Louis Theuer hat ein Logistik-Studium abgeschlossen und ein Praxissemester bei Mercedes absolviert. Jetzt lernt der 25-Jährige Tischler – gegen die Erwartungen seines Umfelds und gegen seine eigenen Zweifel.
Junges HandwerkErst Bachelor, dann Hobelbank – Louis (25) lernt Tischler
Das Bücherregal, das an diesem Morgen in der Werkstatt steht, reicht Louis Theuer bis über den Kopf. Es ist für das Arbeitszimmer eines renommierten Professors bestimmt, und es ist so groß, dass es in Teilen zum Kunden transportiert und dort zusammengesetzt werden muss. Louis schleift eine Kante, prüft sie mit dem Daumen, schleift noch einmal. Zwischen Holzplatten und halbfertigen Entwürfen bewegt er sich wie selbstverständlich, ohne Berührungsängste bedient er die großen Maschinen, das Werkzeug liegt ihm locker in der Hand. Wer ihn so sieht, würde nie daran zweifeln, dass er in diese Werkstatt gehört.
Vor gut einem Jahr saß er noch im Hörsaal.
Junges Handwerk – eine Serie
Wir haben mit jungen Kölnerinnen und Kölnern gesprochen, die sich für den Weg ins Handwerk entschieden haben. Sie lernen traditionelle Techniken und entwickeln zugleich ihre eigenen Vorstellungen davon, was Handwerk heute sein kann. Ihre Geschichten zeigen, wie vielfältig das Handwerk ist – und weshalb eine zunehmend digitale Welt Menschen braucht, die herstellen, reparieren und erhalten können.
Die erste Bohrmaschine gab es zum Geburtstag
So lange Louis sich erinnern kann, hat er gebaut, gebastelt und gewerkelt. Jeder Geburtstagswunsch: noch ein Werkzeug für seine wachsende Sammlung. Die erste eigene Bohrmaschine war so ein Geschenk, und sie war nur der Anfang einer Ausrüstung, die über die Jahre immer vollständiger wurde. Und doch kam nach dem Abitur im Jahr 2020 eine handwerkliche Ausbildung nie infrage. In seinem Umfeld war das keine Option, die ernst genommen wurde.
Erst nach drei Jahren Studium entschied er sich dafür. Auf Verständnis stieß das nicht überall, und einige Sorgen sind geblieben.

Während seine Freunde sich im Hörsaal plagen, schleift und sägt er, lackiert und montiert.
Copyright: Lisa Haarmann
Louis' Alltag in der Werkstatt ist heute abwechslungsreich. Während seine Freunde sich im Hörsaal plagen, schleift und sägt er, lackiert und montiert. In den „Kölner Möbelwerkstätten“, wo er seine Ausbildung in diesem Jahr begonnen hat, fühlt er sich sichtlich wohl. Doch so klar war das nicht immer.
Abitur, Bachelor, Master – der Weg, der vorgezeichnet schien
Abitur, Bachelor, Master und dann eine steile Karriere: Diese Laufbahn schien für Louis vorbestimmt. Nicht unbedingt durch die eigenen Erwartungen, sondern durch Familie und Umfeld. Also begann er ein Elektrotechnik-Studium, schloss danach ein Logistik-Studium ab und absolvierte ein erfolgreiches Praxissemester bei Mercedes. Das alles hat ihm Spaß gemacht, das alles konnte er gut – glücklich machte es ihn nicht.
„Es war immer ein bisschen wie Schule: Ich mache es halt, weil ich es grad mache, nicht weil ich hingehen muss, aber irgendwie schon“, erzählt Louis, der sich seinem Studium verpflichtet fühlte. „Bei meinem Praxissemester kamen mir dann die ersten Zweifel: Ist es das? Im Büro rumsitzen, sich Dinge ausdenken, die dann eh nicht umgesetzt werden? Dass nichts wirklich passiert, obwohl man die ganze Zeit irgendwas macht. Oder überhaupt nicht mitzukriegen, was gerade passiert.“
Der Weg zurück zum Werkzeug
Aber was möchte er wirklich machen, was kann er? Eine Frage, die sich viele junge Menschen stellen und auf die wenige eine gute Antwort finden. „So bin ich eigentlich erst wieder zu mir zurückgekommen“, erzählt Louis schmunzelnd. „Als Kind habe ich immer irgendwas gebaut, habe geschraubt, Modelle gebaut und gebastelt.“ Auch während des Studiums ließ dieses Interesse nie nach; Louis' YouTube-Verlauf ist voll mit handwerklichem Content.

Louis hat Maschinen und Werkzeug schon immer geliebt: Den Gabelstapler-Führerschein hat er letztes Jahr gemacht.
Copyright: Lisa Haarmann
Doch jetzt wurde das, was immer nur Hobby gewesen war, zu einer greifbaren Option für seine Zukunft. Eine Entscheidung musste her: dem alten Weg folgen, der so vorbestimmt schien? Oder den Sprung wagen, jetzt, solange es noch nicht „zu spät“ ist?
Die Rechnung mit dem Geld
Er wagte den Sprung. Nach langer Überlegung und geplagt von Sorgen. „Lange war das Thema Geld ein Knackpunkt für mich“, erzählt Louis. Natürlich könne man von dem Beruf leben, betont er, „aber kann man seinen Lebensstandard so kreieren, wie man es will?“
Es war auch der Vergleich, der ihn zögern ließ: „Wenn ich jetzt mit meinem Bachelor anfange zu arbeiten oder in drei Jahren als Geselle – da geht die Schere in den meisten Fällen schon sehr auseinander. Und ich steige nochmal deutlich später ins Berufsleben ein.“ Ein Master hätte ihn maximal zwei weitere Jahre gekostet; bis er seinen Meisterbrief in den Händen hält, werden es wohl mindestens fünf sein.
Nicht nur das Einstiegsgehalt bereitete ihm Sorge, sondern auch der Unterhalt während der Ausbildung. „Das Azubi-Gehalt ist nicht sonderlich hoch, als Werkstudent verdiene ich deutlich mehr.“ Würde er sich über Wasser halten können, drei Jahre lang, bis zum Gesellenbrief?
Was der Staat zahlt und was nicht
Genau wie für Studierende gibt es auch für Auszubildende finanzielle Unterstützung. Ulrike Pütz, Leiterin der Karrierewerkstatt der Handwerkskammer zu Köln, erklärt: Ähnlich wie beim BAföG können Azubis Geld vom Staat bekommen, die Berufsausbildungsbeihilfe. Dazu kommen Wohngeld, Mobilitätszuschüsse und Vermittlungsbudgets. „In Deutschland ist es nicht vorgesehen, dass der Staat die Ausbildung übernimmt, da sind die Eltern gefragt“, betont Pütz. Gerade wenn jemand älter sei, werde das oft zum Problem.
Andererseits: „Im Studium verdient man meist gar nichts. Viele müssen arbeiten gehen.“ Mit der Mindestausbildungsvergütung komme man immerhin meist über die Runden, auch wenn man „keine großen Sprünge machen kann“.
Louis hat für sich gerechnet und es darauf ankommen lassen.
Warum Eltern noch immer lieber ein Studium sehen
Pütz bestätigt auch Louis' Erfahrung, dass eine Ausbildung für viele Eltern weiterhin keine beliebte Option ist: „Früher sind wir mit unserer Berufsorientierung gar nicht an Gymnasien gekommen, um Werbung zu machen. Es galt dort als klar und war auch der Wunsch der meisten Eltern, dass ihre Kinder studieren.“ In vielen Akademikerfamilien seien Handwerksberufe gar nicht bekannt. „Das Handwerk wurde als unattraktiv eingeschätzt. Die üblichen Vorurteile lauteten: Die Verdienstchancen und die Arbeitsbedingungen sind schlechter.“
„Wichtig ist auch die soziale Anerkennung für das, was ich tue, und auch, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen,“ so beschreibt Pütz die Gedanken der jungen Menschen, mit denen sie täglich in der Karrierewerkstatt zu tun hat. Dabei habe eine Ausbildung heute oft gleiche, wenn nicht bessere Chancen für den Berufseinstieg: „Bei einer kaufmännischen Ausbildung haben Sie drei Jahre Berufserfahrung, wenn Sie den Beruf starten.“ Diese Erfahrung fehle dem durchschnittlichen BWL-Studenten.
Doch die Zurückhaltung gegenüber Ausbildungsberufen ändere sich: „Viel mehr Leute verstehen jetzt, dass es eine gute Alternative zum Studium sein kann.“ Und die jungen Menschen hätten mehr Mut, ihren eigenen Weg zu finden, unabhängig von den Erwartungen ihres Umfelds. „Dieser Wunsch ist bei vielen wieder da: Was macht mir Spaß? Was kann ich gut? Und was ist mein Weg?“
„Du wirst es nie wissen, außer du probierst es aus“
Auch bei Louis war es so. „Am Ende des Tages kannst du so viel überlegen, wie du willst“, sagt er über die Zweifel, die ihn so lange von der Ausbildung abhielten. „Aber du wirst es halt nie wissen, außer du probierst es aus. Und wenn ich es jetzt nicht mache, mache ich es mit 40 Jahren sicher nicht mehr und würde es vielleicht bereuen.“

Viele Werkzeuge und Handgriffe kannte Louis schon von seinen eigenen Projekten, aber „die Übung ist der viel größere Teil“, betont er.
Copyright: Lisa Haarmann
Im ersten Jahr seiner Ausbildung ist er viel auf Montage: Er baut die Möbel, die in der Werkstatt gefertigt werden, bei den Kunden ein. Viele Werkzeuge und Handgriffe kannte Louis schon von seinen eigenen Projekten, aber „die Übung ist der viel größere Teil“, betont er. „Erfahrungen zu sammeln ist das Wichtigste, auch mal etwas zu verkacken und daraus seine Schlüsse zu ziehen.“ Mit seinen Kollegen versteht er sich gut, die Arbeit macht ihm Spaß.
Auch mit dem neuen Rhythmus kommt er zurecht: „Natürlich ist es etwas anderes als drei Vorlesungen am Tag und dazwischen im Café chillen. Du arbeitest halt von morgens bis abends durch, aber das pendelt sich ein, und man gewöhnt sich dran.“ Viel hängt von der eigenen Initiative ab: Im Betrieb müsse man sich einbringen, um wirklich etwas zu lernen. Anspruchsvoll ist auch die Berufsschule, die jeden Donnerstag und Freitag stattfindet. Neben den allgemeinen Fächern lernt er dort, mit Massivholz umzugehen, eine Fertigkeit, die zu Louis' Bedauern in normalen Betrieben kaum noch gebraucht wird.
Ein Notizbuch voller Pläne
Ob Studium oder Ausbildung – Ambitionen hat Louis in jedem Fall. Schon jetzt führt er ein Notizbuch, in dem er genau plant, wie er später eine eigene Werkstatt führen will. Nach dem Meister, der noch einmal zwei Jahre dauert, könnte er diesen Traum verwirklichen. Tischler ist ein vielseitiger Beruf: Von Fenstern und Türen bis zu Möbeln ist vieles möglich. Auch auf Designerstücke könnte er sich spezialisieren, die ganz ohne Kundenauftrag entstehen. Genau das ist sein Ziel: „Ich könnte mir gut vorstellen, meine eigenen Möbel zu entwerfen und anzubieten.“

Schon jetzt führt Louis ein Notizbuch, in dem er genau plant, wie er später eine eigene Werkstatt führen will.
Copyright: Lisa Haarmann
Wie das dann aussehen wird, muss er jetzt noch nicht wissen. „Ich habe jetzt mal das ganze Thema Geld außen vor gelassen. Ich denke, das wird schon. Wenn du dir etwas vornimmst, dann wird es auch funktionieren.“ Den Schritt, noch einmal einen neuen Weg einzuschlagen, hat er gewagt. Viele trauen sich das nicht.
