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Zum 100. GeburtstagOtfried Preußler und seine kleinen, besonderen Helden

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Otfried Preußlersteht vor grünen Bäumen und zeiht den Hut.

Der Kinderbuchautor Otfried Preußler wäre am Freitag 100 Jahre alt geworden. W. Heider-Sawall

Am Freitag wäre der Autor 100 Jahre alt geworden. Eine gute Gelegenheit, auf sein ganz besonderesVermächtnis zu blicken – vom kleinen Gespenst bis Krabat.

Es gibt Suppe aus Wasserlinsen, gebratene Fischeier in gerösteten Algen und zum Schluss eine ganze Schüssel gedünsteten Froschlaich mit eingesalzenen Wasserflöhen. Die ganze Verwandtschaft ist zur Feier des frischgeborenen kleinen Wassermanns auf dem Grund des Mühlenteichs eingeladen. „Ja, ja, es war eben nicht wie bei armen Leuten“, erklärt Otfried Preußler (1923-2013) in seinem ersten Kinderbuch „Der kleine Wassermann“ (1956).

Zu feiern gäbe es nun wieder etwas, denn am Freitag wäre der Autor 100 Jahre alt geworden. Es dürfte wohl auch ein bisschen seine eigene Kindheit in seine Geschichten eingeflossen sein. Geboren im nordböhmischen Reichenberg (heute Liberec in Tschechien) erzählte ihm vorweg seine Großmutter Dora aus einer reichen Sagenwelt, die er in seinen Büchern später aufgriff. Der Vater engagierte sich im Heimatmuseum, wobei ihn der kleine Otfried tatkräftig unterstützte.

Preußler war fünf Jahre Kriegsgefangener

Seinen Wunsch, einmal Geschichtsprofessor zu werden, konnte sich Preußler jedoch nicht erfüllen. Die Geschichte selbst regierte in sein Leben hinein: Im Krieg blieb er zwar unverletzt, litt in der fünfjährigen Gefangenschaft in sowjetischen Lagern im Ural aber Mangel. Mit Gedichten, Erzählungen und Theater machte er manchen Mitgefangenen Mut und zeigte Perspektiven auf. Wie er später einmal erklärte, war es sein „erstes Praktikum als Geschichtenerzähler. Gegen Heimweh, Verzweiflung und Tod“.

Nachdem er 1949 zu den heimatvertriebenen Angehörigen im oberbayrischen Rosenheim zurückkehrte, heiratete er noch im selben Jahr seine Verlobte Annelies Kind. Als Spätheimkehrer musste er den beruflichen Anschluss finden und sich zuerst auf den Broterwerb besinnen. Er schrieb für Tageszeitungen und produzierte für den Rundfunk, qualifizierte sich für den Lehrerberuf.

Das war mein erstes Praktikum als Geschichtenerzähler. Gegen Heimweh, Verzweiflung und Tod.
Otfried Preußer über die Kriegsgefangenschaft

Um große Klassen mit über 50 Schulkindern ruhig zu bekommen, kam ihm sein Erzähltalent zupass. Den feinen Sprachduktus fand er beim Auf- und Abgehen – immer das Diktiergerät „Pearlcorder J 300“ in der Hand. Sein Biograf Tilman Spreckelsen erwähnt die Anekdote, dass Tochter Regine Stigloher die Firma Olympus, nachdem diese die Produktion des Geräts eingestellt hatte, solange bearbeitete, bis sie die Restbestände einkaufen durfte. „Und Preußler nahm weiter seine Texte im Gehen auf“, so Spreckelsen.

Deutscher Buchpreis für den „kleinen Wassermann“

Als Lehrer, Schriftsteller, Hörspielautor und Rezensent war Preußler bienenfleißig. Folgenreich wird die Begegnung mit Lotte Weitbrecht und ihrem Thiemann Verlag. Die Verlegerin gilt als Entdeckerin bedeutender Autoren wie Michael Ende. Sie wurden handelseinig.

1956 wurde der „Kleine Wassermann“ mit dem Deutschen Kinderbuchpreis ausgezeichnet und machte Preußler über Nacht bekannt. Ende der 1950er Jahre baute er darüber hinaus noch eine Brücke für die Kollegen der tschechoslowakischen Kinderliteratur, denen er auf dem deutschen Buchmarkt ihren Platz verschaffte. Außerdem war er Vater dreier Töchter und erzählte immer wieder die Geschichte, dass sie sich vor bösen Hexen fürchteten, und er ihnen leichthin versprochen habe, die gebe es gar nicht – nur gute.

Gut gegen Böse, das ließ sich bei ihm nicht im schwarz-weißen Schema erzählen. Preußler ging als feinsinniger Psychologe äußerst geschickt vor, um seinen Lesern zu vermitteln, wie sie sich behaupten, ohne selbst grob und ungerecht zu werden. Als kluge Berater und Freunde fungieren in seinen Geschichten Tiere wie der Karpfen Cyprinus, der Rabe Abraxas oder der Uhu Schuhu.

Und so klein wie sie sind, gewinnen seine Heldinnen und Helden in ihren Abenteuern denn auch haushoch gegen Mobber, Schwätzer und Zankäpfel. Immer noch erobern „Der kleine Wassermann“, „Die kleine Hexe“ und „Das kleine Gespenst“ zahllose Kinderzimmer. Ebenso mit dem verfressenen wie berechenbaren „Räuber Hotzenplotz“, dem „starken Wanja“ und dem gruseligen „Krabat“ schrieb Preußler Klassiker der Kinderliteratur.

Zumal Verfechter der antiautoritären Erziehungsideale warfen ihm Schönfärberei vor, was den Autor hart traf. Mit Figuren wie dem Zauberer Petrosilius Zwackelmann, der einen Diener braucht, der für ihn seine Leibspeise Kartoffeln schält, oder dem Wachtmeister Dimpfelmoser, dem die Großmutter erst seine Knöpfe annähen muss, bis er den Räuber Hotzenplotz jagen kann, kolportiert er Autoritätspersonen famos. Auch da hatte der Autor aus der eigenen Geschichte gelernt.

Krabat ist die Geschichte seiner Generation

Preußler gehörte zur sudetendeutschen Minderheit in der Tschechoslowakischen Republik. Die verleibten sich 1938 die Nazis ein, was von vielen Sudetendeutschen mit Begeisterung aufgenommen wurde. Preußler schrieb für die Zeitschrift der Hitlerjugend.

Spreckelsen erwähnt seinen Debütroman „Erntelager Geyer“, der damals im „Junge Generation Verlag“ in Berlin erschien und „seither bis zum Tod des Autors kaum rezipiert“ wurde. Erzählt wird von einem       Arbeitseinsatz auf dem Land, zu dem im Sommer 1940 „Pimpfe“ in einem nordböhmischen Dorf bei der Ernte helfen. Benannt ist der Roman nach dem Anführer des „Schwarzen Haufens“ im Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts.

Zehn Jahre hat Preußler mit seinem „Krabat“ gerungen. Das Motiv geht zurück auf eine   alte sorbische Sage, in der ein Betteljunge in einer geheimnisvollen Mühle Arbeit und Lohn findet.

Der Lehrling muss bald feststellen, dass er in einer „schwarzen Schule“ gelandet ist. Zwölf Mühlknappen unterrichtet der Müller in der Schwarzen Kunst. Krabat muss sich gegen seinen Meister behaupten, der ihn zum Kampf herausfordert. Preußler erklärte später, es sei seine Geschichte, „die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“