmen, oder für Handys, die kaputtgehen. An Urlaub können wir gerade nicht denken. Dafür gehen unsere Kinder ins Hövi-Land, dort gibt es für sie ein schönes Ferienangebot. Das ist für sie wie Urlaub.

Wir haben gerade keine Idee, wie wir aus diesem Kreislauf herauskommen. Die Situation wird nicht besser. Und darüber mache ich mir viele Sorgen. Wir haben schon einmal durchgerechnet: Wir hätten sogar weniger Geld, wenn ich arbeiten gehen würde und dafür andere Zuschläge wegfallen würden. Ich müsste so viel verdienen wie mein Mann, damit wir am Ende genauso viel hätten. Ich habe allerdings keine Ausbildung. Die habe ich abgebrochen, als ich mit meinem Sohn schwanger war. Die Schwangerschaft war gefährdet und ich wusste nicht, dass ich mich krankschreiben lassen konnte. Ich würde mir wünschen, dass wir von der Politik weiterhin Unterstützung bekommen würden, auch wenn ich ein bisschen arbeiten gehen würde.

Selbst wenn ich arbeiten gehen würde, würden wir Probleme mit der Kinderbetreuung bekommen. Wir haben keine Verwandten, außer meinem Schwiegervater, der selbst pflegebedürftig ist. Die Kinder müssen in die Kita gebracht und abgeholt werden, und wenn die Kita geschlossen hat, muss jemand aufpassen.“

Manuela L. (47): „Versuche, ohne fremde Hilfe auszukommen“

Beruf: Rezeptionskraft und Mini-Job als Putzkraft Wohnsituation: Getrennt, Sohn (19) wohnt noch zu Hause, Tochter bereits ausgezogen Haushaltsnettoeinkommen: 2600 Euro Kaltmiete: 760 Euro (86 Quadratmeter) Strom und Gas: 260 Euro Telefon/Internet: 50 Euro Auto (Finanzierung und Versicherung): 400 Euro

„Manchmal bin ich am Ende des Monats 50 Euro im Minus, manchmal lande ich bei plus minus Null. Überbleiben tut in der Regel nichts. Ich habe ungefähr 1000 Euro auf der Seite, wenn einmal etwas kaputtgeht. Aber das war es dann auch schon. Einen Kater mussten wir im April einschläfern lassen, das war auch nicht günstig. Und jetzt steht die Beerdigung meiner Mutter vor der Tür.

Mit dem Auto fahre ich nur das Nötigste, alles andere versuche ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu schaffen. Bei einem 19-jährigen Sohn, groß und kräftig, muss natürlich ordentlich Essen auf den Tisch. Und zwei Katzen haben wir auch. Mein Sohn bekommt sein Ausbildungsgeld. Davon muss er mir aber nichts abgeben. Es ist mir wichtig, dass er sein eigenes Geld hat.

Der Einkauf ist so viel teurer geworden. Wir schauen am Wochenende in die Prospekte: Was ist im Angebot, was kann man einfrieren, was hält sich ein bisschen? Auch bei Kleidung und Schuhen schaue ich, ob irgendwo etwas im Angebot ist.

Verzichten muss man auf Vieles. Ich gehe nicht mehr so oft ins Kino und treffe mich nicht mehr so oft mit Freunden. Wenn jemand sagt, wir gehen etwas trinken oder essen, sage ich eher: Diesmal klappt es nicht, ich bin vielleicht nächsten Monat wieder dabei. Man arrangiert sich damit. Dieses Jahr war ich nur im Urlaub, weil meine frühere Schwiegermutter mir das geschenkt hat.

Mit der Politik und möglichen Entlastungen habe ich mich in letzter Zeit nicht groß beschäftigt. Was will ich mich damit beschäftigen? Es ändert sich ja sowieso nichts. Ich weiß, dass das ein falsches Denken ist, und ich gehe auch wählen.

Ich habe Freunde, die sagen: Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid. Aber das mache ich nicht gerne. Wenn ich es irgendwie selbst gestemmt bekomme, dann versuche ich, ohne Hilfe auszukommen.

Weil ich meine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt habe, konnte ich nur Teilzeit arbeiten. Das werde ich nun definitiv wieder ändern müssen. Vielleicht kann ich dann wieder etwas besser schlafen und muss nicht jeden Euro dreimal umdrehen. Aber ich glaube, die Chancen sind gut, dass ich etwas finde.“