Stefanie Gindler vom Rheingold-Institut erklärt, warum Menschen gerne für Döner oder Cookies anstehen.
Kölner Expertin im Interview„Das Schlangestehen vor Trend-Läden gibt ein Gefühl der Gemeinschaft“

Anstehen vor dem Impi in Ehrenfeld für Ice Matcha Latte
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Wie werden die zumeist sehr jungen Menschen dazu gebracht, sich gerne in die Schlangen zu stellen?
Es sind vor allem Social-Media-Formate, die wirken. Bei Tiktok und Instagram spielt die Ästhetik eine enorme Rolle. Da wird dann zum Beispiel die schön gestaltete Box genussvoll geöffnet und darin sind das perfekt geschichtete Tiramisu oder die bunten Cookies mit den vielen Toppings, die man sich selbst zusammenstellen kann. Da kommt dann der Reflex: Diesen kleinen Luxus gönne ich mir. Ein beliebter Trick ist auch die künstliche Verknappung: „Nur heute“-Angebote, angeblich geringe Stückzahlen, kurze Pop-up-Öffnungen.
Welche Rolle spielen Influencer?
Sie geben Orientierung in Zeiten der Überforderung, weil eigentlich an jeder Ecke ein neuer Trend präsentiert wird und Entscheidungen immer schwerer fallen. Influencer sind da eine Art Landkarte der Stadt. Sie sagen: Hier ist das einzig Gute, stell dich hier an. Das hat bei Umami Kebab mit Eko Fresh gut funktioniert, der ist dazu auch noch selbst Kölner und deshalb nochmal glaubwürdiger. Und Lukas Podolski trägt seine Mangal-Kette mit seiner Persönlichkeit.
Schlangestehen galt ja lange als etwas, über das man sich ärgert. Nun ist es beliebt. Warum?
Es ist ein analoges Erlebnis in der digitalen Welt. Wir können uns vor Netflix setzen und beim Lieferdienst bestellen, aber da sind wir allein. Die digitale Welt hat uns die sofortige Verfügbarkeit gebracht. Wir können alles sofort haben, anschauen, kaufen. Dadurch verliert der Gegenstand, das Erlebnis allerdings an Wertigkeit. Sich für etwas in die Schlange zu stellen, Zeit zu investieren, erhöht seinen Wert wieder. In der Schlange sind wir ein Teil einer Gemeinschaft.

Stefanie Gindler vom Rheingold-Institut
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In der „richtigen“ Schlange zu stehen, ist auch ein Statussymbol. Man gehört zu den Eingeweihten, man weiß, was angesagt ist. In einer Zeit der gesellschaftlichen Vereinzelung erfüllt das eine Sehnsucht. Während des Wartens steigen die Spannung, die Aufregung und die Freude. Es ist ein fröhliches Anstehen. Das Phänomen gibt es nicht nur bei Kindern und Jugendlichen. Erwachsene sind ja durchaus auch stolz, wenn sie beim angesagten Club oder beim Konzert in der Schlange stehen.
Wie lange halten die Trends?
Es gibt das Phänomen der Selbstverstärkung. Sobald ein Influencer für ein Produkt wirbt, ist es eigentlich kein Geheimtipp mehr. Aber trotzdem entsteht das Gefühl, man könnte etwas verpassen. Und Fotos von Schlangen befördern den Hype noch mehr und bringen noch mehr Schlangen. Wie lange ein Produkt beliebt bleibt, ist sehr individuell. Allgemein ist es so, dass je schneller ein Produkt verbraucht wird, desto schneller verschwindet es auch wieder. Wenn nichts anderes als ein ästhetisches Essen versprochen wird, dann hält es nicht lange. Für ein reines Eventprodukt wie etwa die Dubai-Schokolade waren es etwa drei Monate, bis die große Welle abgeebbt war. Anders ist es natürlich, wenn ein Name wie Podolski mit dem Produkt verbunden ist. Auch die Diddl-Maus-Retrobewegung, die jetzt aufgekommen ist und wegen der es vor Kurzem auch Schlangen gab, wird sich wohl verfestigen, weil viele Menschen damit Erinnerungen verbinden.
Ist das Schlangestehen auch nur ein Trend und wird bald verschwinden?
Das Schlangestehen für Trendprodukte wird bleiben, das ist kein oberflächliches Modephänomen.