Neue Geschichten aus Kölns romanischen Kirchen erzählt das aktuelle Jahrbuch des Fördervereins.
Romanische Kirchen in KölnWas es mit der kleinen Meerjungfrau aus St. Severin auf sich hat

Kunsthistoriker Adam Stead vor den mittelalterlichen Wandmalereien in der Taufkapelle von St. Kunibert.
Copyright: Martina Goyert
Was hat eine kleine Meerjungfrau in einer mehr als 1000 Jahre alten Kirche zu suchen? Dieser und anderen spannenden Fragen widmet sich das aktuelle Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln, dessen Einband ein Bild der kleinen Nixe ziert. Sie wurde vor rund 900 Jahren als Relief in eine Kalksteinplatte gemeißelt, war einst in St. Severin in der Südstadt zu Hause und wird heute im Museum Schnütgen aufbewahrt. Autorin Andrea Dauber trägt viel Erhellendes über das ebenso ungewöhnliche wie faszinierende Motiv zusammen.
Demnach steht die heidnische Sagengestalt – halb Frau, halb Fisch – in der Tradition der Sirenen aus Homers Odyssee, die Verführung, Grenzüberschreitung und tödliche Gefahr verkörpern. Im Mittelalter wird die Meerjungfrau zunehmend als Verkörperung der Wollust interpretiert. Dass dieses Mischwesen in romanischen Kirchen in Italien, Frankreich und Spanien häufig als Bildmotiv vorkommt, sei nicht zufällig, „sondern Ausdruck einer bewussten Bildstrategie“, so Dauber.
Meerjungfrau und Kentaur als Symbole des Lasters
In diesem Zusammenhang verweist sie auf eine zweite Steintafel aus St. Severin, die einen bogenschießenden Kentauren mit zwei Vögeln zeigt und sich ebenfalls im Museum Schnütgen befindet. Bei diesem Mischwesen aus Mensch und Pferd mit vier Beinen handelt es sich um das männliche Gegenstück zum „Meerweibchen“. Beide hybriden Kreaturen dienten laut Daubner im christlichen Kontext als Symbole der Lasterhaftigkeit und mahnten die Gläubigen, den Pfad der Tugend nicht zu verlassen.
Der Frage, warum sechs romanische Kirchen in Köln den Titel „Basilica minor“ tragen dürfen und was damit verbunden ist, widmet sich der Jurist Hans-Otto Brinkkötter. Der aus dem Griechischen stammende Begriff bezeichnete ursprünglich große Prachtgebäude und wurde später auf Sakralbauten übertragen. Seit 1727 tragen vier Kirchen in Rom und zwei in Assisi den päpstlichen Ehrentitel „Basilica maior“, 1783 wurde der Titel „Basilica minor“ eingeführt.
In Köln erhielten 1920 als erste die Kirchen der Stadtpatrone St. Gereon und St. Ursula diesen Titel. Ab 1953 folgten St. Severin, St. Maria im Kapitol, St. Aposteln und zuletzt 1998 St. Kunibert. Der Titel „Basilica minor“ berechtigt diese Kirchen, das Papstwappen mit den gekreuzten Schlüsseln zu führen. Außerdem genießt der verantwortliche Pfarrer – in Köln ist dies Dominik Meiering – das persönliche Privileg, bei der Ausübung seines Amtes eine sogenannte Mozzetta zu tragen – einen Schulterumhang aus schwarzer Seide mit roten Knöpfen.
Taufkapelle in St. Kunibert diente Präsentation einer Kreuzreliquie
Der Kunsthistoriker Adam Stead widmet sich in seinem Beitrag der sogenannten Taufkapelle in St. Kunibert. Sie wurde um 1260-1270 in einer Wandnische unweit des Altars errichtet. Ihre frühgotischen Formen wurden in den 1247 fertiggestellten spätromanischen Bau eingefügt. Damit stellt sie eine unmittelbare Rezeption der benachbarten Baustelle des Kölner Doms dar. 1248 hatten die Bauarbeiten an der gotischen Kathedrale begonnen; ihre Formensprache strahlte rasch auf St. Kunibert aus.

Relief mit Meerjungfrau (Sirene) aus St. Severin, um 1100. Köln, Museum Schnütgen. Aus dem Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln.
Copyright: Stephan Kube/SQB
Bemerkenswert ist die Kapelle nicht allein deshalb, weil sie die Architektur des Domchors aufgreift, sondern insbesondere wegen ihrer hochkarätigen mittelalterlichen Wandmalereien, die 1840 wiederentdeckt wurden. An der Stirnwand der Kapelle ist eine Kreuzigungsszene zu sehen, die durch ihre gefühlvolle Darstellung berührt. Maria und Johannes der Täufer stehen neben Jesus am Kreuz. Ihre Gesichter sind von Schmerz erfüllt, Maria wischt sich mit einem Zipfel ihres Gewands eine Träne aus dem Gesicht. Dargestellt sind sie im sogenannten Zackenstil, der sich durch besonders scharfkantige, „stachelige“ Gewandfalten auszeichnet.
Wie Adam Stead in seinem Beitrag darlegt, wurde die kleine Kapelle nachweislich erst ab dem 19. Jahrhundert für Taufen genutzt. Zuvor diente sie wahrscheinlich der Präsentation einer Kreuzreliquie, also eines Fragments des Holzkreuzes, an dem Christus starb. Das legen die seitlichen Wandmalereien nahe. Sie sind zwar nur zu einem geringen Teil erhalten. Doch aus vergleichbaren Motiven, etwa im Braunschweiger Dom, lässt sich ableiten, dass es sich um vier Szenen aus der Legende des Heiligen Kreuzes handelt.
Vierteiliger Bildzyklus erzählt die Geschichte des Heiligen Kreuzes
Dargestellt wird laut Stead zunächst, wie die heilige Helena, Mutter des römischen Kaisers Konstantin, in Jerusalem die Juden nach dem Verbleib des Kreuzes Christi befragt und dieses später tatsächlich findet. Ein weiteres Bild zeigt die Identifizierung des wahren Kreuzes. Da man drei davon ausgegraben hatte, musste geklärt werden, an welchem von ihnen der Heiland gekreuzigt worden war. Der Legende nach erweckte das Holz des Christus-Kreuzes einen Toten zum Leben. Auf dem vierten Bild ist der Einzug des byzantinischen Kaisers Heraklius in Jerusalem dargestellt. Er hatte das von den Persern geraubte Kreuz zurückerobert und nach Jerusalem zurückgebracht.

Die Taufkapelle in St. Kunibert in der Gesamtansicht.
Copyright: Martina Goyert
Vor der Kreuzigungsszene ist eine Konsole an der Wand angebracht. Sie enthält eine Aussparung, die vermutlich der Aufnahme der Kreuzreliquie diente. „Das heißt, man hat die komplette Geschichte der Reliquie im Bild und die Reliquie selbst in der Kapelle vor sich und kann sie vor Ort verehren. Das ist eine runde Geschichte“, betont Stead. Daran zeige sich wieder einmal, „dass die romanischen Kirchen immer wieder neue spannende Themen hergeben“.
Dem pflichtet auch die frühere Oberbürgermeisterin Henriette Reker bei, die den Förderverein seit November 2025 als Vorsitzende leitet: „Wir wollen den Kölnerinnen und Kölnern vor Augen führen, was für einen besonderen Schatz sie mit den romanischen Kirchen in ihrer Stadt haben. Dafür leistet das Jahrbuch einen wichtigen Beitrag.“
Colonia Romanica XXXX. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln. Emons Verlag. 128 Seiten. 22,00 Euro.