Schuldezernent Robert Voigtsberger berichtet, wie fehlende Räume, der Sanierungsstau und der Sparzwang die Schulen unter Druck setzen.
Schulstart in KölnDiese schwierigen Aufgaben hatte Köln zum Schulstart zu lösen

Schuldezernent Robert Voigtsberger im Gespräch mit der Redaktion.
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Für Köln wurde der Schulstart am Mittwoch zum Kraftakt. Rund 9000 Kinder wurden an 145 Grundschulen sowie 13 Privat- und Ersatzschulen eingeschult, zugleich musste die Stadt wegen der Rückkehr zu G9 Platz für rund 3150 zusätzliche Schülerinnen und Schüler an Gymnasien schaffen. Und als wäre das nicht Herausforderung genug, sollte für jede der Erstklässlerinnen und Erstklässler auch ein Platz im Offenen Ganztag bereitstehen. Drei große Aufgaben auf einmal – der Kölner Schuldezernent Robert Voigtsberger sagte im Gespräch mit der Redaktion, deshalb starte nun für ihn ein „ganz besonderes Schuljahr“.
Vor allem der Offene Ganztag wurde in den vergangenen Monaten zu einer Herkulesaufgabe für die Stadt. Mit dem Ganztagsförderungsgesetz hatte der Bund 2021 beschlossen, stufenweise den Anspruch auf eine ganztägige Förderung für Kinder in Grundschulen im Jahr 2026 einzuführen. Er gilt zunächst für die erste Klasse und wird bis zum Schuljahr 2029/30 jährlich um je eine Klassenstufe ausgeweitet, sodass dann alle Grundschulkinder einen Platz erhalten sollen. Offenbar hat die Stadt ihre Hausaufgaben gemacht. „Jedes Kind in dieser Stadt wird einen OGS-Platz erhalten“, sagt Voigtsberger.
Stadt stellt 91 Prozent der Kölner Grundschüler OGS-Platz
Binnen der vergangenen zwölf Monate habe die Kommune ihr Angebot von 34.500 auf 36.000 Plätze ausgeweitet, so der Dezernent. Damit würden 91 Prozent der Kölner Schülerinnen und Schüler ein OGS-Platz zur Verfügung stehen. Ein guter Wert, wie Voigtsberger findet, denn landesweit betrage die Quote nur 68 Prozent. Allerdings stellten die fehlenden Räume in den Schulen, insbesondere für die Küchen und Mensen, in denen Mittagsmahlzeiten zubereitet werden, die Stadt vor Probleme. So werde in diesem Schuljahr auch nicht in allen Schulen gekocht werden können, erläutert Voigtsberger. Mitunter müsse das Essen angeliefert werden oder die Schülerinnen und Schüler in außerschulische Räume – etwa von Vereinen oder Pfarreien – ausweichen.
Das Land NRW kritisierte Voigtsberger dafür, dass es die Kommunen nicht auskömmlich finanziere. So steuere die Stadt Köln für den OGS-Ausbau zu den gesetzlich vorgeschriebenen 20 Millionen Euro weitere 40 Millionen Euro bei. Da aber Bund und Land die Städte und Gemeinde die Aufgabe aufgebürdet hätten, müsste das Land als Ansprechpartner der Kommunen auch die Kosten übernehmen. Daher hat die Stadt Köln mit 14 weiteren Kommunen eine Klage gegen das Land NRW angestrengt, die derzeit vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf verhandelt wird.
Rückkehr zu G9 an Kölner Gymnasien
Die Schulen auf die Rückkehr zu G9 vorzubereiten, ist eine Aufgabe, die das Schuldezernat mit den Schulleitern seit sechs Jahren beschäftigt. 2019/2020 entschied das Land NRW zum neunjährigen Gymnasium zurückzukehren, deshalb der Name G9. Das bedeutet, dass dieses Schuljahr 3.150 Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien verbleiben anstatt einen Abschluss gemacht zu haben, während trotzdem ein neuer Fünfer-Jahrgang nachrückt.
„2020 hat die Herausforderung richtig Dynamik aufgenommen“, sagte Voigtsberger über den Druck, weitere Schulplätze zu schaffen. Denn zum Entscheid zur G9-Rückkehr kamen zwei weitere Faktoren hinzu: „In Köln wurden lange insbesondere Mehrklassen gebildet, um zusätzliche Schülerinnen und Schüler unterzubringen. Bis zu 140 in der ganzen Stadt.“ Diese eher kurzfristig gedachte Maßnahme, um mehr Schüler aufzunehmen, war auf die Spitze getrieben und nicht mehr mit den vorhandenen Räumen fortführbar. Und gleichzeitig stiegen die Schülerzahlen in Köln sehr stark an.
Die Stadt hat also an den 37 Kölner Gymnasien erhoben, an welchen mit Containern, mit zusätzlichen Räumen oder mit angemieteten externen Räumlichkeiten ausgebaut werden muss: An 13 Schulen war das nötig und ist nun an acht davon abgeschlossen. An fünf baut die Stadt derzeit noch weiter aus. Darunter etwa am Genoveva-Gymnasium und am Rheingymnasium, wo in den nächsten zwei Jahren noch Modulbauten folgen. Solange sind Büroräume in der Nähe angemietet.
Hauptschulen bei Eltern unbeliebter
Voigtsberger kündigte außerdem an, dass die Stadt mittel- und langfristig weniger Hauptschulen benötigen werde, da die Eltern für ihre Kinder vor allem Plätze an Gymnasien und Gesamtschulen wünschten. Knapp 80 Prozent der Eltern und Kinder hätten sich in diesem Jahr für Gymnasien und Gesamtschulen entschieden. Tatsächlich gab es für dieses Schuljahr 3264 Anmeldungen an den Gesamtschulen und 4262 Anmeldungen an Gymnasien. Dagegen wurden die Kölner Hauptschulen gerade einmal 251-mal nachgefragt – mehr als 600 Plätze blieben frei.
Insgesamt wechseln 9099 Schülerinnen und Schüler zum neuen Schuljahr auf eine der 86 weiterführenden Schulen in städtischer Trägerschaft, teilte die Stadt mit. Davon besuchen 2726 eine Gesamtschule, 3978 ein Gymnasium, 1340 eine Realschule und 251 eine Hauptschule. Zudem haben 804 Schülerinnen und Schüler einen Platz an einer der 13 freien oder kirchlichen Schulen erhalten.
„Die Menschen stimmen mit den Füßen ab. Wir werden mittel- und langfristig darüber sprechen müssen, einzelne Hauptschulstandort zu schließen“, sagt Voigtsberger. Man müsse nun mit allen Beteiligten sprechen, um proaktiv zu handeln. Sonst liefe die Stadt Gefahr, dass Hauptschulen schließen müssten, weil sie nicht mehr die gesetzlich erforderlichen Anmeldezahlen vorweisen könnten. Denn ab einer gewissen Zahl sei es nicht mehr möglich, Klassen zu bilden. Allerdings stellte der Schuldezernent auch klar: „Wir werden in dieser Stadt weiterhin Hauptschulen benötigen.“ Unter anderem, weil auch Schülerinnen und Schüler aus anderen Schulformen nach der fünften Klasse an Hauptschulen wechselten.
Schulbau trotz Sparzwang in Köln
Beim Schulbau will die Stadt wegen der klammen Haushaltskassen auf die Bremse treten. „Es wird die eine oder andere Schulbaumaßnahme geben, die wir nicht mehr durchführen.“ Auch Stadtkämmerin Dörte Diemert hatte sich vor den Schulferien in ähnlicher Weise geäußert. Möglicherweise, so Voigtsberger, komme der Stadt entgegen, dass die Schülerzahlen mittelfristig wieder zurückgingen. „Mancher Schulbau wird dann nicht mehr benötigt.“ Eigentlich hatte die Stadt bis 2029 zwei Milliarden Euro in den Schulbau investieren wollen. Wie viel nun gespart werden muss und welche Projekte betroffen sein werden, ließ Voigtsberger aber offen. Immerhin sind laufende Projekte offenbar nicht betroffen: „Alles, was wir begonnen haben, führen wir auch durch.“
Die Stadt werde auch künftig viel Geld in den Schulbau investieren müssen. „Wir werden viele Maßnahmen auf den Weg bringen“, da zahlreiche Kölner Schulen in einem sanierungsbedürftigen Zustand seien, sagte Voigtsberger. „Aber wir werden uns gemeinsam mit der Kölner Politik über die Prioritätensetzungen unterhalten müssen.“ Die Stadt hatte in diesem Jahr den Investitionsstau an den Kölner Schulen auf einen hohen dreistelligen Millionen-Betrag beziffert.
