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Schmuck lag schon bereitSchwester verhindert Betrug an 94‑jähriger Kölnerin

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Irene M.

Irene M. konnte verhindern, dass ihre 94-jährige Schwester zum Opfer von Betrügern wurde.

Die Zahl der Opfer von Schock-Anrufen in Köln steigt – wir erzählen die Geschichte hinter einer Polizeimeldung.

Es dauert nur eine Sekunde, bis Irene M. versteht, was da gerade passiert. Ihre 94 Jahre alte Schwester ist am Telefon. „Du musst kommen. Ich möchte, dass du dabei bist. Die kommen jetzt den Schmuck abholen.“ Die 75-jährige Kölnerin erinnert sich genau an den Moment: „Ich habe meine Schwester sofort wie am Spieß angebrüllt: ‚Du lässt niemanden ins Haus, bis ich da bin. Ich rufe die Polizei an. Das ist Betrug.‘“

Gehört und gelesen hatte Irene M. zuvor oft von sogenannten „Schock-Anrufen“, bei denen Betrüger ihre meist betagten Opfer mithilfe einer emotionalen Geschichte um Erspartes oder Schmuck bringen wollen. Immer häufiger sind Täterinnen und Täter in Köln damit erfolgreich. Im Fall ihrer Schwester konnte Irene M. dafür sorgen, dass kein finanzieller Schaden entstand. „Ich mache ihr keinen Vorwurf“, so die 75-Jährige, „sie war in dem Moment einfach geschockt und konnte nicht mehr klar denken.“

Bekannter soll Fahrerflucht begangen haben

Noch im Nachthemd hebt ihre Schwester an diesem Freitagmittag ihr Festnetztelefon ab. Einen Tag zuvor hat sie ihren Ehemann beerdigt, mehr als 70 Jahre waren die beiden ein Paar. Tiefe Trauer liegt noch über allem. Und dann meldet sich am anderen Ende der Leitung eine weinende, ganz aufgelöste Frauenstimme. „Meine Schwester war fest davon überzeugt, dass es eine gute Bekannte von ihr ist“, erzählt Irene M. Diese Frau berichtet scheinbar unter Tränen, dass ihr Mann bei einem Unfall eine Frau überfahren habe, die nun gestorben sei. Und er habe Fahrerflucht begangen. Sie brauche 70.000 Euro, damit die Polizei ihn freilässt.

Aber nicht nur die vermeintliche Bekannte meldet sich. Kurze Zeit später ist ein angeblicher Staatsanwalt am Telefon, setzt die Angerufene unter Druck. Als die alte Dame ihm sagt, dass sie kein Bargeld im Haus hat, bittet er sie, ihren Schmuck herauszuholen. „Er wollte genaue Beschreibungen davon“, erzählt Irene M. von den Schilderungen ihrer Schwester. Der Schmuck soll umgehend bei ihr zu Hause abgeholt werden. Weil die 94-Jährige dabei nicht alleine sein will, ruft sie ihre Schwester an. Die setzt sich sofort ins Auto und ruft von unterwegs den Notruf der Polizei an. Als sie in dem Mehrfamilienhaus ankommt, in dem die 94-Jährige wohnt, sind die Beamten schon da.

34-jähriger Verdächtiger stand vor dem Haus

In der Wohnung liegt der Schmuck bereits in einer Plastiktüte gepackt auf dem Tisch. Dann ruft der Staatsanwalt wieder an. „Eine Polizistin kam mit rein und wir hörten mit. Derjenige sagte: ‚Da kommt jetzt gleich eine Frau mit blonden langen Haaren, pinkem Sweater und blauer Jacke auf einem E-Scooter und holt ihn ab.‘“ Die beschriebene Frau tauchte nicht auf, dafür bemerkten die gerufenen Streifenpolizisten aber einen Mann, der vor dem Haus telefonierte. Der 34-Jährige hatte zwei Handys dabei und keinen festen Wohnsitz in Deutschland. In der Vernehmung schwieg er jedoch zu den Vorwürfen. Aus Mangel an Beweisen konnte er nach erkennungsdienstlicher Behandlung wieder gehen.

Die Täter, sagt die Polizei, agieren oft aus dem Ausland. Aus Callcentern werden täglich unzählige Menschen angerufen. Funktioniert der Betrug, werden vor Ort Menschen mit der Abholung von Bargeld oder Schmuck beauftragt. Die beiden aktuell häufigsten Betrugsmaschen sind laut Polizei die Geschichte, bei der ein nahestehender Mensch einen Verkehrsunfall hatte, sowie ein vermeintlicher Anruf aus einem Krankenhaus: Ein Angehöriger ist in einer medizinischen Notlage und braucht ein dringendes Medikament oder eine Operation. Das Geld dafür soll zu Hause von jemandem abgeholt werden. Manchmal bestellen die Täter ihrem Opfer auch ein Taxi, das sie direkt zu einer Bank bringen soll.

Köln: So viele Schock-Anrufe gibt es

Die Zahl der Fälle, in denen sogenannte Schock- oder Enkeltrick-Anrufe für die Täter erfolgreich waren, ist in Köln seit dem vergangenen Jahr gestiegen. Bereits jetzt zählt die Polizei 2026 knapp über 30 Taten in Köln, im gesamten Jahr 2025 waren es ebensoviele. Der Schaden: knapp über eine Million Euro, in diesem Jahr liegt er bisher knapp unter einer Million Euro. Der Versuch, mit Schock-Anrufen oder dem „Enkeltrick“ zu betrügen, wurde im vergangenen Jahr knapp 200 Mal angezeigt, in diesem Jahr bereits mehr als 100 Mal. Die Dunkelziffer sei aber natürlich sehr viel höher, so die Polizei.

„Niemals fordern Polizei, Staatsanwaltschaften oder Gerichte Bürgerinnen und Bürger telefonisch zur Übergabe von Bargeld oder Wertgegenständen auf“, warnt die Behörde. Die Polizei rät, bei solchen Anrufen sofort aufzulegen und sich direkt bei den vermeintlich Betroffenen zu melden.

Auch die 94-jährige Kölnerin rief schließlich ihren Bekannten an, der angeblich die Frau totgefahren haben und festgenommen sein sollte. „Sie fragte ihn: ‚Wo bist du?‘ Er sagte: ‚Auf der Arbeit, wo soll ich sonst sein?‘ Da hat sie dann auch verstanden, dass das Betrüger waren“, erzählt ihre 75‑jährige Schwester. Den Zeitpunkt des Schock-Anrufes – einen Tag nach der Beerdigung ihres Schwagers – hält Irene M. für keinen Zufall. „Das war bestimmt so geplant.“ Ohne den Anruf ihrer Schwester bei ihr, wäre der Schmuck weg gewesen, ist Irene M. sich sicher. Das wäre nicht nur ein finanzieller Schaden, sondern vor allem auch ein emotionaler gewesen.

Besonders perfide: Am Tag nach dem Vorfall klingelt bei der 94-Jährigen erneut das Telefon. Am Apparat sei das Betrugsdezernat, sagt ein Mann. „Dieses Mal hat meine Schwester nach der Telefonnummer gefragt. Dann wurde sofort aufgelegt“, sagt Irene M. Die Bekannten der 94-Jährigen haben ihr nun einen großen Zettel ans Telefon geklebt: „Keine Auskunft am Telefon geben“ steht darauf.