Köln – „Nein, soviel ich weiß, wussten wir nichts“, „Nach meiner Erinnerung kann ich mich wohl nicht konkret erinnern“, „Und dass es mir nicht erinnerlich ist, deutet in die Richtung, dass es auch nicht stattgefunden hat“ steht in den wenigen weißen Stellen auf fast vollständig schwarz beklebten Litfaßsäulen. Die Aussagen wirken absurd, fast lachhaft. Aber sie sind real, gefallen im Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zu den Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Gefallen von hochrangigen Amtsträgern.
Nachdrucke der Protokolle aus dem NSU-Ausschuss
Dass die Zitate nun auf 25 Litfaßsäulen in Köln prangen, ist das Werk der Hamburger Künstlerin Katharina Kohl. Die Stadt hat sie eingeladen, das Motiv „Gedächtnislücke #12“ aus in ihrem Werkkomplex Personalbefragung/Innere Sicherheit im öffentlichen Raum zu präsentieren. Das Motiv der tatsächlichen oder vermeintlichen Erinnerungslücken ist zusammengesetzt aus einem großformatigen Blatt an einer Säulenseite und 40 gegenüberliegenden kleinen Blättern. Sie sind Nachdrucke geschwärzter Aktenblätter von Protokollen aus dem NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages. Seit 2012 setzt sich Katharina Kohl mit dem NSU-Terror und dessen Aufarbeitung auseinander. An den Litfaßsäulen im Stadtgebiet ist „Gedächtnislücke #12“ noch bis 31. März zu sehen.
Kein Standort in der Keupstraße
Zu Kohls Bedauern fand die Stadt als Veranstalterin der Kunstaktion keine geeignete Litfaßsäule in der Keupstraße. Der Standort wäre besonders markant gewesen, da dort der Nationalsozialistische Untergrund den Nagelbombenanschlag vom Juni 2004 verübte. In der Folge passierte das, wovon sich die Künstlerin versuchte ein Bild zu machen – die Ermittlungen richteten sich zunächst gegen die Opfer selbst. Nach zehn Jahren künstlerischer Auseinandersetzung fällt Kohls Urteil über Behörden, die für die Sicherheit aller Bürgerinnen und Bürger zuständig sind, deshalb harsch aus: „Zum einen gibt es einen behördlichen Rassismus, das heißt, dass nicht alle Menschen den gleichen Schutz erfahren. Zum anderen sind die Behörden durch hierarchische Strukturen und auch durch eine darauf aufbauende Versorgungsmentalität korrumpierbar.“
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Betrachter der Litfaßsäulen haben inzwischen Kommentare zu den „Gedächtnislücken“ hinterlassen. „Jo jo dat“, schrieb jemand ironisch ungläubig auf gut Kölsch. „But God knows everything – Aber Gott sieht alles“ jemand anderes. Und darüber freut sich die Künstlerin, der bewusst ist, dass die überwiegend schwarzen Säulen nicht unbedingt ein Blickfang sind. Nun präsentierte Katharina Kohl ihr Projekt im Atelierhaus Alteburger Wall 1. Dort zeigte sie auch Drucke der 40 Aquarellporträts von Verantwortungsträgern, die von 1994 bis 2018 an entscheidenden Stellen mit der Aufdeckung des NSU-Netzwerks befasst sein sollten.
Eine Liste aller 25 Standorte im Stadtgebiet ist im Netz zu finden. www.katharinakohl.de

