Unsere Serie nimmt Plätze in Köln in den Fokus. Wir erklären ihre Geschichte und sprechen mit Menschen, die dort leben und arbeiten.
Serie „Kölner Plätze“Der Chlodwigplatz – eine Legende mit kleinen Makeln

Der Chlodwigplatz mit der Severinstorburg
Copyright: Arton Krasniqi
Wohl bei kaum einem anderen Kölner Platz gibt es eine so große Spannbreite von Empfindungen: Der Chlodwigplatz ist legendär. Für große Konzerte wie „Arsch Huh“ 1992, für bewegende Demonstrationen, für den Karneval. An der schönen Severinstorburg versammeln sich die Teilnehmer des Rosenmontagszugs, spielen Jan und Griet jedes Jahr ihre Geschichte. Hier sieht man schon mal kölsche Promis – denn die wohnen besonders gern in der Südstadt. Ja, und jeder kennt die Geschichte von Wolfgang Niedecken, dessen Vater ein Feinkostgeschäft an der Torburg hatte. Niedecken bezeichnete den Platz immer als „seinen Nabel der Welt“ und hat ihn oft besungen. Die Bläck Fööss hatten einst ihren Proberaum in der Ringschänke nahe dem Platz, hier entstand unter anderem „Mer losse d’r Dom en Kölle“ – übrigens keine Tümelei, sondern ein Protest gegen die 1973 vom Rat beschlossene Sanierung des Veedels. In der Südstadt war der Protest schon immer zuhause.
Severinstorburg mit Weingarten
Die Severinstorburg, die mit ihren Zinnen und Türmchen ein bisschen aussieht wie eine kleine Ritterburg, bringt Idylle in die Szene. Und an dem alten Gemäuer wurde sogar ein kleiner Weingarten angelegt. Ein paar Quadratmeter Rheinromantik ohne Rhein. Nicht zuletzt zu Karneval haben auch viele junge Leute den Platz entdeckt. Schon kamen die esten Befürchtungen auf, hier am „Clodi“ könnte ein zweiter „Zülpi“ entstehen. „Chlodwigplatz“ – das klingt nach Veedel, Szene und Heimeligkeit. Doch an einem ganz normalen Wochentag ohne Jecke, ohne Markt und ohne Feier, sieht der Platz doch manchmal recht trostlos aus. Dann wird sichtbar, dass es hier außer der Torburg und dem unter Denkmalschutz stehenden „Früh em Veedel“ kaum noch Liebliches mehr gibt. 50er-Jahre-Fassaden prägen das Bild. Und es gibt sogar immer noch eine eingeschossige Baulücke.
Bläck Fööss besangen das „Roxy“-Kino
Dort, wo heute ein großer Drogeriemarkt ist, befand sich früher das ebenfalls von den Fööss besungene „Roxy“-Kino: „Wenn et Leech usjing em Roxy.“ Es bestand von 1953 bis 1975, Eröffnungsfilm war „Vom Winde verweht“. Heute fahren riesige Gelenkbusse auf der asphaltierten Fahrbahn vor den Gebäuden hin und her – der ursprüngliche, gefälligere Plattenuntergrund musste entfernt werden, weil er das Gewicht der Fahrzeuge nicht trug. Radfahrer flitzen mitten über den Platz, Lieferfahrzeuge parken. Einige Lokale bemühen sich, mit Außengastronomie etwas Flair auf den Platz zu bringen. Und die tapferen Kölner nehmen auch gerne die Tische und Stühle vom „Merzenich“ am Rand an, obwohl man hier eigentlich mitten im Fußgängerfluss sitzt.
Beschwerden wegen Trinkern und Obdachlosen
Es ist ein großer Kontrast zum fast südländisch-fröhlichen Ambiente etwas in der Merowingerstraße und der Alteburger Straße. Die sind nicht weit entfernt, erscheinen aber wie aus einer anderen Welt. Auf den runden Bänken unter den Platanen verweilen zwar augenscheinlich einige Anwohner kurz im Plausch. Allerdings verbringen hier auch viele Menschen mit Alkoholkonsum ihre Zeit. Dies veranlasste zum Beispiel einen Bürger, sich im Portal der Stadt zu beschweren: „Am Chlodwigplatz sind fünf große runde Bänke, welche insbesondere große Gruppen (wie die Starktrinker) dazu einladen, es sich gemütlich zu machen und den Müll ihrer Party einfach an den Bänken oder den Bäumen abzulagern. Die AWB muss täglich mindestens zweimal den Platz reinigen und das zahlen am Ende die Steuerzahler.“ So schön die Stirnseite des Platzes mit der Torburg ist, zur anderen Seite ist er komplett vom Verkehr eingeschlossen. Auf dem Ring herrscht immer dichter Verkehr, die große Bonner Straße und die Merowingerstraße zweigen ab. Auf dem Ring rattern neben den Autos die Straßenbahnen der Linie 15 und 16. Auch eine U-Bahnstation hat der Platz seit einiger Zeit. Der Abgang ragt ein wenig unmotiviert aus dem Boden. Die Haltestelle ist wohl die einsamste der Stadt. Nach Angaben der KVB ist es die am wenigsten genutzte Linie Kölns.
Die einsamste U-Bahn-Station Kölns
Hier fährt nur die Linie 17, die nach dem Archiveinsturz irgendwie etwas Tragisches hat. Mit ihr kann man nicht in die City kommen, sie endet schon an der Severinstraße und in der anderen Richtung in Rodenkirchen. Der Abschnitt ist ein kleiner Teil der Nord-Süd-Stadtbahn, die später einmal den Hauptbahnhof und den Bonner Verteilerkreis verbinden soll. Das wird allerdings erst möglich sein, wenn die beim Einsturz des Stadtarchivs im März 2009 entstandenen Schäden am Waidmarkt endlich behoben sind. Im März kündigte die KVB an, dass die U-Bahn bis zum Jahreswechsel 2031/2032 vom Hauptbahnhof aus durchgängig bis zum Chlodwigplatz fahren könne. Bis dahin wird die U-Bahn-Station oft von ungebetenen Besuchern genutzt: Die Crack-Szene hat sie sich ausgesucht, um hier in Ruhe zu rauchen. Regelmäßig reagieren die Sensoren der Feuermeldeanlagen.
Der Chlodwigplatz muss sich also behaupten zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Herzensangelegenheit und Verkehrsknotenpunkt mit all den bekannten urbanen Problemen, mit denen auch wesentlich hässlichere Plätze zu kämpfen haben. Zu großer Form – so schwärmen die Platzkenner – läuft er vor allem dann auf, wenn er belebt ist. Seit neuestem gibt es den Feierabendmarkt „Müffele un Süffele op kölsch“, das nächste Mal am 18. September.
Leseraufruf zur Serie
Unsere Serie „Kölner Plätze“ rückt einmal im Monat einen Ort in Köln in den Fokus. Wir erklären, wieso der Platz heute so aussieht, wie er aussieht. Wir sprechen mit den Menschen, die dort wohnen und arbeiten. Daraus entsteht eine To-do-Liste: Die Menschen, die an dem Platz leben, können nicht nur am besten beschreiben, was ihn zu einem essenziellen Teil Kölns macht. Sie sehen auch jeden Tag, wo es Verbesserungsbedarf gibt.
Reden auch Sie mit uns über den Chlodwigplatz: Wie erleben Sie ihn? Was hält Sie hier? Was fehlt? Ergänzen Sie die Aufgabenliste! Vielleicht haben Sie eine besondere Geschichte zu erzählen, die Sie mit dem Chlodwigplatz verbindet. Oder haben Sie besonders schöne, auch bezeichnende oder historische Fotos des Platzes? Dann senden Sie eine Mail an ksta-koeln@kstamedien.de.