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Kölner Tierheime schlagen AlarmImmer mehr Tiere werden in Sicherstellungen beschlagnahmt

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James und Cordelia: Beide Katzen kamen aus Sicherstellungen ins Tierheim.

James und Cordelia: Beide Katzen kamen aus Sicherstellungen ins Tierheim. 

Das Tierheim Dellbrück hat seit Anfang des Monats 17 Katzen aus Sicherstellungen aufgenommen. 

Abgemagert bis auf die Rippen, kahle Stellen im Fell, dreckige Ohren: Das Tierheim Dellbrück hat auf seinem Social-Media-Kanal ein Video veröffentlicht, das zwei Hunde aus Sicherstellungen zeigt. Zu sehen sind weitere drei beschlagnahmte Katzen. Das Tierheim schlägt Alarm – die Katzen-Quarantäne sei voll mit beschlagnahmten Tieren, für Fund- oder Abgabetiere sei kaum noch Platz. Seit Anfang des Jahres nehme die Einrichtung fast täglich sichergestellte Tiere auf.

Laut dem Veterinäramt Köln steigen die Sicherstellungen von vor allem Katzen und Hunden seit der Coronapandemie kontinuierlich an. Viele Menschen hätten sich Tiere angeschafft, ohne sich ausreichend über die Haltung und die Bedürfnisse der Tiere informiert zu haben. Doch: „Mit der Pandemie allein kann man das nicht erklären“, sagt Sylvia Hemmerling, Sprecherin des Tierheims Dellbrück. Das Problem gebe es schon länger, im Januar habe sich die Zahl der Sicherstellungen lediglich geballt. Allein in diesem Monat habe das Tierheim bereits 17 Katzen aus Beschlagnahmungen aufgenommen.

Tiere sind häufig in schlechtem Zustand

Auch das Tierheim Zollstock bekommt zunehmend Tiere aus Sicherstellungen. „Wir haben schon seit Ende letzten Jahres vermehrt Tiere aus Beschlagnahmungen“, sagt Sebastian Wolf, Leiter des Hundebereichs. „Wenn man das Alter dieser Tiere betrachtet, geht das durchaus auf die Pandemiezeit zurück.“ Viele kämen in einem schlechten Zustand ins Heim.

Als das Tierheim Dellbrück die Freigabe für die Tiere aus dem Social-Media-Video erhielt, kamen noch am selben Tag ein kranker Hund und vier Perserkatzen aus einer verwahrlosten Wohnung in die Einrichtung. „Der Zustand der Tiere aus Sicherstellungen ist immer unterschiedlich“, erklärt Hemmerling. Den Perserkatzen musste unter Narkose das verfilzte Fell entfernt werden (siehe Bild). „Jede Geschichte verläuft anders“, erzählt sie. „Wir haben auch vier Katzen bekommen, die aus dem Keller einer Bäckerei gerettet wurden – denen ging es vergleichsweise gut.“

Der sichergestellten Perserkatze musste das verfilzte Fell unter Narkose entfernt werden.

Der sichergestellten Perserkatze musste das verfilzte Fell unter Narkose entfernt werden.

Anfang Januar wurden drei Katzen und ein Kater aus dem Keller in Mülheim sichergestellt. Die katastrophalen Zustände sind auf dem Social-Media-Kanal des Tierschutzvereins „Team für Tiere Köln e. V.“ zu sehen: Die Tiere lebten in einem schimmeligen und fensterlosen Raum, der Boden war voller Kot. Der Hinweis kam von Anwohnenden eines Mehrfamilienhauses, die durch ein Loch in den Kellerraum blicken konnten. Hemmerling appelliert: „Tierheime und das Veterinäramt sind auch angewiesen auf aufmerksame Nachbarn, die Tierelend bemerken und melden.“

Bußgelder bei Verwahrlosung bis zu 25.000 Euro

Bemerkbar mache sich die Verwahrlosung durch Urin- und Kotgeruch oder dadurch, dass Hunde nie ausgeführt würden. Laut Veterinäramt werden die Tiere nicht mehr versorgt, verwahrlosen oder werden in Wohnungen zurückgelassen. Die meisten Sicherstellungen erfolgen in Privathaushalten. Die Konsequenzen reichen von Bußgeldern bis zu 25.000 Euro über Tierhaltungsverbote bis hin zu Strafanzeigen.

Die große Zahl an Beschlagnahmungen stoppe die Fluktuation im Dellbrücker Tierheim. Sicherstellungen hätten einen hohen bürokratischen Aufwand: „Das geht auch mit einem Strafvorgang gegen die Besitzer einher. Manchmal wird seitens der Besitzer Klage eingereicht“, schildert Hemmerling. „Dadurch bleiben die Tiere dann noch viel länger in unserer Obhut.“ Erst wenn die Situation rechtlich geklärt sei, dürften die Tiere vermittelt werden. Auch das Tierheim Zollstock habe Schwierigkeiten, die Tiere unterzubringen. „Unsere Bestände sind voll“, sagt Wolf.

Die Gründe für Tierverwahrlosung sind vielfältig. Neben mentaler Überforderung spielten laut Veterinäramt auch steigende Lebenshaltungskosten eine Rolle. „Manche Menschen kommen mit dem Verhalten der Tiere nicht mehr zurecht“, so Wolf. „Andere können sich die Tierarztkosten nicht mehr leisten.“ Auch gescheiterte lukrative Geschäfte trügen dazu bei: „Viele besorgen sich Rassekatzen, um mit ihnen zu züchten“, erzählt Hemmerling. „Das läuft nicht selten aus dem Ruder.“ Im vergangenen Jahr habe das Tierheim eine Gruppe von rund 30 Katzen aufgenommen, sichergestellt „aus schlimmsten Verhältnissen einer sogenannten Züchterin“.

Qualzuchten erfordern hohe Kosten

„Wir haben immer noch Schottische Faltkatzen aus einer Sicherstellung aus dem vergangenen Jahr“, erzählt Hemmerling. Solche Qualzuchten erforderten viele Tierarztbesuche und entsprechend hohe Haltungskosten. Das erschwere die Vermittlung: „Die Menschen wollen dann lieber ein gesundes Tier.“

Gleichzeitig belasteten Sicherstellungen die Tierheime finanziell stark. Hemmerling nennt Hündin Daisy als Beispiel: „Sie kam übergewichtig und mit einem unbehandelten Kreuzbandriss zu uns.“ Die Kosten für eine Operation betrügen rund 3500 Euro, die das Tierheim durch eine Spendenaktion finanzieren konnte.

Abgesehen vom Verbot der Qualzuchten habe das Tierheim Dellbrück einen großen Wunsch: „Das Verbot, Tiere im Internet kaufen zu können“, sagt Hemmerling. „Das könnte die Hälfte des Elends schon eindämmen.“ Im Netz würden Menschen Welpen aus illegalem Handel anbieten oder Tiere mit Verhaltensauffälligkeiten loswerden wollen. Die Sprecherin warnt: „Die Leute bekommen Tiere für wenig Geld im Internet, holen sie ab und sind dann mit der Haltung überfordert.