Sandra Marcordes ist seit zehn Jahren leitende Tierärztin im Kölner Zoo. Ihr Beruf ist: ihre Berufung. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat sie bei der Arbeit begleitet.
Kölner ZooDie Frau, die schon als kleines Mädchen Tierärztin werden wollte – und sich den Traum erfüllte

Sandra Marcordes ist seit zehn Jahren leitende Tierärztin im Kölner Zoo.
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Warum Sandra Marcordes zu der seltenen Spezies jener Menschen gehört, die nicht nur als Kind unbedingt Tierärztin werden wollten, sondern es auch wirklich geworden ist, erklärt schon der heroische Kampf um ihr erstes Kaninchen: „Meine Eltern wollten keine Haustiere. Als alles Betteln nicht half, habe ich mit elf Jahren einen wissenschaftlichen Aufsatz darüber geschrieben, warum sich Kinder, die ohne Haustiere aufwachsen, schlechter entwickeln als Kinder mit Tieren“, erinnert sich die leitende Tierärztin des Kölner Zoos.
Ihr Aufsatz überzeugte die Eltern, die Tochter bekam ihr Kaninchen. Dass sie Tierärztin werden wollte, habe sie „schon früher gewusst, mit fünf oder sechs“, sagt Marcordes. In der zwölften Klasse schrieb sie eine Hausarbeit über artgerechte Haltung im Südamerika-Haus des Zoos, ihre Doktorarbeit über Narkosen für Fossas, eine Raubkatze, die es nur auf Madagaskar gibt. Verheiratet ist sie mit dem Vogelkurator des Zoos, Bernd Marcordes. Auf Hochzeitsreise waren die beiden in sieben Zoos in Indonesien, Sandra Marcordes hat im Regenwald zudem noch Orang-Utans in freier Wildbahn beobachtet. Zu Hause hat die Familie Katzen, Vögel aus Madagaskar – und Kaninchen.

Die Tierärztinnen Sandra Marcordes und Tierärztin Elisabeth Hembach (v.l.). bei der Entwurmung von Enten
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Fünf Gramm leichte Geckos und Seepferdchen behandelt Sandra Marcordes genauso wie den 4500 Kilo schweren Elefantenbullen Tarak, Orang-Utans wie Leoparden, Schlangen und Flusspferde. Für einige Operationen – vor allem von Menschenaffen – zieht sie Humanmediziner hinzu, wenn Geißbock Hennes der IX. ernsthaft schwächelt, ist sie dazu angehalten, „die Meinung von externen Experten hinzuzuziehen“ sagt sie lachend. „Hennes genießt bei uns Sonderrechte.“ Der Ziegenbock ist sozusagen der Privatpatient mit Luxuszimmer unter den Kassenpatienten im Zoo.
Daten und Erfahrungen teilt der Zoo mit Tierparks aus der ganzen Welt
Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ begleitet Sandra Marcordes für eine kleine Sommerserie, um einen Eindruck von ihrer Arbeit zu vermitteln, die für sie „immer im Zeichen des Artenschutzes steht“. Viele Wildtiere werden im Kölner Zoo nicht nur gehalten, sondern auch gezüchtet. Sandra Marcordes ist zutiefst davon überzeugt, dass „Zoos auch deswegen notwendig sind für Artenschutz und Aufklärung, weil der Mensch viele Lebensräume der Wildtiere zerstört hat und weiterhin gefährdet“.
Ein besonderes Anliegen ist Marcordes die Wissenschaft. Aktuell arbeitet sie mit 60 Kolleginnen und Kollegen an einem Standardwerk zur Behandlung von Wildtieren. Wenn sie einen Schneeleoparden wegen eines Risses an der Pfote behandelt, werden die Blutwerte und andere Erkenntnisse so protokolliert, dass sie Zoos auf der ganzen Welt zur Verfügung gestellt werden können. „Für Hormon- und Blutwerte vieler Tierarten gibt es noch keine Referenzwerte – die sind aber wichtig, wenn wir Erkrankungen vermuten und sie durch Vergleiche mit Werten von gesunden Tieren bestimmen möchten.“
Daten, Erfahrungen mit Operationen und Seuchenschutzmaßnahmen teilt der Kölner Zoo mit Tierparks auf der ganzen Welt über das „Zoologische Informations-Management-System“ (ZIMS). Marcordes hat zum Beispiel Tapire gegen Mykobakterien behandelt – was vor nie zuvor eine Tiermedizinerin getan hatte.
Die Hilfsaktion für Buckelwal Timmy hat Marcordes kritisch verfolgt
Um mehr Menschen Wissen von Wildtieren zu vermitteln, hält die 40-Jährige es für richtig, Tieren Namen zu geben – das geschieht im Kölner Zoo nicht nur bei Elefanten und Tigern, sondern schon bei kleinen Äffchen. Wenn es ums Leben und Sterben lassen angeht, mahnt die Tiermedizinerin indes zur Verhältnismäßigkeit. Die Hilfsaktion für Buckelwal Timmy hatte sie im Frühjahr sehr kritisch verfolgt. Wenn im Zoo ein Tier erkranke, „schauen wir immer sehr genau, wie schwer die Erkrankung und wie die Prognose ist. Die Entscheidung, ob ein Tier eingeschläfert oder operiert wird, machen wir nie von der Größe des Tiers oder der Beliebtheit bei den Menschen abhängig“.
An diesem heißen Morgen im Juli muss Sandra Marcordes zusammen mit ihrem Mann Bernd, Biologin Lara Schiffbauer und Tierpfleger Sebastian Wolf 33 Enten entwurmen, die aus den Niederlanden beschlagnahmt wurden, weil sie nicht artgerecht gehalten worden waren. Schiffbauer und Wolf fangen die Enten, Bernd Marcordes hält sie fest, seine Frau sperrt ihren Schnabel auf, steckt ihnen einen Schlauch in den Hals und verabreicht ihnen ein Medikament. Bevor sie zurück ins Gehege kommen, werden die Tiere markiert.

Eine Langnasennatter hat Hautprobleme und bekommt eine Vitamin-A-Spritze.
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Sandra Marcordes bekommt einen Anruf aus dem Aquarium. Eine Langnasennatter hat Probleme mit der Haut. Die grüne Schlange mit der markanten Nase hat weiße Schuppen auf der Haut. Tierpflegerin Dana Schneider holt sie aus dem Terrarium, legt die Schlange auf eine Waage, die 211 Gramm anzeigt, und hält sie fest, während Marcordes ihr eine Vitamin-A-Spritze gibt. Der Mangel des Vitamins führt zu Problemen beim Häuten. Deutlich zu sehen ist eine Narbe auf dem Bauch des Tiers – als Marcordes anfing, im Kölner Zoo zu arbeiten, hat sie der Natter einen Eierstock entfernt. Neben der Natter badet auf der Krankenstation im Keller des Aquariums eine Schildkröte in schwarzem Tee. Sie hat ein Loch im Panzer, die Gerbstoffe des Tees helfen, dass der Panzer wieder zuwächst.
Wir Tierärzte galten immer als unbeliebteste Mitarbeiter im Zoo, weil sie den Tieren Spritzen geben und Dinge tun, die wehtun können
Vor zehn Jahren ist Sandra Marcordes vom Duisburger Zoo nach Köln gewechselt. Hier kümmert sie sich zusammen mit Elisabeth Hembach, die eine halbe Stelle hat, um 11.000 bis 12.000 Tiere und rund 800 Arten. „Ich bin das Gegenteil von einer Spezialistin“, sagt sie. Zur Mitarbeiterin des Jahres würden die Tiere sie nicht küren, eher im Gegenteil. „Wir Tierärzte galten immer als unbeliebteste Mitarbeiter im Zoo, weil wir den Tieren Spritzen geben und Dinge tun, die wehtun können“, sagt sie. Seit viele der Säugetiere mit Belohnungen trainiert werden, wenn sie stillhalten sollen, sei das besser geworden. „Ich bin allerdings nicht Tierärztin geworden, um besonders beliebt bei meinen Patienten zu sein.“
